Welt ohne Zins – Ohne Zins gibt es Chaos

16. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Niedrig- und Negativzinspolitik verursacht weitreichende Schäden. Sie gefährdet in letzter Konsequenz den Bestand der Marktwirtschaft. In vielen Währungsräumen der Welt liegen die Zinsen auf oder gar unter der Nulllinie…

Sparer verdienen nichts mehr beziehungsweise erleiden Verluste, wenn sie zum Beispiel Bankeinlagen und Schuldpapiere halten. Einige versuchen, dem Null- beziehungsweise Negativzins zu entkommen, indem sie auf andere Anlageformen ausweichen. Sie fragen zum Beispiel risikoreichere Schuldpapiere nach wie Unternehmensanleihen.

Doch sie kaufen mehr Aktien und Immobilien. Die steigende Nachfrage nach diesen Gütern lässt die Preise ansteigen. Die Folgen der Null- und Negativzinspolitik bleiben folglich nicht auf den Kreditmarkt beschränkt. Sie breiten sich vielmehr auf alle Finanz- und Anlagemärkte aus. Die Jagd nach Verzinsung sorgt jedoch für Preisübertreibungen. Das beschert zunächst den „frühen Käufern“ der Aktien und Häuser eine attraktive Verzinsung.

Der dadurch ausgelöste Boom wird noch verstärkt, indem weitere Anleger auf den Trend steigender Kurse „aufspringen“: Die Kurssteigerungen befördern eine zusätzliche Nachfrage und damit zusätzliche Kurssteigerungen.

Preisübertreibungen

Bei einer Null- beziehungsweise Negativzinspolitik ist offensichtlich, was passieren wird: Die Kurse der Aktien steigen so weit an, bis sich auch hier keine positive Verzinsung mehr erzielen lässt. Die frühen Aktienkäufer können sich einer attraktiven Verzinsung erfreuen, für die Aktienkäufer, die erst später investieren, fällt die zu erzielende Verzinsung schon geringer aus.

Denn steigende Aktienkurse lassen die Aussicht auf künftige Verzinsung schwinden: Steigt der Aktienkurs, sinkt (bei gegebenen Unternehmensgewinnen) die in der Zukunft zu erwartende Verzinsung auf das eingesetzte Kapital.

Nun lassen sich zwei Szenarien unterscheiden.

Im ersten Szenario fällt die zu erzielende Verzinsung auf null: Mit dem dauerhaften Halten von Aktien lässt sich keine positive Verzinsung mehr erzielen.

Im zweiten Szenario steigen die Aktienkurse so stark an, dass Anleger fortan sogar mit fallenden Kursen rechnen müssen, also mit einer negativen Verzinsung des Kapitals.

Wenn aber die Anleger erwarten (müssen), dass sie fortan keine positive Verzinsung mehr erzielen können oder gar eine negative Verzinsung hinnehmen müssen, ist ein kritischer Punkt erreicht.

Ohne Zins gibt es Chaos

Spätestens dann, wenn die am Markt erzielbaren Renditen null Prozent betragen oder gar negativ werden, ist die Marktwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes am Ende angelangt. Dann nämlich hört das Sparen und Investieren auf. Dazu muss man wissen, dass der „natürliche Zins“ (oder der „Urzins“) für jeden Menschen positiv ist, und dass der „natürliche Zins“ niemals auf null Prozent fallen oder gar negativ werden kann.

Das ist eine Erkenntnis, die leider häufig übersehen oder zuweilen sogar heftig bestritten wird. (Einige Ökonomen sind sogar der Meinung, der „neue gleichgewichtige Zins“ sei negativ geworden!)

Der Marktzins, der sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt, kann zwar auf null Prozent oder darunter fallen. Nicht aber der natürliche Zins, der ein Element des Marktzinses selbst ist. Er ist immer und überall positiv.

Was also machen die Menschen, wenn die Marktzinsen unter den natürlichen Zins fallen oder gar negativ werden? Die Antwort lautet: Sie sparen nicht mehr, sondern konsumieren ihr gesamtes Einkommen. Gleichzeitig investieren sie nicht mehr: Weder gibt es Ersatz- noch Neuinvestitionen. Und sobald der Kapitalstock aufgezehrt ist, kann auch nichts mehr produziert werden.
Man ahnt, wohin das führt: Die Volkswirtschaft fällt in eine primitive Subsistenzwirtschaft zurück. Die Arbeitsteilung endet, es kommt zur Verarmung und Verelendung.

Was vielleicht auf den ersten Blick als „konjunkturstützend“ erscheinen mag, ist in Wahrheit verheerend. Die Null- und Negativzinspolitik der Zentralbanken baut nicht auf, sondern zerstört, reißt nieder.Sie mag zwar kurzfristig das Wirtschaftsgeschehen stützen. Aber gerade das macht sie so gefährlich, weil sie den Kapitalverzehr übertüncht, und sie dadurch die Leitungsfähigkeit der Volkswirtschaft untergräbt.

Ein ökonomischer Albtraum

Hat eine Null- beziehungsweise Negativzinspolitik die Vermögenspreise so stark in die Höhe getrieben, dass fortan mit Preisrückgängen und damit negativer Verzinsung zu rechnen ist, wird die „Re-Inflationspolitik“ attraktiv. Ein Rückgang der Preise würde nämlich das ungedeckte Papiergeldsystem in schweres Fahrwasser bringen. Es käme zu Zahlungsausfällen von Konsumenten, Unternehmen, Banken und Staaten.

In der Not der Stunde ist also absehbar, was geschehen wird: Das Ausweiten der Geldmenge zur Bezahlung offener Rechnungen wird als die Politik des vergleichbar kleinsten Übels angesehen. Zu den Kosten der Kapitalaufzehrung kommen also noch die der Geldentwertung, die Inflationierung, hinzu. So gesehen entzaubern sich die aktuellen Geldpolitiken als durch und durch zerstörerisch.

Das Problem ist, dass die Schäden erst mit zeitlichen Verzögerungen zutage treten, die „erleichternde Wirkung“ jedoch unmittelbar beobachtbar ist – und daher von der Öffentlichkeit mehr oder weniger akzeptiert wird. Sparer und Anleger sollten sich jedoch nicht blenden lassen, sie sollten reagieren: Aktien und Gold dürften sich als bessere Sparanlagen erweisen als Schuldverschreibungen und Bankeinlagen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

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Ein Kommentar auf "Welt ohne Zins – Ohne Zins gibt es Chaos"

  1. Michael sagt:

    Bei 0 Zins ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Soweit d’accord.

    Ein Zins von 0 sagt aus, dass die Marktwirtschaft vollkommen in Planwirtschaft übergegangen ist. Damit brauchen sie kein Geld :). Industrie spätestens seit der anbieterseitigen Bereitstellung braucht kein Geld. Sie übergeben dem Kunden das ‚Geld‘ nur für den Zeitpunkt der Übergabe des Gutes als Entgelt für die Bereitstellung von Endlagerfläche für verderblich anmutende Güter (Verbrauch) und machen eine totale Wertberichtigung.

    Wenn einem diese Definition etwas zu kühn ist, dann kann man auch sagen, ‚im Gegenwert für das Verweilen neben der Maschine die das Gut bereitstellt bei der sich der Güterentnehmer per Definition nicht auskennen kann‘. Das hat aber auch zur Folge, dass er sich nicht auskennen muss und damit ist auch der Job definiert als hobby@work und vollkommen egal wo der güterbereitstellende Mensch sich befindet.

    Wir bewerten mit Geld ja allein die gelungene Anwendung von Talent auf gegebenes Material im Rahmen der erworbenen Fähigkeiten (Arbeit). Output der Maschine, neben der ein Mensch verweilt. Auch der Handwerker oder ein Professional steht heutzutage vor lauter Arbeit oft neben sich und ist damit isomorph abgebildet.

    Hobby sucht, findet und erfindet Material zum Talent. Damit ist die Bewertung der freiwilligen Mitarbeit bei der Bereitstellung des Mehr an Gutes nicht möglich, sondern bewertet wird die Postion in der Hackordnung vor der Registrierkassa aus der man gedanklich sein Einkommen entnimmt. Diese ist aber die ‚falsche‘.

    Interessanterweise werden jene die eine Maschine noch könnten bedienen schlechter bezahlt, sie können zwar die Maschine im Betrieb richtig bedienen, aber genausowenig wie alle anderen auch jene an dem Ort an dem sie tatsächlich das Geld übergeben bekommen.

    Das hat jetzt für die Aussage, das Geld wäre möglw. gedeckt durch die Assets im Wirtschaftsraum folgende Konsequenz. Wir schreiben Assets nicht ab, wir erhalten den Anschein von Werthaltigkeit über abnehmende Zuschreibung im besten Fall.

    Das ist die kurze Variante. Man darf nur Planwirtschaft nicht ausmachen an den uns bekannten Formen gepaart mit dem Staatskapitalismus. Industrie ist immer Planwirtschaft wenn auch dezentral organisiert. Planwirtschaft verwendet Geld nicht als Werkzeug der nachhaltig bereitzustellende Gütermenge. In der Planwirtschaft wird koordiniert oder versucht die Mengen bei der Anlieferung in die Supply Chain zu steuern.

    Wen das an Feudalismus erinnert, der liegt nicht falsch.

    Im Industriemodell inbesondere der anbieterseitigen Variante muss der Zins passgenau sein. So viel Unfug auf einmal Bewirtschaftung zu nennen ist kühn. So ist es nicht verwunderlich, dass Chaos zu erwarten ist.

    Der Tausch geht anders. Beim Tausch nimmt jemand ein Werk mit aus dem ‚Haushalt‘ und übergibt das Gut am Marktplatz gegen Geld oder andere Waren. Marktwirtschaft ist ein Peer To Peer System für gleichgestellte Anbieter und Nachfrager. Eine Maschine liefert kein Werk. Ein Werk ist das Ergebnis von Arbeit und genügt damit oben genannter Definition.

    Es spricht einiges dafür, dass man annimmt Geld muss tatsächlich ursprünglich eine Ware gewesen sein. Ich würde verneinen, dass irgendetwas anderes als Geldmetall am Ende Geld sein kann.

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