Wenn die Schuhe zu groß sind – wird Stolpern zur Gangart

3. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Unser Bundespräsident und der Eurobefinden sich am Scheideweg. Und die Märkte bejubeln dennoch 2012. Für zwei war 2011 dann irgendwie doch noch ein gutes Jahr: Der Euro und der Bundespräsident konnten sich über den Jahreswechsel retten, wenn auch schwer angeschlagen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel…

Auf den zweiten Blick ist es jedoch genau jener Präsident Wulff, der demnächst das Gesetz zum sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM auszufertigen hat. Nachdem Wulff sich vor einigen Monaten kritisch zu diesem Vehikel äußerte, konnte man sich vielleicht nicht mehr ganz so sicher sein, ob er derartige „Rettungsmaßnahmen“ genauso eilfertig durchwinkt wie sein aus dem Amt geflohener Vorgänger. Es muss zu jener Zeit gewesen sein, als die Wühlarbeit in den Kreditakten des Präsidenten begann. Kritik an den Marschbefehlen der „alternativlosen“ EU und selbsternannten „Euro-Retter“?! Nein, dazu war Wulff nicht so mühsam ins Amt gehievt worden.

Die gegen Wulff entfesselte Kampagne – und die Spatzen lassen von den Dächern pfeifend durchblicken, dass weitere Munition bereitliegt – beruht überwiegend auf Altvorgängen, wie etwa seinen Urlaubsreisen und den erwähnten Kreditverträgen. Insidern sollte vieles davon bereits vor seiner Wahl bekannt gewesen sein. Möglicherweise machte ihn überhaupt erst diese latente Drohkulisse zum verlässlichen Wunschkandidaten?!

Darling der Meute

Gewiss, Wulff ist kein großer Präsident. Seine Anbiederung an den Zeitgeist wirkt genauso aufgesetzt wie der erhobene Zeigefinger, mit dem er den „lieben Mitbürgern“ Wasser predigt. Zudem hat Wulff noch jedes Mal, wenn von ihm mehr als das Ablesen vorbereiteter Reden verlangt wurde, demonstriert, wie wenig er die Schuhe ausfüllen kann, in die er gestellt wurde. Stolpern wurde zur präsidialen Gangart und Ungeschicklichkeit das Markenzeichen Wulffschen Krisenmanagements. Schon bei seiner ersten Bewährungsprobe, dem „Fall Sarrazin“ machte Wulff durch unbedachte Äußerungen eine denkbar unglückliche Figur. Dass er daraus nur mäßig beschädigt hervorging, ist dem Umstand zu danken, dass er seinerzeit noch der Darling der Meute war, während Sarrazin zum finsteren „Outlaw“ stilisiert wurde. Schon damals wurde Wulffs schwieriges Verhältnis zur Presse deutlich, als er eine DIN-Norm für Journalisten forderte.

Präsidenten-Mobbing

Seit gestern wird nun scharf geschossen. Mit einer gezielten Indiskretion aus dem Hause Springer erreicht die Affäre um Wulff ihren vorläufigen Höhepunkt: Natürlich zeigte man sich bei „Bild“ nobel genug, die Entschuldigung des Staatsoberhaupts für dessen Wutanruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann anzunehmen, aber eben nicht nobel genug, um die Sache nicht doch noch irgendwie nach außen dringen zu lassen. Medien, die bislang die Wulff-Affären klein zu schreiben suchten, treten nun beherzt nach. Das ist wahrer Sportsgeist. Wulff soll nun, so unser Eindruck schnellstmöglich ausgetauscht werden (fragt sich nur, gegen wen?), um den ESM-Prozess und ähnliche Ermächtigungsgesetze nicht weiter zu gefährden. Für den Fall jedoch, dass sich Wulff weiter an das Amt klammert, wird er wohl zahnlos in der Deckung bleiben. Zum Helden scheint er jedenfalls nicht geboren… (Seite 2)

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