Wenn die Wende dreimal klingelt

29. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Einer der klassischen Sprüche der Börsianer ist: „An der Börse wird zum Einstieg/Ausstieg nicht geklingelt“. So banal das klingt, so wahr ist es doch. Aber trotzdem ist mir, als hätte ich es in den vergangenen Wochen gleich dreimal lautstark klingeln hören! Wir sind einer Trendwende nach unten jetzt schon mehrfach haarscharf entkommen. Aber diesmal, so vermute ich, entkommen wir ihr nicht mehr…

Dieser alte Börsen-Leitspruch mit dem „Geklingel“ sagt nicht aus, dass es nicht möglich wäre, eine Trendwende an den Börsen zu identifizieren. Der Spruch will uns nur mitteilen, dass wir zum einen den Zeitpunkt einer solchen Wende nie vorhersehen können und dass man immer Gefahr läuft, sie nicht rechtzeitig wahrzunehmen. Und ich glaube, beides gilt für den momentanen Stand der Dinge so sehr wie vielleicht seit 82 Jahren, seit 1929, nicht mehr. Ich meine: Die Aktienmärkte sind schon seit längerer Zeit tot. Sie stehen nur deswegen noch aufrecht, weil die Marktteilnehmer es bislang einfach nicht wahrhaben wollten. Und genau das ändert sich gerade.

Ich habe in den vergangenen Monaten schon so viel und so oft über all die negativen Aspekte in meinen Marktkommentaren geschrieben, die weder von der Masse der Politiker … der Unternehmer … der Anleger zur Kenntnis genommen werden (die negativen Aspekte, nicht die Marktkommentare … na ja, die auch), dass ich all das nicht noch einmal aufwärmen will. Wer mag, kann das ja in meinem Archiv, das momentan alle Kolumnen ab Oktober 2008 umfasst, nachlesen (www.system22.de/kolumnen.html). Ich will heute speziell die drei Säulen nennen, die das Fundament einer stabilen Börse bilden müssen. Die dritte Säule bricht gerade in sich zusammen, so dass insbesondere der Aktienmarkt, aber auch manche Rohstoffe außerhalb der Edelmetalle, bereits im luftleeren Raum schweben. Und was passiert, wenn man immer höher hinauf steigt, um dann beim ersten Blick nach unten festzustellen, dass die Leiter längst nicht mehr da ist, wissen wir ja aus zahllosen Trickfilmen.

Die erste Säule: Wachstum und Geld

Die erste Säule ist der Zustand der Weltwirtschaft. Seit über zwei Jahren hören wir von stabilem Wachstum, das, wenn es versehentlich beim Binnenwachstum hapern sollte, immer automatisch durch das ewige, massive und vor allem den USA und Europa Gewinn bringende Wachstum der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China stabilisiert wird. Ist das so? Ist es nicht. Es war so, über Jahre hinweg, das ist wohl wahr. Aber diese aufstrebenden Nationen sind mittlerweile lebenswichtige Geldgeber für die USA ebenso wie für Europa und nicht umgekehrt, denn sie finanzieren über das Aufsammeln ihrer Anleihen deren Schuldentürme.

Auf der anderen Seite wird die Abhängigkeit der BRIC-Staaten von den USA und Europa in rasendem Tempo geringer. Man produziert nicht mehr für die Konsumtempel dieses Planeten, man produziert für sich. Und das auf eigene Rechnung und immer weniger unter dem Joch großer US-Unternehmen. Dementsprechend wird der goldene Strom, der aus diesen Ländern in die „alten“ Industrienationen fließt, Jahr um Jahr kleiner werden. Und wenn ein Land wie China ganz bewusst auf die Wachstumsbremse tritt, um die Bildung einer Blase zu verhindern, zeigt das nicht nur eine deutlich höhere Weitsicht als hierzulande, sondern verringert auch die Gewinne, die große europäische und US-amerikanische Unternehmen dort erzielen.

Flau klingende Prognosen für das laufende dritte Quartal sind ein Anzeichen dafür. Und immer mehr Marktteilnehmer erkennen auch, dass die überraschend gut ausgefallenen Quartalsbilanzen aus den USA nur den Zustand der Großindustrie beleuchten und übertünchen, dass kleinere und mittlere Unternehmen immer mehr unter Druck geraten. Das erkennen wir an den immer schwächer werdenden Konjunkturdaten aus den USA ebenso wie an sukzessive nach unten laufenden Stimmungsindikatoren (ZEW, ifo) aus Deutschland, dem letzten Hort des Wachstums in Europa. Darüber hinaus zeigen Frühindikatoren wie beispielsweise der Baltic Dry Index, dass mit einer Wiederaufnahme des durch zahllose Geldspritzen finanzierten Wachstums in nächster Zeit nicht zu rechnen ist. Und woher auch … denn diese Spritzen sind leer. Was zur zweiten Säule führt… (Seite 2)

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