Wenn aus Quertreibern Staatsfeinde werden

14. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Frank Meyer) Was hat der ESM mit der DDR zu tun? Kennen Sie Mödlareuth? Das ist ein Dorf zwischen Thüringen und Bayern, durch welches 1952 erst ein Bretterzaun gezogen wurde und dann eine ständig wachsende Mauer. Im Nachhinein war es ein Fehler. Notwenig und alternativlos, hieß es. Ein halbes Jahrhundert später werden Brandmauern aus Geld gezogen – immer höher und immer wuchtiger. Ob es auch dafür später Gedenktafeln gibt?

Ich war neulich in Mödlareuth, welches auch „Klein-Berlin“ genannt wurde. Stacheldraht und Beobachtungstürme komplettierten den „Schutzwall“, wie er damals in der DDR offiziell genannt wurde. Heute ist dort eine Gedenkstätte, was bei mir die Frage aufkommen ließ, wie eigentlich Gedenkstätten entstehen. Offenbar geht ihnen ein großer Fehler voraus.

Die Geschichte ist voller Fehler. Deshalb gibt es so viele Gedenkstätten und Gedenksteine.

Im Vorfeld und während des Fehlers sehen einige Leute, dass etwas schief läuft, etwas auf die falsche Bahn gerät mit verheerenden Folgen. Oft kennen sie sich auch noch mit Geschichte aus, die sich zwar nicht wiederholt aber reimt. Statt die Klappe zu halten, reißen sie diese auf. Das muss man sich erst einmal leisten können, während die anderen mit halben Wahrheiten und noch größeren guten Absichten unterwegs sind. Abhängigkeit vom Einkommen verhindert Ehrlichkeit und Offenheit.

Mich interessieren Zeichen. Als Journalist habe ich in diesen Zeiten meine Antennen angeschaltet. Als Zeitzeuge in einer Zeitenwende ist fast jedes Detail wichtig. Oder komplett unwichtig, aber nur im großen Bild. Der Wandel der Begrifflichkeiten wirkt dabei als Ticken einer Uhr.

Zwischen Zeilen, Worten und Buchstaben steht heute oft mehr, als es auf den ersten Blick erscheint. In der DDR war es ähnlich. Dort hatten Aufmüpfigkeit bzw. ein Ausscheren aus dem „Kollektiv“ verheerende wirtschaftliche und damit auch persönliche Konsequenzen. Wie ist es heute? Wer ist finanziell unabhängig um frei agieren zu können? Soweit ich es weiß, sind es die Kläger in Karlsruhe – frei, zumindest finanziell.

Die Berichterstattung über die „Eurorettung“ und besonders über den „ESM“, welche von den meisten ignoriert wird, deren Folgen sie aber zu tragen haben, lässt den Ton härter werden. So zuckte ich neulich zusammen, als Peter Gauweiler im ARD-Morgenmagazin als ein „Quertreiber“ bezeichnet wurde. „Quertreiber“ ist ein neuer Begriff. Er wertet. Querdenker wäre angemessen. Um nichts anderes als Wertung geht es beim Zusammenhalten des politischen und letztlich auch wirtschaftlichen Europas, indem man begangene Fehler korrigiert, wahrscheinlich aber größere macht. Quertreiber haben in der Geschichte schon immer gestört. Viele wurden später dann geehrt.

Ach, wie haben wir doch alle vom Euro profitiert. Sein Scheitern wäre der Weg ins Unglück. Ist das so? Ich weiß es nicht, aber unter diesem Aspekt wird agiert. Ich stelle mir auch die Frage, wer mit „wir“ gemeint sein könnte. Sicherlich sind es nicht alle, vielleicht sogar die Wenigsten, wenn man in den Süden des Kontinents schaut oder vor die Haustür, wo man vom Aufschwung überfahren wird oder von den Rentnern belästigt, die frühmorgens um sechs Presslufthämmer bedienen. Vielleicht mag das die Politik so sehen, die Realität ist irgendwie anders.

Schaut man sich in den Kommentarseiten der Zeitungen um, auf Twitter oder Facebook, die Wahrnehmung der Leute ist eine andere als das, was man offiziell verkündet bekommt.


Die These des Glücks durch den Euro hat in den letzten Monaten Risse bekommen. Es ist zu vermuten, dass sich viele fragen, warum dieser Segen der Gemeinschaftswährung so beharrlich an so vielen vorbei geht – dass Preise so schnell steigen und Löhne nicht mithalten, dass die Anzahl der Millionäre steigt und der Teufel ganz wild auf den größten Haufen macht, während bei der Masse nichts kleben bleibt als gute Worte.

Wer der politischen Glücksthese des Euro widerspricht, und es wagt, dagegen zu klagen, wurde früher als Euroskeptiker und Eurokritiker gezeichnet. Diese Begriffe werden im Radio, Fernsehen und in der Zeitung verwendet wie Milch und Zucker in den Redaktionsstuben. Inzwischen kommen aber neue Begriffe dazu. „Quertreiber“ bestens geeignet, einen Kritiker in eine Ecke zu stellen. Später ist er gar ein Querulant? Ein subversives Element? Ein Staatsfeind?

In der DDR waren „diese Leute“ Staatsfeinde. Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich die Begrifflichkeiten wandeln, der Ton härter wird, aber auch ein Ausdruck einer sich verändernden Kultur in politischer, journalistischer aber auch gesellschaftlicher Hinsicht. Wenn Kritik unerwünscht wird, ist der Weg zur Verhinderung von Kritik über erst subtile Varianten, später dann mit offenem Visier ein so oft gesehener Weg, an dem später, viel später, noch mehr Gedenkstätten und Denkmale gesetzt werden – wenn der Fehler für alle offensichtlich geworden ist und seine volle Wirkung entwickelt hat.

Vorwärts immer – rückwärts nimmer

Ich weiß nicht, ob diese vielen „Rettungen“ das verhindern, vor dem sich die meisten fürchten – Chaos, Arbeitslosigkeit, Armut und Entbehrungen. Ob es reicht? Ob der Weg richtig ist, zumal man im Namen des Volkes Urteile verkündet, aber das Volk niemals gefragt hat, wohl wissend, dass es dem Ganzen heute nicht mehr zustimmen würde?

2008 ist das Blasengebilde aus Billionen durch noch mehr Billionen gerettet worden. Ohne Rechtsbrüche, wie das Missachten von Paragraphen in geschlossenen Verträgen, wäre das Finanzsystem längst herunter gefahren – und würde heute ganz anders aussehen – ohne die vielen Schulden und die damit verbundenen Verpflichtungen, und die Nerverei der vielen „Rettungsgipfel“.

So aber macht man einen offensichtlichen Fehler größer, verhindert eine Korrektur und macht die Sache später schlimmer. Später erst. Wer will schon die Konsequenzen für Fehler tragen und die nötigen Schlüsse daraus ziehen? Da sind Politiker nicht anders als der Otto-Normal-Bürger. Jedoch gehört es inzwischen auch zum guten Ton, in der Öffentlichkeit auf vielen Plattformen medialer Möglichkeiten, Kritiker so zu benennen, dass die Mehrheit, die ja von allem noch nichts mitbekommen hat, sich das nicht erklären und entsprechend handeln kann, dem Kritisieren der Kritiker zustimmt und dabei ein Bierchen schlürft.

Ist das, was gerade getan wird zum Wohl der Bevölkerung wirklich das, was richtig ist? Etwas, was auch noch in fünf oder zehn Jahren richtig sein wird? Keine Ahnung. Oder wird man in zwanzig oder dreißig Jahren dann doch wieder neue Gedenkstätten errichten und Mahntafeln aufhängen, dass sich der Fehler nicht wiederholt? Ich weiß es nicht.

Vielleicht reicht es zu einem Essay in einer Zeitung in den kommenden Jahrzehnten mit der Überschrift: „Ihr Idioten!“ Das waren meine Gedanken, als ich durch das Gelände in Mödlareuth ging und auf ein Stück Geschichte schaute, zu der heute jeder sagt, dass es einen nichts anginge, er es nicht versteht, es Wichtigeres gäbe und man ohnehin nichts machen könnte – wie damals in Mödlareuth. Von daher sollte man seine Klappe aufreißen… soweit man es sich überhaupt leisten kann. Das erklärt auch das leise Murren der breiten Masse.


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