Wenn der Zinshexer sich verhext

3. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer hat nicht schon ohne Rezept gekocht. Ein Ei zuviel, ein bisschen Salz zuwenig. Das alles ist kein Drama, wenn man es mit der vergessenen Zutat beim großen Zinsragout vergleicht. Es fehlt das Hirn…

4Nun, das Hirn wollen wir niemandem absprechen, vielleicht sollte man von einem Mangel an gesundem Menschenverstand sprechen. Man soll doch nicht von bösem Willen ausgehen.

Unterdessen darf man sich die immer schwerer erträglichen Bilder der Endlos-Soap „Give Greece a Chance“ anschauen. Über sinkende Abonnentenzahlen bei den deutschen Gazetten und einen wachsenden Hohn, der sich über ehemals anerkannte Nachrichtensendungen wie die Tagesschau ergießt, darf sich niemand mehr beklagen. Die Art der Hofberichterstattung, mittels derer versucht wird, dem Bürger auch lächerlichste Dinge noch als große Politik zu verkaufen, erinnert an die DDR. Dabei darf man die Einfügung „die Anfänge“ ruhig weglassen. Mittlerweile wird man täglich an das Endstadium des real nicht mehr exisitierenden Sozialismus erinnert. Seinerzeit wurde überheblich in den westlichen Medien über die Skurrilitäten in den Gremien östlich der Grenze gewitzelt. Mittlerweile scheint man die eigene Metamorphose zur real existierende Satire nicht mitzubekommen.

Besonders witzig ist das alles nicht. Was mögen Bilder von scherzenden Politikern in vielen Menschen auslösen, denen nun seit Jahren Märchen von „last minute“ Entscheidungen und harten Verhandlungen und Kompromisslosigkeit erzählt werden. Es wirkt ein bisschen so, als wäre man seinerzeit live zu den Orgien der Parteibonzen zugeschaltet worden, nachdem man zuvor eine Ansprache zum Arbeiterideal ertragen musste. Die rührenden Geschichten von übers Wochenende ausgearbeiteten angeblich neuen Vorschlägen aus Griechenland und das sinnlose Hinwegtäuschen über eine Insolvenz (nicht nur) Griechenlands, die außer Frage steht, erhöhen lediglich die Zentrifugalkräfte innerhalb des Euro-Gebildes. Spätrömische Dekadenz lässt sich in der politischen Welt Europas sehr wohl beobachten.

Möglicherweise resultieren die offensichtlichen Peinlichkeiten des Nicht-Entscheidens und Schwarzer-Peter-Spielens aus einem falschen Zielsystem. Man will nicht konstruktiv mit einem Problem umgehen, sondern einen Schuldigen für das Problem suchen. Ob das daran liegt, dass man dieses Verhalten von der Kreistagsebene aufwärts so gelernt hat, oder ob man schlichtweg nicht in der Lage ist, Probleme zu erkennen und anzugehen, mag jeder für sich beurteilen.

Angesichts der Mischung aus Einfallslosigkeit und Leugnung von Fakten muss man sich Sorgen machen. Jede Delle beim Wirtschaftswachstum führt zu Schnappatmung und pawlowschem Gruppenaufschrei: Konjunkturpaket! Jedes Zucken des Euro-Gebildes wird mit dem Stoßgebet „runter mit den Zinsen“ gekontert. Das, bei allem Respekt, kann allerdings jeder Depp. Man könnte sich manchen Schlosshotelaufenthalt mit offizieller Theateraufführung europäischer Regierungschefs sparen und dieses hilflose Handeln aus dem home office in Berlin erledigen. Vorher sollte man noch den Trojaner aus dem Netz des Bundestages verjagen, aber das sollte ja am Wirtschaftswundertechnologiestartup-Standort Berlin ein Leichtes sein.

Was die künstlich immer noch sehr tief gehaltenen Zinsen bringen sollen steht in den Sternen. Die Konjunktur ankurbeln, ja sicher. Das Geld, so unlängst der ausgewiesene Wirtschafsfachmann Jean Claude Juncker, müsste aus dem Tiefschlaf geweckt werden, und endlich arbeiten. Das ist eine Äußerung, die die Einbahnstraße der aktuell angesehenen Wirtschaftstheorie der EU verdeutlicht. Wenn nur die Zinsen tief genug sind, wird investiert. Das ist falsch und dass es falsch ist, ist keine Neuigkeit. Hätte man statt der hauseigenen Planwirtschafts-Theoretiker einmal ein paar Praktiker gefragt, hätte man immerhin eine Chance zum Nachdenken erhalten.

Es scheint sich hier, das ist leider kein Trost, um einen globalen Denkfehler der Zentralbanken zu halten. Auch in den Vereinigten Staaten hat man den Einfluss des Zinsniveaus auf Investitionsentscheidungen wohl unterschätzt.

(GMO) CFO survey from Duke University asked CFOs how interest rates had impacted capital spending plans for the next 12 months. A whopping 81% said there was no change! A simple cross-plot of investment to GDP against interest rates reveals no evidence of a relationship at all. Yet despite this, the Fed’s own model of the U.S. economy assumes a very large impact (nearly twice that seen for consumption) of interest rates upon inflation.

Die folgende Grafik (Quelle: GMO) zeigt, wie wenig sich die Unternehmen bei der Investitionsentscheidung vom Zinsniveau leiten lassen. Die bunten Symbole zeigen die aus Umfragen unter Unternehmen stammenden „hurdle rates“. Diese geben die minimale erwartete Rendite an, die ein Projekt einspielen muss. Der Einfluss der fallenden langfristigen Finanzierungskosten (BBB-Renditen) für Unternehmen drückt die hurdle rates kaum.

hurdle rates

Diese Daten sind bemerkenswert. Die Fremdkapitalkosten für Unternehmen in den Staaten sind von fast 14% p.a. auf unter 4% gesunken. Die hurdle rates hat dies nicht beeinflusst. Natürlich sind die Zinsen ein Teil der Rechnung, ob ein Projekt genügend Rendite abwirft oder nicht. Der Anteil der Finanzierung von Investitionen durch Anleihen ist aber überraschend gering. Den mit Abstand größten Teil stellt die Finanzierung aus laufenden Cash Flows dar.

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Nun könnte man, wie das Ökonomen gerne tun, wenn sie offensichtlich falsch liegen, von einer „außergewöhnlich lang anhaltenden Anomalie“ sprechen. Allerdings ist diese auch anderswo verbreitet. Man sieht das an den Ergebnissen aus Australien.

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Während die Zentralbänker von Hoffnung leben, sieht das im echten Leben anders aus.

(afr.com) Woodside Petroleum chief executive Peter Coleman – who has revealed that new investment returns could be towards the lower end of the 12-15 per cent – warned that reducing the challenges of investing to a simple metric was too simplistic.

„We need to create value for our shareholders, not through hope and promise, not through impairing assets after you’ve paid many billions of dollars for them and you decide it was a bad idea, which is what we’ve been doing, but to ensure that we really have a view of creating value,“ he said.

Tja, Geldpolitik ändert eben nur die Verteilung der Vermögen, sie schafft keines. Wohlstand kann man nicht drucken.

All zuviel Honig sollte man aus dem Patentrezept der Zentralbanken nicht saugen. Immerhin darf man schon als Wähler darüber nicht urteilen, so dass dem Bürger die schwere Bürde der Entscheidung nicht auf die Schultern drückt.

Es ist schwer eine Rangfolge des Irrsinns aus Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten aufzustellen. Noch unverständlicher ist die Theorie durch mehr Steuern etwas Gutes für die Wirtschaft zu tun. Daraus spricht die Einstellung, der hohe Rat wisse besser, wofür der Bürger sein Geld ausgeben solle. Immerhin passt es ins Bild der schneller werdenden Entmündigung. Da man schon nicht mehr sagen darf, was man denkt, warum sollte man  an anderer Stelle mehr entscheiden dürfen.

Leider müssen wir nun enden, denn wir wollen natürlich live auf Facebook und Twitter verfolgen, was die Ministerpräsidenten von Lettland, Estland und Malta von der Maut in Deutschland halten. Souveränität 2.0 – Willkommen in der EU. Wie im Musikzirkus heißt es sicher auch in Brüssel bald wieder: Germany, no points.



 

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10 Kommentare auf "Wenn der Zinshexer sich verhext"

  1. FDominicus sagt:

    „Tja, Geldpolitik ändert eben nur die Verteilung der Vermögen, sie schafft keines. Wohlstand kann man nicht drucken.“

    Einfach und klar, kein Wunder das unsere Voodoo-VWLer um dieser Wahrheit etwas entgegensetzen zu wollen ganze Bibliotheken damit füllen warum eine Tatsache nicht so ist wie sie ist….

    Mehr und eindrücklicher kann ich mir eine Empfehlung hier regelmäßig vorbeizukommen nicht vorstellen. Absolut und ohne jede Einschränkung – Klasse.

  2. Helmut Josef Weber sagt:

    „müsste aus dem Tiefschlaf geweckt werden“
    Meine Altersabsicherung (Gold und Silber) werde ich nicht „aus dem Tiefschlaf wecken“, sondern damit den Rest meines Lebens unzenweise meine Minirente aufbessern, wenn ich ein paar Baumwolllappen zusätzlich benötige.
    Was mal später überbleibt, können sich meine Kinder teilen.
    Das Geschwätz in den staatlichen Medien sehe ich mir täglich mit „wachsender Begeisterung“ an und frage mich dabei immer wieder, an welche Zielgruppe sich die Informationen richten.
    Wenn ich nicht in Andalusien wohnen würde, würde ich mir auch jeden Tag eine Bildzeitung kaufen.
    So dämlich kann der deutsche Bürger/Wähler doch nicht sein, sondern sollte in Gelächter verfallen, was ihm aber spätestens dann im Hals stecken bleiben sollte, wenn die europäischen USA-treue Kriegspropaganda immer wieder mit den selben Lügen breitgetreten wird; wenn die EU unter dem Handelsembargo mit Russland leidet, aber die USA den Handel mit Russland drastisch ausweiten, denn ohne russische Raketenmotoren, bekommen die USA z. B. keine Rakete mehr in den Weltraum.
    Vielleicht können die Russen ja auch das Team zur Wartung der Raketenmotoren gleich mit in die USA liefern, damit der Raketenschirm in Osteuropa auch funktioniert.
    Das Gelächter über die Vasallenregierungen in Europa wird in den USA enorm sein, und sie haben auch allen Grund dazu.
    Ich möchte nur mal wissen, ob die NSA auch Muttis Stasiakte hat, denn das würde einiges erklären.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  3. Insasse sagt:

    „Leider müssen wir nun enden, denn wir wollen natürlich live auf Facebook und Twitter verfolgen, was die Ministerpräsidenten von Lettland, Estland und Malta von der Maut in Deutschland halten.“

    Hahahahahahaha… Herzlich gelacht – besten Dank!

    Europäische Integration bedeutet Entfernung der Nationalstaaten und europaweite Gleichmacherei als politisches Ziel. Der eherne Grundsatz, dass nur Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden muss, steht diesem Ziel der sozialistischen Internationale diametral im Wege. Und so darf auch das kleinste Mitgliedsland über das größte mit gleichem Stimmgewicht mitbestimmen. Neuerdings kann es sogar sein, dass ein Land – und sei es das größte – gar nicht mehr an einer EU-Entscheidung beteiligt ist. Wenn dann auf diesem Wege ganz Europa homogenisiert ist, ist der sozialistische Traum der linksgrünen Idealisten (genauer: Spinner) in Erfüllung gegangen. Alles ist Friede, Freude, Eierkuchen, weil es jedem genauso gut, eher aber wohl genauso schlecht, geht. Na, wenn das keine guten Aussichten sind…

  4. mileondoor sagt:

    Sie schreiben:
    „Die rührenden Geschichten von übers Wochenende ausgearbeiteten angeblich neuen Vorschlägen aus Griechenland und das sinnlose Hinwegtäuschen über eine Insolvenz…“

    Besser: „Es wurde bis spät in die Nächte am Wochenende hart gerungen…“

  5. Lickneeson sagt:

    „Angesichts der Mischung aus Einfallslosigkeit und Leugnung von Fakten muss man sich Sorgen machen“.

    Wohl wahr! Während Kritiker und Mahner zu Beginn der Krise als Euroskeptiker oder Reaktionäre beschimpft wurden, wird ihnen heute gerne vorgeworfen, “ immer nur in der Vergangenheit zu verharren…“.

    Wenn also ein Misthaufen auch nach Jahren noch zum Himmel stinkt, darf man dies nicht anmerken, da diese Äusserung keinen Lösungsansatz enhält. Interessant. Erwünscht sind, vor allem in den Medien, naive „wünsch dir was“ – Ansätze wie : neue Kredite, Marshallpläne, Hilfe auf Umwegen über den ESM, was wohl nicht rechtmässig wäre. Aber, hey, seit wann halten sich die Euroländer denn an Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. Also werfen wir eine Decke gedruckten Geldes über den Haufen, dann sehen und riechen wir ihn nicht mehr. Eine Lösung wie aus der Kita.

    Folglich wird das Schuldenschwein wohl weiter durch Europa getrieben…egal wie tief die Zinsen stehen.

    MfG

  6. bluestar sagt:

    Grandioser Artikel ! So viele Wahrheit pikant verpackt, große Klasse.
    Herzlichen Dank.

  7. meinereiner sagt:

    Es hat schon seinen Grund, warum nur noch nach Schuldigen und nicht nach Lösungen gesucht wird.
    Scheinbar ist es mittlerweile bis nach oben vorgedrungen dass man zu lange auf der falschen Fahrbahn unterwegs war und der Crash auf jeden Fall kommen wird. Da ist es von Vorteil, seine Hände in Unschuld zu waschen um dann mit der frisch gewaschenen Hand auf andere zeigen zu können.
    Außerdem wurde schon zu viel Porzellan zerbrochen und zu viel Stimmung aufgebaut um noch etwas ändern zu können – oder soll Herr Schäuble morgen verkünden „wir haben noch mal nachgedacht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir bis nächste Woche 80 Milliarden nach Griechenland überweisen sollten.“?

  8. Zensus sagt:

    Hat schon mal jemand daran gedacht, das Alles genau so geplant sein könnte?

  9. waltomax sagt:

    Wer jetzt kein Gold und Silber hat, der wird wohl doof beiben.

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