Welches Schweinderl hätten Sie denn gern?

11. November 2010 | Kategorie: RottMeyer

Vorstand vom Bankhaus Rott
Das heitere Ratespiel um die neuesten Schätzungen des Ausstoßes der elektronischen Druckerpressen der amerikanischen Zentralbank erinnert ein bisschen an „Was bin ich?“, Robert Lemkes dramatische Abendshow. „Wie viel pumpe ich?“ ist das neuzeitliche Äquivalent, das dazu führt, dass sich weltweit Zigtausende bei Finanzinstituten Beschäftigte nur noch damit die Zeit vertreiben, zu raten, ob es nun 1 Billion frische Dolares werden oder deren zwei, drei oder sechs.

Prima! Damen und Herren, faites vos jeux, das spart die fundamentale Analyse und lässt sich auch völlig von Argumenten befreit prima diskutieren.

Ob es nun zu einer nicht ganz unwahrscheinlichen Gegenreaktion an den Märkten kommt, für die dann wohl eine „Enttäuschung“ ob der nicht ganz klaren Aussagen des Herrn Bernanke oder eines nicht ganz erfüllten Ausmaßes der Aktion verantwortlich gemacht werden dürfte, werden die kommenden Wochen zeigen. Wer auch immer sich noch über unklare Aussagen vom Vorsitzenden des Federal Reserve Boards enttäuscht zeigt, der hat offenbar die elende Lachsbrötchenhusterei des Alan Greenspan nicht miterleben müssen. Man weiß bis heute nicht, ob das Gefasel des damaligen großen Vorsitzenden unwürdiger war, oder das tumbe Verhalten der interpretierenden Anwesenden. Hat er seine Tasche dabei? Trägt er sie heute unter dem rechten oder linken Arm? Trägt er heute vielleicht nichts drunter? Während die aus dem Hause der Fed kommenden Aussagen sich heute immer noch einer großen Verdrehtheit erfreuen, unterscheidet die Schar der Beobachter aber nur noch zwischen Dingen die man „genau beobachtet“ oder „sehr genau beobachtet“. Das ist mal ein Job!

Die Konzentration der Beobachtung auf die Ziele und die Möglichkeiten, die eine Zentralbank hat, wird in der Regel außen vor gelassen. Dabei bieten gerade die letzen Jahre geradezu hervorragendes Anschauungsmaterial.

Die Ziele sind – es wird auch an der Wurzel kaum ein Hehl daraus gemacht – die Stützung der Assetpreise. Diese ergibt sich über den direkten Weg der Käufe von US Staatsanleihen für die ganze Palette der investierbaren Assets. Des Weiteren ergeben sich über kostenlose Versorgung mit kurzfristiger Finanzierungen Subventionen über die Anlage dieser Mittel in langlaufenden Staatstiteln. Das Gesamtwerk vollzieht sich mit freundlicher Unterstützung der Bilanzierungsregeln (keine fair value Bewertung) und den ach so schlimmen Basel-Kriterien (im Grunde ist keine Eigenkapitalunterlegung nötig).

Die als Begründung für die schon zwanghafte Lockerung einer ohnehin zügellosen Geldpolitik angeführte Versorgung der Firmen oder gar der Konsumenten mit Kapital ist Unsinn, orientiert sich doch die Nachfrage nach neuen Krediten in der Regel nicht allein nach dem Zinssatz, sondern vielmehr nach den möglichen Investitionen. Die Rendite muss höher sein, als die Fremdkapitalkosten. Wenn dies auch bei historisch niedrigen Zinsen kaum noch der Fall ist, spricht dies im Hinblick auf die reale Situation Bände. Einen Kredit nimmt man ja nicht zum Spaß auf. Beliebt ist daher verständlicherweise fast nur die kostengünstige Refinanzierung alter Kredite, um eine Senkung der Zinsbelastung zu erzielen.

Neben dem immer wiederkehrenden Versuch, die Assetpreise zu stützen oder gar zu heben, um über diese Entwicklung einen Vermögenseffekt und entsprechende Konsum- und Steuersteigerungen zu erzielen ist das langsam langweilende Dauerexperiment der Fed. Durch die aus der Größe des kollabierten Immobilienmarktes resultierenden Probleme, die nur mit einem Nachlauf weniger Jahre auf die geplatzten Blase an den Aktienbörsen folgen, ist dieses Gebaren der Zentralbank nun offensichtlich an seine Grenzen gestoßen. Der allein bis jetzt in den Bankbilanzen aufgelaufene Bestand an Immobilien etwa ist derart groß, dass es bei einer auf aktuellem Niveau liegen Zahl an Transaktionen gut neun Jahre dauern würde, bis die Banken diese Häuser los wären. Bekanntermaßen steigt die Zahl dieses real estate owned weiter an, da die Banken per Saldo wesentlich mehr kaufen, als sie am Markt platzieren können.

Selbst, wenn sich die Situation am Immobilienmarkt schlagartig verbessern würde, die Institute keinerlei Zwangskäufe mehr vornehmen würden, und die Zahl der Transaktionen auf das Doppelte anstiege, bliebe von heute an ein Überhang von mehr als viereinhalb Jahren. Wie Sie vielleicht vermuten ist dies – vorsichtig formuliert – ein eher unwahrscheinliches Szenario. Die kurze Delle im Frühjahr stammt übrigens aus einer temporär leicht erholten Verkaufsaktivität, die Bestände steigen stetig an. Auch die gerade beginnende Zwangspause wegen der unüberschaubaren falschen Abwicklungen von Zwangsversteigerungen schiebt das Problem lediglich ein paar Monate in die Zukunft. Strukturelle Lösungsansätze? Fehlanzeige.

Assetpreise hin oder her, der gewünschte Vermögenseffekt ist schon auf Grund der immer schieferen Vermögensverteilung innerhalb der Bevölkerung nicht zu erzielen. Ob sich der S&P 500 verdoppelt oder verdreifacht, es hat fast keinen Einfluss mehr auf die finanzielle Situation der durchschnittlichen US Bürger Jane und John Doe. In Europa ist das nicht anders. Der Versuch, auf die dargestellte Art und Weise eine Stabilisierung der knietief im Dispo watenden Pensionsfonds herbeizuführen, ist wegen der massiven Defizite nicht erfolgreich abzuschließen. Das gilt vor allem, wenn man inflationäre Effekte einmal beiseite lässt, die zwar zu kurzen nominalen Glücksgefühlen führen mögen, real aber keine Auswirkung haben. Es mag ja sicher sein, dass jemand in 2030 eine Rente von $1000 bekommt, aber die Zahl alleine sagt rein gar nichts aus. Was kann man in der Zukunft für diesen Betrag erwerben? Ein Haus vielleicht, oder auch nur eine halbe Marlboro. Die nominale Rente mag sicher sein, die Preise sind es nicht.

Auch die Einkommen sind alles andere als sicher. Zuallererst ist die Frage, ob man überhaupt ein monatliches Einkommen bekommt, in den USA unsicherer denn je. So ist das gesamte steuerpflichtige Einkommen aller US Bürger weiterhin auf deutlichem Schrumpfkurs. Durch zahlreiche Steuererhöhungen – vor allem im Segment Sales Tax – ist das was hinten rauskommt noch stärker gesunken. Mehr brutto für das gleich netto könnte man in Anlehnung an einige Darsteller der teutonischen Politpuppenkiste sagen.

Das ist weniger eine Überraschung denn eine logische Entwicklung. Die umfassende Arbeitslosenquote nähert sich der 20% Marke, dazu gesellt sich eine Menge an vollkommen desillusionierten Menschen, die auch in dieser umfassenden Kennzahl nicht enthalten sind. Mehr als 40 Millionen Empfänger von Lebensmittelmarken sind auch nicht eben Ausdruck einer prosperierenden Volkswirtschaft, die auf dem fliegenden Teppich eines selbsttragenden Aufschwungs dem ökonomischen Morgenland entgegensegelt.

Die direkten Auswirkungen dieser Melange sind an den Konsumzahlen abzulesen. Zu unterscheiden ist wie immer zwischen einigen offiziellen Zahlen aus dem Sektor und dem tatsächlichen Ausgabeverhalten der Menschen. Die gerne offiziell vermeldeten Zahlen zum Einzelhandel enthalten beispielsweise lediglich die Werte zu noch geöffneten Geschäften. In die Betrachtung geht so zum Beispiel die Schließung eines Supermarktes nicht als Rückgang der entsprechenden Umsätze auf Null ein, vielmehr verschwindet der Eintrag komplett aus den Daten. Wenn alle US Supermärkte bis auf den Kwik-E-Mart in Springfield morgen schlössen und dieser Supermarkt würde auch nur eine Büchse Duff Beer mehr verkaufen als in der Vorwoche, so würde dies zu einem in den meisten offiziell vermeldeten Statistiken veröffentlichten Umsatzanstieg und somit zu guten Zahlen aus dem US Retail Sektor führen. Oder auf Reuters-Bloomberg Sprech: FED Beige Book and stable weekend weather boost Retail Revenues!. Klingt doch toll, oder? Immer optimistisch bleiben. Einfach durchsacken lassen durch die Krise.

Befragt man hingegen, wie dies unter anderem das Institut Gallup regelmäßig macht, die Konsumenten selbst, so packt man das Problem an der Wurzel. Diese Zahlen entsprechen den Entwicklungen am Arbeitsmarkt, den trotz Steuererhöhungen sinkenden Verkaufssteuern und den Tendenzen bei den persönlichen Einkommen.

Die Auswirkungen aller bisherigen konzertierten Aktionen der Fed und des Schatzamtes haben bisher nur einem Sektor unter die Arme gegriffen, dem Finanzsektor. Das wird auch so bleiben. Die Frage ist, wie lange diese synthetischen und realwirtschaftlich wenig hilfreichen Maßnahmen dies noch schaffen. Bei den vermeintlichen Zielen, über eine Stützung der Assetpreise und eine Dauermanipulation weiter Teile der Zinskurve ein bisschen Glanz auf die Realwirtschaft zu übertragen stellt sich bisher als ein einziger gewaltiger Fehlschlag dar. Das sollte daran liegen, dass eine Krise, die auf übermäßiger Verschuldung fußt, nicht mit mehr Schulden oder gar mit dem Drucken von Geld zu heilen ist. Im übergeordneten Bild zeigt sich weiterhin ein gewaltiger Prozess des Deleveragings, ein Zurückfahrens des Kredithebels. Für ein Netzwerk kreditbasierter Ökonomien sind dies keine guten Aussichten.

Im Casino heißt es erst „Nichts geht mehr“ und dann gerne einmal „Zero, die Bank gewinnt“. In der Geschichte kehrt sich diese Reihenfolge nun um. Eine Short Vola Position ist in diesem Umfeld sicher keine gute Idee.

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