Weltwirtschaft in Gefahr – und dann?

30. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

US-Präsident Donald Trump hat einen neuen Kritiker. Und was für einen: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Der tritt mit dem Rüffel für „The Donald“ zwar nicht offiziell in Erscheinung, lässt aber seine Volkswirte im jüngsten EZB-Wirtschaftsbericht unmissverständlich klarstellen: „So herrscht beträchtliche politische Unsicherheit im Zusammenhang mit den von der neuen US-Regierung verfolgten Vorhaben in der Finanz- und vor allem der Handelspolitik, wobei von Letzterer potenziell signifikante Negativeffekte auf die Weltwirtschaft ausgehen können.“

Politische Unsicherheit wirkt sich also auf die Wirtschaft aus. Aber wie? Das Thema ist extrem komplex. Deshalb lud die DVFA, Vereinigung der Finanzanalysten, zur Beantwortung dieser Frage am vergangenen Mittwoch Katinka Barysch ein, im Allianz-Konzern zuständig für die Erforschung politisch-wirtschaftlicher Interdependenzen. Hier sind die aufschlussreichsten Thesen der Expertin:

Politische Risiken lassen sich nur schlecht quantifizieren. Politische Zyklen dauern viel länger als ökonomische. Internationale Lösungen der politischen Konflikte sind blockiert, und gerade jetzt brauchen wir sie. Zurzeit gibt es weltweit 40 aktive Konflikte. Allein die wirtschaftlichen Kosten der Gewalt beliefen sich 2015 auf 13,6 Billionen Dollar. 67 Prozent der Chinesen glauben, dass China die USA als globale Supermacht abgelöst hat oder bald ablösen wird. 46 Prozent der Amerikaner stimmen dem zu. China testet dauernd rote Linien.

Nun könnte man meinen, allein schon die bekannten politischen Konflikte seien so gravierend, dass Wirtschaft und Börse sie widerspiegeln müssten. Doch nichts dergleichen. Stattdessen rechnen die Konjunkturforscher in Europa weiterhin mit einem auskömmlichen Wachstum, und die Aktienkurse peilen nach jedem Rücksetzer immer wieder neue Höhen an. Eine solche Atmosphäre reizt zu Börsengängen, wie gerade zu dem der Restaurantkette Vapiano und des Lieferdienstes Delivery Hero. Denn je höher das Kursniveau ist, desto preiswerter können sich Börsenaspiranten durch die Ausgabe von Aktien mit Eigenkapital eindecken. Georg Schuh, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Deutsche Asset Management, meinte bei der erwähnten DVFA-Veranstaltung sogar: „2017 fühlt sich ähnlich an wie 1999.“ Damals waren die Aktienkurse heiß gelaufen. Dieser Episode folgte ein dreijähriger Kurssturz.

Was für Erkenntnisse lassen sich trotz der komplexen Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft gewinnen? Allianz-Expertin Barysch zählt dazu auf, welche Indikatoren politischer Instabilität von der Finanzkrise 2008 bis 2016 am meisten zugenommen haben. Es sind in dieser Reihenfolge: das Flüchtlingsproblem, terroristische Aktivitäten, gewalttätige Demonstrationen, die Furcht vor Kriminalität, das Einkerkern politischer Gegner und Rüstungsexporte.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Barysch dem Populismus. Um sich nicht im Definitionswirrwarr, was Populismus bedeute, zu verheddern, verwendet sie einfach einen Index. Dieser gibt den Anteil der Wähler wieder, die in der Vergangenheit und in jüngster Zeit populistische und Anti-Establishment-Parteien gewählt haben. Dabei fällt auf, dass der Anteil zuletzt das höchste Niveau seit 1930 erreicht hat. Die Populismuswelle sei noch nicht vorbei, betont Barysch, und zieht als Beleg die Ergebnisse der Umfragen vom Mai dieses Jahres heran. Danach ragen der Front National in Frankreich, die italienische Bewegung M5S und die FPÖ in Österreich mit besonders viel Zuspruch heraus. Die AfD rangiert nur unter ferner liefen.

Eine Frage, die sich aufdrängt: Ist der Vergleich mit 1930 nicht an den Haaren herbeigezogen? Diese Frage mag zum Teil gerechtfertigt sein, denn die verwendeten Indikatoren lassen durchaus auch andere Interpretationen zu. Aber kommen wir zum Anfang zurück: Dass Draghi im neuen EZB-Wirtschaftsbericht den amerikanischen Präsidenten besonders wegen dessen Handelspolitik tadeln lässt und daraus „signifikante Negativeffekte“ für die Weltwirtschaft ableitet, ist kein Zufall, sondern die ultimative Warnung vor den Folgen der irritierenden Trump-Politik.

An den Börsen wird man darauf in Vorwegnahme turbulenter Zeiten eher früher als später verschnupft reagieren. Der bereits zitierte Georg Schuh rät denn auch, als Schutzmaßnahme unter anderem viel Kasse vorzuhalten, Gold zu kaufen und auf die Volatilität zu achten, also auf die Höhe der Kursschwankungen. Deren Ausmaß lässt sich mithilfe von Kennzahlen wie VDax in Deutschland und Vix in Amerika messen, einfach anzuklicken bei den Portalen führender Direktbanken. Die Volatilität ist seit Jahren sehr gering. Sobald sie kräftig steigt, ist besonders für die Aktienkurse Gefahr in Verzug.
Manfred Gburek – Homepage

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