Wenn später alles schief geht. Und das wird es.

11. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Was für historische Tage! Erst wird am Montag der ESM in die Spur geschickt, dann stellt der Euro in Griechenland seine Frieden stiftende Kraft zur Schau. Am Samstag zuvor schauten 13,5 Millionen Leute „Wetten dass…! Hallelujah! Man stelle sich vor, niemand hätte „Wetten dass…!“ geschaut, dafür aber 13,5 Millionen Leute gegen den ESM protestiert… Doch Lanz, Bohlen, Gottschalk & Co. erregen weit mehr öffentliches Interesse als die wirklich wichtigen Dinge. Das ist gut! Oder?

Seltsam. Je mehr Informationen es gibt, desto weniger bleibt in den Köpfen hängen – zumindest ist das mein Eindruck und ich täusche mich gerne. Ich muss jedesmal schmunzeln, wenn „B5 aktuell“ seine Stationskennung spielt, in der es heißt: Radio für die Infogesellschaft. Davon bekomme ich höchstens Seitenstechen.

Die Eurokrise scheint derzeit Pause zu machen – zumindest offiziell. Es ist ja gar keine Krise des Euro, sondern eine Krise in den Bilanzen: Schulden hier, Gutgaben dort. Demzufolge ist es eine Überschuldungskrise, Geldkrise oder nennen Sie das Ding wie Sie möchten. Es wird sowieso jeden treffen wie ein plötzlicher Platzregen oder die nächste Erkältung. Mit dem ESM wurde das tausendjährige Europäische Reich zementiert, obwohl das auch nur solange funktioniert, bis es nicht mehr funktioniert. Der alte Murphy… Niemand kann etwas gegen sein Gesetz tun.

Euroretter, Eurorettung, Wachstumspakt, Fiskalbremse, Schuldenbremse, Aufschwung.

Was für ein Blödsinn! Man nennt die Dinge längst nicht mehr beim Namen. Die Märkte könnten ja beunruhigt werden oder die Leute vor Wahlen – also immer. Es ist irritierend, dass die Leute jedesmal wieder auf die verrückten Slogans und die noch verrückteren Vorhaben im Wahlkampf hereinfallen. Nun ja, bei Klementine und dem Weißen Riesen hat es ja auch funktioniert. Und das war ehrlicher.


Ich mal mir meine Welt, wie sie mir gefällt, singt Pippi Langstrumpf. Und so springt sie inkognito im Fernsehen herum gesprungen und tanzt durch durch die Ätherwellen. Und das erfolgreich. Dass viele den unaussprechlichen EFSF oder den never ending ESM mit Waschmittel, Brotaufstrich oder einer technischen Revolution im Auto verwechseln, hat doch wirklich seine heiteren bzw. auch nützlichen Seite: Es bleibt gemütlich ruhig da draußen – zumindest offiziell – und Pippi Langstrumpf wird niemals arbeitslos. Vielleicht ist sie inzwischen zur Propagandachefin ernennt worden, ohne dass die jemand eine Pressekonferenz geben muss. Das tun andere.

Um gegen etwas zu protestieren, muss man es erst einmal verstanden haben, unterscheiden zu können zwischen gut und schlecht bzw. es selbst spüren oder direkt davon betroffen sein – wie von der GEZ-Steuer für alle ab dem 1. Januar 2013. Das wird ein Geschrei. Dann wird man fragen, was so eine Sendung kostet oder wieviel der Moderator verdient. Es werden Schadensummen zusammen addiert und laut gekreischt, während an anderer Stelle Schäden entstanden sind, die im Vergleich zu einem Fernsehprogramm viel gravierender ausfallen, es aber niemand versteht.

Ganz nebenbei: Wieso schafft man die GEZ nicht einfach ab und überlässt das Eintreiben der TV-Steuer nicht dem Finanzamt? Weil Behörden die unangenehme Eigenschaft aufweisen, beharrlich wachsen zu wollen, während sie nichts produzieren als Kosten, Ärger und Datenmengen. Folgerichtig ist also, dass die GEZ bald mit zusätzlichen 400 Leuten zur Schnüffelorganisation ausgebaut wird und sich selbst hinter dickem Stacheldraht in Köln verschanzt.

Oder sehen Sie das Geplärre um den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Wieviel hat er nebenbei verdient? Darum geht es doch nicht – es geht eher darum, wer ihn berät, wer hinter ihm Fäden zieht, wessen Dienste er in Sachen Gesetzgebung und Aufspaltung von Banken in Anspruch nimmt. Zu kompliziert? Oh ja! Die Diskussionen bleiben an der Oberfläche. Hintergründe zu erforschen kosten Zeit und danach oft Nerven. Aber diese Diskussionen geben gute Anhaltspunkte, wo sich eine Gesellschaft befindet.

Unterdessen kämpft Steinbrück um Glaubwürdigkeit. Und er ist damit nicht allein. Vielleicht wäre es wissenschaftlich leicht nachweisbar, dass sich Anstand nicht mehr in die oberen Etagen der Politik durchkämpfen kann, weil Anstand zuerst weg gebissen wird. Nach neuesten Emnid-Umfragen unter den verbliebenen Wählern, würden 28 von 100 Leuten die SPD wählen. Das spricht Bände. 37 Prozent würden die CDU wählen, was ebenfalls Bände spricht. Dass 40 von 100 möglichen Wählern ihre Stimme für sich behalten – auch.

Ja klar, die Leute brauchen Informationen und Unterhaltung. Was soll sie sonst durch den Tag oder besonders durch den Abend begleiten? Natürlich möchte auch ich Nachrichten sehen, Dokumentationen, Filme, Hintergründe. Doch was Nachrichten betrifft, ist der Anteil an Propaganda auf gefühlte und scheußliche 20 Prozent gestiegen. Ab einer Quote von vielleicht 60 bis 80 Prozent gibt es dann eine Revolution. Vermutlich verläuft die Propagandakurve ähnlich der Schuldenquoten im Geldsystem synchron, was aufregende Zeiten für die Zukunft verspricht.

Es ist erstaunlich, wieviele Leute von alle dem, was in den Zeitungen steht, nichts wissen…wollen. Vielleicht ahnen sie etwas, aber wahrscheinlich wollen sie in Ruhe gelassen werden, wo es doch in ihrem eigenen Gebälk mehr als genug kracht. Allein durch die Beschleunigung der Arbeitsprozesse und dem zunehmenden Druck zwischen Löhnen und den Kosten des Alltags will man sich verständlicherweise nicht auch noch am Abend mit dem Plunder aus den Nachrichten abgeben. Aber mitreden wollen…

Wissen zu sammeln, Hintergründe zu verstehen und sich entsprechend zu positionieren und Vorsorge zu treffen ist mit Zeit und Kraft verbunden bzw. anstrengend. Deshalb lassen sich die meisten treiben – und wundern sich, wenn sie dort landen, wo sie eigentlich nicht hin wollten. Ganze Strategien sind darauf aufgebaut.

Im Mediengeschäft hört man immer wieder, die Dinge wären zu kompliziert – man müsse sie den Leute besser und verständlicher erklären. Offenbar verlaufen Kompliziertheit der Dinge und Dummheit in der Bevölkerung gegenläufig. Und was die Schulden den jungen Leuten heute mit an die Hand geben, ergänzt durch das, was die Eltern zu leisten in der Lage sind, reicht offenbar nicht aus, um einigermaßen gewappnet durchs Leben zu kommen.

Das Durchlesen eines Buches zum Thema Geld dauert viele Stunden. Was man in dieser Zeit alles tun könnte. Zum Beispiel dreimal nacheinander „Wetten, dass…! schauen, die letzten fünf Folgen der „Geissens“, um danach noch die Wohnung aufzuräumen. Was bringt wohl mehr?

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