Weniger ist mehr…

14. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

… oder warum diese Erkenntnis in den kommenden Jahren auch für Börsianer noch sehr interessant werden könnte…

Gerade bin ich über die Meldung gestolpert, wonach der US-amerikanische Einzelhandel für Dezember „erstaunlich gute Zahlen“ vorgelegt hat. Nach Angaben des US-Handelsministeriums kletterten die Umsätze im Vormonatsvergleich um 0,6 Prozent.

Null Komma sechs Prozent!? Kann man so etwas überhaupt noch ernst nehmen?

Mit Verlaub, aber einen solchen „Fliegenschiss als „erstaunlich gut“ zu verkaufen, ist doch reichlich gewagt. Von Rundungstoleranz oder statistischer Ungenauigkeit zu sprechen wäre eventuell angemessener.

Wobei ohnehin die Frage gestattet sein muss, woher denn das „Konsumwunder“ im US-amerikanischen Weihnachtsgeschäft so plötzlich herkommt – bei rund 45 Millionen Almosenempfängern allein in den USA, die von nichts anderem leben, als von staatlichen Lebensmittelmarken.

Aber wozu sich noch aufregen über solche „Kleinigkeiten“, wo doch das heute journal des ZDF mittlerweile ganze Sendungen mit den „sexuellen Vorlieben“ eines gewissen Donald Trump füllt.

Nun ja, es war keine komplette Sendung, nur fast, aber die Ausgabe vom Donnerstagabend war schon speziell:

Ohne die geringsten Beweise vorzulegen, „informierte“ die ZDF-Redaktion die erstaunten Zuseher darüber, welche Untaten der böse Donald Trump jetzt in Zusammenarbeit mit seinem Freund Wladimir Putin plant. Dabei kamen auch angebliche Bordellbesuche des künftigen US-Präsidenten zur Sprache. In Russland sollen die Orgien stattgefunden haben, wo sonst?!

Als ich nach längerer Mainstream-Abstinenz zufällig an diesem Machwerk namens „heute journal“ hängengeblieben bin, und mit derartigem Müll übergeschüttet wurde, da konnte ich zunächst kaum glauben, was und wie da „berichtet“ wurde. Man steht da und ist fassungslos. DAS sollen die wichtigsten Nachrichten des Tages sein?

Was sind ein paar getürkte Zahlen aus dem US-Handelsministerium schon gegen wilde Sexparties eines künftigen US-Präsidenten mit diversen Bordelldamen zur besten Sendezeit?!

Wenn es schon so weit ist, dann kann das eigentlich nur eines bedeuten: Es brennt lichterloh in Politik und Medienlandschaft. Einbrechende Leser- und Zuschauerzahlen lassen den Lichtgestalten des Journalismus offenbar nur noch eine letzte Chance: Mit unfassbarem Schmutz, Dreck und infamen Lügen soll das längst in sich zusammenfallende Gebäude noch irgendwie gerettet werden.

Ein aussichtsloses Unterfangen.

Dabei hatte die Sendung durchaus ihr Gutes: An besagtem Donnerstagabend, umweht von den neuesten „Nachrichten“ des ZDF, ist mir erneut bewusst geworden, wie gut ich auf diesen ganzen Medienmüll inzwischen verzichten kann. Weniger ist hier ganz entschieden mehr. Ein Mehr an Lebensqualität zum Beispiel.

Das führt uns zu einem hochinteressanten Thema. Als ich diese Zeilen schreibe, ist es Freitagabend, Viertel vor zehn. Früher war das ein Pflichttermin: heute journal. Jetzt habe ich frei, und die Zeit, mir statt Lügen und Drecksgeschichten einen Youtube-Beitrag anzusehen, der vor einiger Zeit beim SWR erschienen ist. Der Titel der Sendung:

„Weniger ist mehr – wie entrümpeln die Seele befreit“

In der Ankündigung heißt es:

„Wenn der Schreibtisch überquillt, Zeitschriftenberge auf dem Boden wachsen und der Kleiderschrank aus allen Nähten platzt, ist es höchste Zeit auszumisten. Entrümpeln befreit, schafft Platz und tut nicht nur unserer Wohnung, sondern auch unserer Seele gut. Doch warum ist das so? Wie schafft man es, unnötigen Ballast abzuwerfen? Und woher kommt die wachsende Lust an einem einfachen Leben, mit weniger Zeug und weniger Konsum?“

Weniger Konsum? Das ist ja unerhört! Ist das nicht exakt die Antithese zur eingangs erwähnten Statistikübung des US-Handelsministeriums? Geht es womöglich auch mit weniger, statt mit immer mehr?

Das sind doch interessante Fragen, mit denen man sich an einem verregneten Wochenende einmal beschäftigen könnte. Nicht verpassen sollten Sie in jedem Fall Anne Donath ab Minute 30: Die ausgebildete Lehrerin und gelernte Krankenschwester lebt in einem 16-Quadratmeter-Häuschen, ohne Strom, ohne Zentralheizung, fließendes Wasser und – „Tusch“ – ganz ohne Telefon. Anne Donath arbeitet nur ein paar Monate im Jahr und verdient genau so viel Geld, wie sie für ihr bescheidenes Leben braucht.

Die Lehrerin Anne Donath lebt ohne Strom, fließendes Wasser und Zentralheizung in einem kleinen Holzhäuschen….

Sehenswert, gerade auch für viele Börsianer, die meinen „immer mehr“ sei der Schlüssel zum eigenen Wohlergehen.

Der Sozialforscher Professor Dr. Harald Welzer bringt die Botschaft des Beitrags bei Minute 27 auf den Punkt: Was man weglässt, ist eine Entlastung, kein Verzicht. Wer sich den „Angeboten“ der Hyperkonsumgesellschaft verweigere, der verzichtet nicht, sondern er gewinnt:

An Orientierung, an Zeit und an Verfügung über sich selbst.

Haben Sie ein schönes Wochenende.

Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

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