Wenn Luftschlösser zusammenbrechen – Oder: Hören Sie jetzt auf, auf die Rattenfänger zu hören?

24. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es ist Samstag. Und ich rege mich auf. Nicht ein wenig, sondern heftig. Ich könnte Leute erwürgen vor Wut. Ich könnte denen eine reinhauen, die im Frühjahr allen, die gewarnt haben, mitleidig lächelnd schwachsinnige Plattitüden entgegengehalten haben, wissend, dass das Anlegervolk an ihren Lippen hängt und ihnen die Taschen vollmacht…

Mir wird speiübel, wenn ich die jetzt mit ihren blödsinnigen Rechtfertigungen höre, die nur zwei Schienen haben: Entweder faselt man etwas davon, dass diese Entwicklung niemand habe vorhersehen können … oder dieses Gesindel geht in die Offensive, indem es die Kursabschläge als völlig überzogen einstuft und die Anleger auffordert, in fallende Messer hinein zu kaufen.

Ach ja: Und dann gibt es noch eine Gruppe, die diejenigen, die gewarnt haben, dass es zu einem solchen Blutsturz kommen kann, die Schuld geben, weil sie die Stimmung verdorben haben. Ich vergaß.

Wieder mal ist ein Moment da, an dem deutlich wird, dass Prognosen an der Börse völlige Idiotie sind. Wieder mal zeigt sich, dass Entwicklungen nur so lange vorhersehbar sind, solange alle auch genau das tun, was dazu nötig ist. Im Fall einer Hausse heißt das: Immer weiter kaufen, immer weiter verschulden, immer weiter konsumieren. Überall. Ohne Pause. Sonst passiert, was jetzt bereits passiert ist und weiterhin passieren könnte. Wie gesagt: Es ist Samstag. Ich weiß nicht, ob es nun am Montag nach einem „Grey Friday“ zu einem „Black Monday“ kommen wird. Aber es kann dazu kommen.

Dass ich das nicht vorhersehen kann und dergleichen auch noch immer wieder betone, macht mich zu einem allgemein als ehrlich angesehenen, aber armen Börsenbrief-Autoren. Denn die Klientel, die kapiert, was ich schreibe, braucht mich in der Regel nicht, weil sie selbst genug Sachverstand und Erfahrung hat. Und die, die den Flötentönen der Rattenfänger folgen, die mit ihren Prognosen die ewige Hausse verkünden, gehen davon aus, dass einer, der nicht weiß, wo der DAX am Jahresende steht, ein Trottel ist. Bitte schön. Damit kann ich leben.

Die netten Herren sagen, das geht schnell vorbei 

Aber ich bedaure dennoch diejenigen, die plötzlich Angst bekommen. Der DAX sollte doch noch bis 13.000 steigen, hieß es. Noch höher eher. Und die Wall Street ohnehin, weil doch Vorwahljahr ist, das statistisch mit Abstand beste im vierjährigen Zyklus zwischen den Präsidentschaftswahlen. Und außerdem war doch allgemeiner Konsens (bis auf wenige Spinner, die das anzweifelten, aber wer hört denn auf die, wo von denen die Hälfte nicht mal eine Krawatte umhat) dass die Staatsanleihekäufe der EZB den DAX immer höher treiben werden (nicht könnten, werden, hieß es) weil es keinerlei Alternative mehr zu Aktien gibt. Das haben die doch alle gesagt. Und jetzt?

Jetzt haben nicht wenige auf einmal Verluste, die sie mit zehn Jahren Negativ-Zinsen nicht hätten einfahren können, binnen vier Monaten kassiert und werden auch noch vehement aufgefordert, in fallende Kurse zuzukaufen. So wie damals bei der T-Aktie. War auch eine Super-Idee. Und viele werden dennoch darauf hören. Denn wenn erstmal Verluste zu Buche stehen, hört man erst Recht auf die, die es doch wissen müssen, die (sagen sie doch selber) eigentlich nichts dafür können und die jetzt gebraucht werden. Weil sie die Anleger beruhigen. Im Verlust zukaufen beruhigt, weil man etwas tut, aktiv „dagegenhält“ und den „Einstand verbilligt“ (hahaaa), statt wie das Kaninchen vor der Schlange ohnmächtig zusehen zu müssen, wie gerade die Altersvorsorge schrumpft, bei der man gerade vor wenigen Monaten massiv auf Aktien umgeschichtet hat. Und da sind dann eben die netten Herren, die es wissen müssen, die erklären, das gehe alles schnell vorbei.

Prognosen? Bei jedem Scharlatan um die Ecke zu haben 

Stimmt. Könnte sein. Es könnte schnell vorbei gehen. Es könnte schnell wieder deutlich nach oben gehen. Aber es muss nicht. Wer das nicht sehr, sehr deutlich hervorhebt, in diesem Geschwafel, das verhindern soll, auf der Straße mit faulem Obst beworfen zu werden, ist entweder ein Trottel oder ein Lügner. Einer, der in diesem Beruf nichts verloren hat. Ich bitte alle, die das hier lesen und verstehen, all denen, die bislang zum denken zu faul waren, aber genug Zeit hatten, ihr Geld anderen in die Hände zu geben, zu sagen: Seid vorsichtig. Werft gutes Geld nicht schlechtem hinterher, bevor sich erkennen lässt, dass sich der Abwärtsimpuls ausgetobt hat. Und da reicht eine Gegenreaktion von zwei, drei Tagen nicht. Da braucht es nun mehr. Und wenn man nun zukaufen will, dann sollte man die innere Stärke haben zu warten, bis die Chancen ausreichend gut sind, dabei nicht kurz vor dem nächsten Abwärtsschub einzusteigen. Sprich: Man muss eben damit leben, deutlich über dem Tief zu kaufen.

Es wird ganz sicher nun Leute geben, die diese Kolumne lesen und denken: Wenn der Typ hier meint, so schlau zu sein, warum hat er uns diesen Kurseinbruch nicht vorher angekündigt? Warum sagt er uns nicht, wann das Tief sein wird und auf welchem Niveau? Ich grüße all diejenigen und empfehle mich. Sie haben nicht verstanden, was die Börse ist und wie sie funktioniert, hampeln aber trotzdem mit Ihren Ersparnissen mittendrin herum. Ziehen Sie Ihr Geld ab. Lesen Sie ein paar Bücher zum Thema. Informieren Sie sich gründlich. Üben Sie mit „Trockengeld“. Und dann kommen Sie wieder. Auch, wenn man Ihnen das überall vorfaselt: Die Börse ist weder einfach noch harmlos. Sie ist ein verdammt schwieriges Pflaster.

Natürlich kann niemand vorhersagen, wann und auf welchem Niveau ein Crash auftritt. Was man tun kann, ist festzustellen, dass das Risiko für eine Trendwende steigt. Das habe ich in all meinen Kolumnen über Monate getan, statt denen, die ohne Denken und Arbeit viel Kohle machen wollten, nach dem Munde zu reden. Bitte im Zweifelsfall nachlesen unter www.baden-boerse.de/kolumnen.html. Was man als Anleger dann tun muss, ist a) sich selbst ein Bild machen und b) vorsichtig agieren.

Warum es zu dieser galoppierenden Fallsucht kam und warum man nicht wissen kann, was am Montag nun passieren wird, ist eigentlich ein und dieselbe Begründung – und sie betrifft den Kern der Börse, ihr Wesen: Sie wird von Menschen gemacht.

All das, wovor ich in den vergangenen Monaten, teilweise Jahren, gewarnt habe, höhlt zwar das Fundament aus, auf dem ein Kursanstieg ruht. Aber der Zusammenbruch des Kartenhauses passiert – es sei denn, es kommt zu extremen externen Ereignissen, was aber selten ist – erst dann, wenn die Stimmung kippt, sprich die Mehrheit des aktiven Kapitals zuerst aufhört zu kaufen und dann beginnt, auszusteigen. Und das passiert, wenn man nicht mehr an die Argumente, die einen vorher zum Einstieg bewogen haben, glaubt. Was waren das für Argumente? Die wichtigsten:

Drei zusammengebrochene Luftschlösser

Wall Street:

Die US-Wirtschaft ist quietsch gesund, so dass Leitzinserhöhungen zum einen nicht stören werden und sogar ein bisschen bremsen dürfen. Und dass der US-Dollar steigt, macht überhaupt nichts, ein starker Dollar ist schließlich immer gut. Aha.

Dass die Unternehmensgewinne und vor allem die Umsätze unter diesem starken Dollar litten, führte zunächst nur zu einer monatelangen Seitwärtsbewegung. Doch als am Mittwoch durch das da veröffentlichte Protokoll der letzten US-Notenbanksitzung klar wurde, dass sogar die sonst immer so fein rosa malende US-Notenbank die Konjunktur als nicht stabil genug ansieht, um die Zinsen anzuheben, kippte die ohnehin graue Stimmung. Wenn die schon sagen, dass es nicht so gut aussieht, wie übel muss es denn da nun wirklich aussehen?

Dass das Wachstum nicht aus Stahl, sondern aus Pappe war, hätte jeder selber erkennen können, wenn er/ sie sich die Konjunkturdaten der letzten Monate angesehen hätte. Aber a) ist es einfacher, die Sprüche der Notenbank und den Stand des Dow Jones als Indikation zu nehmen statt sich wirklich zu informieren, b) verkauft niemand, bevor nicht die anderen auch verkaufen. Dass das dann zu etwas führt wie dem, was wir nun in den letzten drei Tagen an der Wall Street gesehen haben, glaubt vorher keiner, weil alle denken, sie selbst würden schon noch rechtzeitig aussteigen können. Tja.

Europa: 

Dass wirklich sehr, sehr ernstzunehmende Leute wie Jens Weidmann oder Hans-Werner Sinn vor dem gewarnt haben, was die EZB da treibt, interessierte keinen. Dass man da ebenso wie beim Griechenland-Drama nach dem bescheuerten Prinzip „viel hilft viel … und wenn nicht, hilft halt noch viel mehr viel“ vorging, juckte kaum jemanden, denn man dachte ernsthaft mehrheitlich, dass man mit diesen Milliarden, die man aus dem Hut zaubert, den Euro immer weiter drücken und die zehnjährigen Anleiherenditen in negatives Terrain bringen wird, dies das Wachstum wiederbelebt und den DAX durch die Decke trägt. Wer das nicht glaubte, hatte in den Medien erstens keinen Raum und war zweitens ein betonköpfiger Trottel.

Doch nun stellt man fest: Der Euro steigt, statt zu fallen. Und das nicht nur zum Dollar, sondern nun auch zum Renminbi. Die Konjunktur reagiert nicht, die Konsumenten reagieren kaum. Das alleine hätte zwar nur zu einem ein klein bisschen unguten Gefühl geführt, weil sich die Mehrheit auch weiterhin nicht überlegt hätte, was nun eigentlich die Zukunft bringt, wenn all die Milliarden, die die EZB erschafft, kein Phantasiegeld mehr sind, sondern zu echtem Geld werden, das die Wirtschaft aufsaugt … aber vielleicht nie wirklich erwirtschaften kann. Auch die Erkenntnis, dass Europa außerstande ist, selbst einen Zwerg in ihren Reihen wie Griechenland wieder in die Spur zu kriegen, hätte nicht alleine eine nachhaltige Wende bewirkt. Aber das Europa-Problem steht nun eben nicht mehr alleine. Da kommt, neben der Wall Street, nun auch China dazu:

China: 

China war „der“ Motor für das Restwachstum in Europa und den USA. Nun aber sieht man dort die Kurse purzeln, zugleich werden die Konjunkturdaten immer übler. Dass die Behörden massiv dagegenhalten, indem sie aktiv den Aktienmarkt stützen und die Währung abwerten und bislang absolut nichts davon funktioniert, macht vielen plötzlich klar, dass da gerade etwas kippt, das mit Blick auf die Weltwirtschaft nicht kippen darf.

Da nun daherzukommen und die Relation hervorzuheben, die der China-Handel in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt der USA oder Deutschlands ausmacht, ist einfach nur idiotisch. Es geht nicht um diese Zahlen, nicht einmal ein bisschen. Es geht um die Kettenreaktion, die daraus entsteht. Wenn ein wichtiger Baustein in diesem Turm zu Babel, der unsere Weltwirtschaft seit Jahren ist, herausbricht, hat das zur Folge, dass dieser für die Börsen lebenswichtige Ringelreihen aus künstlichem Wachstum durch steigende Verschuldung unterbrochen wird. Dass Leute Geld wiederhaben wollen, das die Banken nicht haben, weil sie es mit dem Faktor zehn an andere weiterverliehen haben. Weil plötzlich Leute nicht mehr konsumieren, die es dringend müssten, weil die Waren abgesetzt werden müssen, die anderen Arbeit geben, Basis für andere Kredite sind, als Argument für immens hohe Aktienkurse dienen.

Crash oder kein Crash?

Drei entscheidende Elemente kippen nun gleichzeitig. Dass diese Scharade nicht gutgehen würde, war absehbar, Dass das zeitlich so nahe beieinander liegen würde, indes nicht. Hinzu kommt, dass die Kurse von den Handlungen der Anleger, egal, ob Privatanleger oder riesiger Hedgefonds, abhängen. Und je heftiger sich die Kurse bewegen, desto größer wird die Rolle der Emotionen dabei. Und da die nun einmal nicht berechenbar sind, ist es nicht möglich abzusehen, ob wir am Montag nun erst recht einbrechende Kurse sehen oder eine massive Welle an Käufen. Alleine auch deshalb, weil:

1. a)  Bären, die in Short-Positionen Gewinne mitnehmen, dazu ja Long gehen müssen, was zur Folge hätte, dass Kaufdruck entsteht, auch, wenn diese Bären nicht bullish werden, sondern nur ihre Gewinne einfahren wollen.

2. b)  Der Terminbörsen-Verfalltermin am Freitag bedingte, dass massenweise Stillhalter in Puts genötigt waren, sich über Short-Positionen im Future abzusichern. Das führte zu einer Kettenreaktion: Je mehr sich absicherten, desto weiter fielen die Kurse und noch mehr Absicherungen waren nötig. Werden diese Positionen nun eingedeckt oder nicht? Das wird aus der Situation heraus entschieden … was wiederum bedeutet, alle schauen nervös, was die anderen tun werden.

3. c)  Die Rolle der das Geschehen immer mehr dominierenden computergesteuerten Handelsprogramme ist völlig unberechenbar. Dort werden Trends meist immer mehr intensiviert … aber nur, wenn die „Bediener“ da nicht eingreifen. Werden sie das tun? Auch das ist eine emotionale, aus der Situation entstehende Entscheidung – bei jedem einzelnen.

4. d)  Ach ja … und die Margin Calls? Wie viele kleine und große Spieler haben nun einen Margin Call, sprich bei wie vielen ist nun die Sicherheitsleistung für ihre Futures-Long- Positionen aufgebraucht? Und wie viele können zahlen, wie viele nicht? Falls die Zahl letzterer groß ist, erleben wir möglicherweise plötzliche Blutsturz-Phänomene bei den Indizes wie im Oktober 2014. Denn die Terminbörsen-Betreiber kennen da nichts: Zwangsverkäufe werden in den Markt gekippt wie Eiswasser.

Und da soll irgendjemand nun wissen, ob es zum Crash kommt oder zu einer Mords-Rallye, die das Ganze erst einmal wieder beruhigt? Da soll irgendwer in seiner Glaskugel sehen können, was dann danach käme, am Dienstag? Oder gar, alle mal lachen, was aus DAX & Co. bis zum Jahresende wird? Ob jetzt Blutrühren angesagt ist, um mit Friedhelm Busch zu sprechen, oder die Verkäufe zumindest Pause machen, wird vom Augenblick abhängen, an diesem Montag. Und in jedem neuen Augenblick auch neu entschieden.

Hoffnungsanker a la Oktober 2014 – woher nehmen?

Wobei man eines im Hinterkopf behalten sollte: Auch, wenn der richtig große Knall ausbleiben sollte, sind die Perspektiven doch weiterhin bestenfalls grau. So etwas wie die Hoffnung, dass die EZB-Staatsanleihekäufe a la Brechstange alles wieder ins Lot bringen werden, die im letzten Oktober für eine ansatzlose Rallye nach scharf abrutschenden Kursen sorgten, sind im Moment zumindest knifflig vorstellbar. Im Gegenteil könnte es sogar sein, dass zusätzliche Aktionen den Anlegern das Gefühl vermitteln, dass nun auch die Notenbanken in Panik geraten und kontraproduktiv wirken, also: Vorsicht.

Noch eines zum Abschluss: Ich werde ab sofort keine Testphasen für meinen Börsendienst mehr akzeptieren, unmittelbare Abonnement-Anfragen auch nicht, bis diese Börsenphase vorbei ist. In all den Jahren, die ich nun schon in diesem Beruf arbeite, habe ich es immer wieder erleben müssen, dass mich zuerst jahrelang alle als „Perma-Bären“ bezeichnen und dann, wenn der Baum brennt, eine kostenlose Testphase beziehen, um vier Wochen lang gratis durch eine solche Phase geleitet zu werden. Dieses Spielchen spiele ich nicht mehr mit. Wer vorher so schlau war und meine Arbeit nicht brauchte, braucht sie jetzt auch nicht.
Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de

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