Weitertanzen bis die Fetzen fliegen

2. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

An Problemen ist vielerorts kein Mangel, aber an der Börse gehen den Akteuren die Sorgen aus. Selbst die Schwankungsbreite der Aktienmärkte ist größtenteils verdampft. Und so fährt die MS Sorglos weiterhin flott zwischen den Eisbergen umher und die Passagiere freuen sich auf die Orkanfahrt…

So einfach kann Börse sein, denkt mancher. Bis vor kurzem kletterte man noch die „wall of worry“ hinauf. Man machte sich Sorgen um dieses oder jenes und die Aktienmärkte wollten dennoch nicht fallen. Die wall gibt es bald nur noch an der Grenze zu Mexiko und die worries haben sich ins Schneckenhaus zurückgezogen. Zwar gab es seit geraumer Zeit keine nennenswerten Steigerungen mehr zu verzeichnen, solch abgründige Äußerungen sind jedoch nicht gut für das Vertrauen der Menschen und dem Neuzeitbörsianer ohnehin fremd. Die Phase der Sorgen hat der hoffnungsfrohe Kapitalanleger endgültig hinter sich gelassen.

Ein Blick auf die Kursverläufe zahlreicher Indizes zeigt einen bestenfalls seitwärts tendierenden Markt. In den Köpfen vieler Anleger handelt es sich aber um den am stärksten steigenden Seitwärtsmarkt seit Generationen. Das liegt vor allem an der von vielen Aktienfreunden belächelten Anlageklasse, die man unter Renten zusammenfasst. Für die positiven Erträge vieler Mischfonds ist allein der Beitrag dieser Papiere verantwortlich. Die folgende Tabelle zeigt die Erträge europäischer Aktien und Staatsanleihen seit dem Jahr 1996 inklusive aller Ausschüttungen und vor Kosten.

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Angesichts der trostlosen Entwicklung des EuroStoxx, die trotz einer Erholung seit den Tiefs des Jahres 2009 inklusive der Ausschüttungen und vor Kosten eine Nullnummer darstellt, darf man sich über das Gerede von der Alternativlosigkeit nur wundern.

Neben den Aktienmärkten selbst haben die Anleger (und Vertriebler) auch die strukturierten Produkte, die der Freund der Gebühren liebevoll Struckis nennt, wiederentdeckt. Wer hätte es 2009 gedacht, dass Zertifikate ihren nun wohl dritten Frühling erleben. Immerhin handelt es sich um strukturierte Derivate mit zusätzlichem Emittentenrisiko. Aber wenn man selbst der Deutschen Bank abnimmt, sie müsse keine Kapitalerhöhung durchführen, dann muss man weder über den bail-in noch über den bail-out nachdenken. Die Schwankungsbreite an den Aktienmärkten sinkt daher munter weiter. Die aus Optionen abgeleiteten impliziten Volatilitäten schrumpfen jeden Tag ein bisschen weiter zusammen. Das liegt an Investoren, die deutlich aggressiver sind als sie glauben, weil sie das Nachrechnen vergessen. Sie verkaufen munter tonnenweise Optionen um ein paar Pfennige zusätzlich einzunehmen, weil ihnen an anderer Stelle die Euros ausgehen (siehe Artikel: Finger weg vom Vola-Short). Mal sehen, wie lange die Pfennige ausreichen, wenn es wieder einmal brennt.

Die Sorglosigkeit und die hirnlose Massenbewegung in alles und jedes passiv zu investieren führt derzeit zu einem Zusammentreffen verschiedener interessanter Begebenheiten. Am gefährlichsten ist die Hoffnung, woher auch immer diese stammt, man könne ausgerechnet mit passiven Vehikeln Krisen ausweichen. Wie soll das funktionieren? Immerhin hat man, und das ist ein wichtiger Punkt, Kosten gesenkt. Die größte Verlustquelle liegt aber bei den meisten Anleger nicht im Fondsmanager sondern im eigenen Timing. Man rennt Trends hinterher, lässt sich zur Unzeit von der vermeintlichen Alternativlosigkeit von Aktien überzeugen und denkt irgendwann wirklich, Bewertungen seien obsolet. Es werden teure Lektionen sein, die viele erneut lernen werden, manche dann zum dritten Mal in zwanzig Jahren. 

Die Nasdaq erreichte unlängst ein neues Allzeithoch. Das ist an sich nichts ungewöhnliches, jedoch ist es nicht sonderlich gesund, wenn gleichzeitig mehr Aktien aus diesem Index ein neues Tief als ein neues Hoch markieren. Passive Vehikel stecken immer das meiste Geld in die am Börsenwert gemessen schwersten Aktien. So kann sich eine solche Entwicklung eine ganze Weile hinziehen. Dreht der Trend und die schweren Titel geraten ins Rutschen, können die kleinen Werte das natürlich nicht auffangen.

Ein Beispiel dazu aus dem DAX. Fällt die Siemens-Aktie um 10% so macht das einen Rückgang des Börsenwertes von 8,7 Mrd. Euro aus. Dieser Rückgang alleine macht mehr aus, als wenn die Aktien der Lufthansa (gesamter Börsenwert 5,45 Mrd.), die Commerzbank (7,8 Mrd.), K+S (3,5 Mrd.) oder auch die RWE (8,5 Mrd.) auf Null fielen. Wenn sich also die RWE an diesem Tag verdoppelt, ist die Ordnung wieder hergestellt. Auf das Eintreten des zweiten Teils dieses Szenarios muss man jedoch nicht unbedingt wetten.

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Die Volatilitätsindizes zeigen an, wie entspannt man allen Problemen zum Trotz ist. Von der vielzitierten „wall of worry“ kann keine Rede sein, aber ist ein Begriff erst einmal in Mode, so wird seine Richtigkeit nicht mehr hinterfragt.

Auch in verwandten Marktsegmenten braut sich langsam, stetig und für jeden zu beobachten großes Ungemach zusammen. Die Verzugsraten und Kreditausfälle ziehen weiter an. Die folgende Tabelle zeigt die Ausfallraten, aufgeteilt nach Regionen.

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Dafür dass alles in Ordnung ist, geht global gerade eine Menge schief. Dieser Trend wird sich bei fortgesetzt schwacher Wirtschaftsentwicklung trotz niedrigster Zinsen fortsetzen und verstärken. Wer nun ausgerechnet auf die Inflation als Heiland der Unternehmen setzt, der bekämpft vermutlich daheim einen Wohnungsbrand in der Küche mit einem Gegenfeuer im Wohnzimmer.

Für manche Firmen ist Inflation kein Problem. Für viele Firmen jedoch ist sie ein riesiges Problem, man denke nur an Unternehmen mit hohen regelmäßigen Investitionszwängen und geringer Preismacht. Dennoch ist der Kaufkraftverlust das neue salonfähige Gebot der Stunde. Und so versuchen die Alchemisten der Zentralbanken den Menschen weiter einzureden, dass man bei niedrigeren Zinsen weniger sparen würden als bei höheren Zinsen und daher den ganzen Tag einkauft, Häuser und Autos kauft und im Mittel vom langweiligen Sparer zum leichtfüßigen Lebemann wird. Die Alchemisten sehen in steigenden Preisen offenbar den einzigen Anreiz zum Kauf von Waren. Wenn es einen Nobelpreis für Einfallslosigkeit gäbe, er ginge verdientermaßen an die Hohepriester der Nullzinskirche. Amen.

 

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2 Kommentare auf "Weitertanzen bis die Fetzen fliegen"

  1. Diederich Heßling sagt:

    Wie schön, wenn man an Bord der Titanic weitertanzen und -saufen kann. Auch wenn der Rumpf bereits seit langem auf voller Länge aufgeschlitzt ist. Die Menschen haben doch auf dem Schiff schon gezeigt, daß der Glaube allein wichtig ist. Das Schiff ist unsinkbar, damals wie heute. Was macht es da schon, wenn man gemeinsam untergeht. Hauptsache, man glaubt an das System. Amen.

  2. heyjay sagt:

    Weitertanzen, weil weitergetanzt werden muss!
    Seien wir doch mal ehrlich, die Kapitalbesitzer können doch gar nicht anders, als Überbewertete Assets zu kaufen, die, die Geld anderer Leute verwalten schon gar nicht.

    Mittlerweile ist doch am Markt so wie ich das sehe alles überbewertet: Der Euro, Aktien, Bonds, Kunst, Banken und Gold. Wohin dann mit seinem Geld? Die Musik spielt noch, aber im Saal ist ein kleines Feuerchen ausgebrochen und der Hauptausgang ist versperrt. So wie gestern, als ich im Kaufhof war, zur Tür herausgehen wollte, aber da war keine Tür mehr. Alle mussten durch einen Seitenausgang. Das wird an den Märkten auch passieren, wenn die größte Blase aller Zeiten platzt: die Zentralbankblase.

    Die Investoren such panisch nach der Tür, der Tür, die sie vor einer Entwertung ihrer Vermögen schützt und meinen sie finden sie, indem sie eine Partitur von Gustav Mahler für 4 Mio Euro kaufen. Offensichtlich fällt ihnen keine bessere Lösung ein. Mir auch nicht!

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