Wenn der letzte Bär aufgibt …

21. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es gibt Menschen, die misstrauisch werden, wenn jemand daherkommt und ihren das verspricht, was sie sich wünschen. Vor allem, wenn die Überbringer froher Kunde vorher genau wissen, was man sich wünscht… Sie neigen dazu, solche Versprechungen dann zu hinterfragen … und das sorgt höchst selten dafür, dass man die Chance seines Lebens verpasst…

Im Gegenteil, ein wenig Skepsis ist hilfreich um zu vermeiden, dass man gar zu oft mit voller Wucht auf die Kauleiste fällt. Es gibt aber auch andere Menschen. Die, die immer und immer wieder blind und willfährig den Rattenfängern hinterherlaufen und immer und immer wieder auf der Nase landen. Und na ja, es muss sie ja auch geben, nicht wahr?

Wer da an seltsame, günstige Angebote im Konsumbereich und die Politik denkt, denkt durchaus richtig. Aber man sollte die Börse nicht vergessen. Gerade die Börse nicht. Denn da geht es um Geld. Wenn es da um Versprechungen geht, geht es um das Versprechen zum Greifen nahe liegender Gewinne. Und das führt offenbar bei vielen dazu, dass sich die Ratio sofort abschaltet. Nicht umsonst heißt es, dass manche Leute, die beim Kauf eines gebrauchten Fahrrades jeden Millimeter des Rahmens mit der Lupe prüfen, stundenlang überlegen und dann um den letzten Euro handeln, an der Börse ihr Erspartes riskieren, als wäre es Spielgeld.

Und dass die Zahl derer, die sich zu gerne blenden lassen, wenn man ihnen satte Gewinne verspricht oder, noch viel effektiver, dass ihre Verluste, die sie sich bei der letzten Runde leichtfertigen Handels eingebrockt haben, ruckzuck zu Gewinnen werden, wenn sie jetzt im Verlust zukaufen, in den USA besonders hoch ist, sollte nicht überraschen. Dort hat man halt viel früher und noch effektiver als bei uns alles getan, um die Bürger in körperliche und mentale Schwämme zu verwandeln. Mit deren emsiger Mithilfe, keine Frage.

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So gesehen kann und darf man den Kopf schütteln, wenn man sich die US-Indizes ansieht, aber wundern sollte man sich nicht. Sie sehen es im vorstehenden Chart: Der Dow Jones hat das Minus, das bis Mitte Februar aufgelaufen war, längst aufgeholt und hangelte sich in den letzten Tagen von einem Jahreshoch zum nächsten. Der Skeptiker fragt sich:
Was hat sich verändert seit Mitte Februar? Und findet wenig. Wichtige Gründe waren die Sorge um den Abstieg der Emerging Markets, die immer noch Probleme haben. Es waren schwache US-Konjunkturdaten, die erst in den letzten Tagen vereinzelt besser werden. Und es war die Sorge um eine US-Notenbank, die tut, als wäre alles bestens. Und die hat sich nun selbst prognostiziert und ihre eigene Leitzinsvoraussage so gesenkt, dass sie nur noch einen Anstieg der Fed Funds Rate um 0,5 statt um 1,0 Prozent in diesem Jahr erwartet. „Nur“?

Ein halbes Prozent wäre schon heftig genug in einem Umfeld, in dem alle anderen großen Notenbanken wie wild mit billigem Geld um sich werfen und die Zinsen drücken. Und man könnte nicht behaupten, dass die US-Zinsen nun so niedrig stünden, dass sie ein Argument wären, dass der US-Aktienmarkt wegen Wegfalls der Anleihe-Konkurrenz alternativlos wäre, wie der folgende Vergleich der Rendite von US- und deutschen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zeigt:

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Ein Skeptiker würde darüber hinaus angesichts der Wachstumsprognosen der US-Notenbank und der großen US-Banken milde lächeln, weil er weiß: Sie können es nicht prognostizieren. Und selten sind solche Prognosen zu tief angesetzt. Darüber hinaus weiß jeder besonnene Anleger, dass man Konjunkturdaten immer mit der nötigen Vorsicht gegenübertreten sollte. Nicht nur denen aus China. Beileibe nicht.

Doch die Skeptiker unter den Investoren sehen sich ob ihrer Vorsicht mal wieder bestraft. Die US-Indizes laufen seit fünf Wochen wie geschnitten Brot. Da mag so mancher seine Vorsicht verfluchen und sich ärgern, nicht bei den dümmsten Bauern gewesen zu sein, die nun die dicksten Kartoffeln ernten. In solchen Momenten wird man wankend. Fragt sich, ob man nicht doch besser noch auf den Zug aufspringen sollte. Aber …

… genau das könnte nun dazu führen, dass man wirklich in Kürze Grund bekommt, sich vor Scham und Entsetzen im Keller zu verkriechen. Denn wann ist doch gleich die Stimmung am besten? Eben. Am Hoch. Vorsichtig zu sein, war schon immer seit der Geburt der „Billionen auf Knopfdruck“ durch die Mütter namens Notenbanken ein hartes Brot. Doch man übersieht dabei zweierlei: Zum einen hat die US-Notenbank ihre „Billiges Geld-Phase“ beendet und bei den anderen wird die Wirkung dieser Aktionen immer geringer, geht gegen Null. Zum anderen haben wir seit zehn Monaten auch an der Wall Street tiefere Zwischenhochs. Das nennt sich Abwärtstrend, so flach er dort auch sein mag.

Dass immer mehr von denen, die das nach all den Jahren Hausse nicht bemerken bzw. diejenigen, die sich z.B. bei einem S&P 500 über 2.100 Punkten durch massive Käufe die Finger verbrannt haben, jetzt nur zu gerne bereit sind, jegliche negativen Aspekte einfach zu ignorieren, ist typisch für Wendepunkte. Dass man die nicht „timen“ kann, ist auch typisch, das ist nun einmal so. Was heißt, es kann allemal noch höher gehen. Denn warum sind diese Leute so willfährig bereit, alle Vorsicht fahren zu lassen?

Weil die Kurse eben steigen und der Anstieg der Kurse selbst wie ein Aufputschmittel wirkt. Man bekommt das Gefühl, dass die Rallye doch Beweis genug sei, dass wieder alles im Lot ist, sonst wäre sie ja nicht da. Dass die Rallye nur durch eben dieses um sich greifende Denken entstanden ist, wird dabei immer übersehen. Und natürlich ist es da höchst hilfreich, dass all die Schlagzeilen und kritischen Stimmen zu den vorgenannten Themenbereichen Wachstum, Zinsen und China nun völlig verschwunden sind. Nicht, weil es keinen Grund für kritische Stimmen gäbe. Sondern, weil sie medial halt nicht in das bullishe Bild haussierender Indizes passen. Und man übersieht vor allem eines:

Irgendwer hat diese Rallye ja losgetreten. Und diese „Irgendwers“ müssen immense Kapitalkraft haben, um das zu erreichen. Es sei denn, es hätte ein einschneidend positives Ereignis zu dieser Wende geführt. Doch denken wir an den 11. Februar, die Wende, zurück: Was war da doch gleich? Genau: nichts.

Die auf dem falschen Fuß erwischten, eindeckenden Bären, all diejenigen, die wie hier angesprochen die übliche „Chance des Jahrzehnts“ zu sehen glaubten, die Daytrader, sie alle halfen dann fleißig mit, den S&P 500 bis auf 85 Punkte an das Allzeithoch vom Mai zu tragen … und 240 Punkte über dieses Intraday-Tief vom 11. Februar. Das hat nun zu folgendem Bild geführt:

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Im Bereich zwischen 2.065 und 2.090 Punkten treffen das rechnerische Kursziel des Doppeltiefs und zwei über vorherige Zwischenhochs konstruierbare Abwärtstrendlinien aufeinander, zugleich sind RSI und Stochastik im überkauften Bereich. Jetzt, wo auch noch die Sogwirkung des großen Verfalltermins, der nun am Freitag über die Bühne ging, vorüber ist, stellt sich die Frage:

Und wer kauft jetzt?

Die Notenbank-Sitzungen sind durch, der Verfalltermin dito und die Rahmenbedingungen dergestalt, dass die nach einer solchen Rallye nicht wirklich dazu einladen, hier noch auf den Zug aufzuspringen. Und diejenigen, die im Februar „unten“ gekauft haben … würden die nun wirklich auch noch weitere Wochen auf Gewinnmitnahmen verzichten? Würden diejenigen, die in den Monaten zuvor in Rallyes hinein Short gegangen sind, wirklich zurückscheuen, wenn der Index eine Korrektur beginnt?

Wie gesagt: Man kann es nicht vorhersehen, wann die Rallye endet. Nur eines sei damit gesagt: Sie enden immer. Logischerweise. Auch Ende Oktober dachten viele, jetzt hinge der Himmel voller Geigen, nachdem auch damals aus einem Doppeltief eine zackige Rallye über sechs Wochen entstand. Wer jetzt also aus dem Lager der Skeptiker ins Lager der Bullen wechselt, könnte somit genau der letzte Bär sein, der aufgibt und damit auslösen, dass dem Markt die Käufer ausgehen. Wir stehen vor spannenden Wochen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt www.baden-boerse.de

 

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