Weiter so! Zwischen „Komfortzone“ und Stockholm-Syndrom

11. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Frankreich hat gewählt – und sich erwartungsgemäß für ein „Weiter so!“ entschieden. Nun ist es nicht so, dass das Land keine Probleme hätte. Die Wirtschaft lahmt, die innere Sicherheit ist aus den Fugen etc. Es wäre also objektiv durchaus Handlungsbedarf gegeben. Alleine, die Wähler wollten nicht. Und das kann man ihnen nicht einmal verübeln…

Zum einen war die Auswahl der angebotenen Kandidaten so bescheiden, dass man sich ohnehin nur für das so wahrgenommene „kleinere Übel“ entscheiden konnte.

Nicht nur in Frankreich wählt man inzwischen Menschen in höchste Staatsämter, denen man privat keinen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Zudem wird im Wahlkampf traditionell gelogen, dass sich die Balken biegen, so dass es vor dem Urnengang gar nicht so leicht zu beurteilen ist, wer tatsächlich das kleinere Übel war.

Auch die Hoffnung, dass der Herrgott demjenigen, dem er ein Amt gibt, auch gleich noch den Verstand oben drauf legt, erfüllt sich in der Mehrzahl der Fälle nicht. Im Gegenteil: Dem Durchschnittspolitiker, der außer Politik nichts kann, und oft nicht einmal das, scheint das Amt und vor allem das Klammern am Amt das letzte bisschen Verstand zu rauben.

Wenn die Vernunft nicht zur Wahl steht, sondern nur verschiedene Ideologien, dann kann sich der Wähler ohnehin nicht für eine „gute“ Politik entscheiden, sondern lediglich für eine andere. Und da haben wir es mit zwei interessanten Phänomenen zu tun:

Gerade in Krisen sinkt offenbar die Bereitschaft zu radikalen Veränderungen. Die Situation ist zwar schlecht und sie wird sich auch absehbar weiter verschlechtern, aber dies auf eine vermeintlich irgendwie berechenbare, ja verlässliche Weise. „Keine Experimente“ gilt paradoxerweise auch im Niedergang.

Zum Zweiten haben Menschen überwiegend eine hohe Gegenwartspräferenz. Die Mehrheit sind eben Konsumenten – teils sogar auf Kredit – und nur eine Minderheit sind Investoren oder Produzenten mit entsprechend niedriger Gegenwartspräferenz. Selbst wer am Stammtisch mault, dass irgendetwas im Lande nicht mehr stimme, merkt sich radikale Einschnitte, besonders die, die ihn selbst betreffen, gerne für den Sankt-Nimmerleinstag vor.

Die den Deutschen und Russen nachgesagte Leidensfähigkeit, heißt in Frankreich Reformunwilligkeit. „Et hätt noch emmer joot jejange“, wie das auf der anderen Seite des Rheins heißt. Hüben wie drüben wird in einer seltsamen Mischung aus falsch verstandener „Komfortzone“ und einer Art Stockholm-Syndrom gegenüber der politischen Klasse daher das „Weiterwursteln“ einem Ende mit Schrecken allemal vorgezogen.

„And the Winner is … Athens“

Unter den Märkten war der eigentliche Gewinner der letzten Tage im Übrigen nicht die Pariser Börse, sondern Athen (vgl. Abb.). Als nach dem ersten Wahlgang am 23.4. (vgl. Abb., linke Senkrechte) klar wurde, dass es Le Pen zwar in die Stichwahl geschafft hatte, dort aber chancenlos war, begannen beide Märkte stark zu steigen.

Das Aufatmen darüber, dass ein Ausstieg Frankreichs aus dem Euro nun erst einmal vom Tisch war, fiel in Griechenland allerdings deutlich hörbarer aus – ziemlich genau dreimal so laut. Es ist nun nicht so, dass Griechenland ein großer Profiteur des Euros wäre, aber die Angst vor dem radikalen Schritt – wir hatten das ja bereits eingangs – beherrscht auch hier die Szenerie.

Hinzu kamen Verhandlungsfortschritte der Griechen, was so viel bedeutet, dass man auch dort noch ein bisschen unter der freundlichen Anteilnahme der EU und des deutschen Steuerzahlers „Weiterwursteln“ wird. Besonders spannend ist die Entwicklung beider Börsen nach dem Stichtag (vgl. Abb., rechte Senkrechte). Während Paris nach dem klassischen Muster „Buy the rumour, sell the fact“ reagierte und tendenziell stagnierte (blaue Linie), gab man in Athen erst noch einmal richtig Gas. (rote Linie).

Small bleibt „beautiful“

Wie schon in der letzten Ausgabe SIW 18/2017 aufgezeigt, haben sich SmallCaps in den letzten Wochen deutlich besser entwickelt als die Dickschiffe des DAX (vgl. Relativchart, dort).

Nachdem zuletzt ein neues relatives Mehr-Monats-Hoch des SDAX gegenüber dem DAX erzielt werden konnte, konsolidierte diese Index-Relation in der Berichtswoche. Trotz teils spektakulärer Kurssprünge bei Einzeltiteln bleibt das Ganze ein zweischneidiges Schwert. Zwar tut es der Marktbreite gut, wenn viele kleine Titel anziehen, die Verlangsamung des Aufschwungs bei den Großen ist dennoch ein Warnsignal. Das Ganze mutet nach Rotation an und nach einer Suche nach zurückgebliebenen Titeln in Zeiten hochbewerteter Märkte. Ein kerngesunder Aufschwung sollte primär von den führenden Titeln einer Branche oder eines Landes getragen werden, nicht von Nischenwerten.

Fazit

Die eigentlichen Sieger der Frankreich-Wahl sitzen nicht unbedingt dort, wo man sie vermutet hätte. Ansonsten „business as usual in der EU“.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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2 Kommentare auf "Weiter so! Zwischen „Komfortzone“ und Stockholm-Syndrom"

  1. cubus53 sagt:

    Was Macron für Frankreich bzw. ganz Europa fordert, könnte bei den Franzosen gut ankommen. Die Vergemeinschaftung der Schulden. Die Deutschen werden es sich wieder gefallen lassen.

    Man muss schliesslich Exportweltmeister bleiben und die vielen Arbeitsplätze erhalten. Dass von diesen Arbeitsplätzen kaum noch jemand leben kann, wen interessiert das schon. Ich vergaß, Deutschland profitiert am meisten vom Euro.

    Frau Merkel dementiert heftig, wenn es um Eurobonds geht. Aber nur bis zur Wahl. Frau Merkel wird wiedergewählt werden, und nach der Wahl hat sie freie Bahn, das Volksvermögen dem Euro gänzlich zu opfern.

  2. Schubidu sagt:

    @Smart Investor
    Eure Artikel sprechen mir immer wieder aus der Seele. Danke dafür!

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