Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!

2. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Rohe Eier ohne Schale werden aus gutem Grund selten angeboten. Beim Außenhandel nimmt man es nicht so genau. Wohin die Wirtschaft der Ausfuhrstaaten auch gondelt, die Exportschätzungen werden munter aufrechterhalten. Ein Blick auf die wichtigsten Abnehmer der Republik gibt für derlei Optimismus wenig Anlass…

Einmal angenommen, jemand verkauft Autos in einer kleinen Stadt. In diesem Ort haben bisher die meisten Beschäftigten bei einem großen Industrieunternehmen gearbeitet, das nun Pforten für immer schließt. Neue Jobs auf dem gleichen Gehaltsniveau sind für die Entlassenen nicht in Sicht, es hat ein struktureller Bruch stattgefunden. Jeder Kaufmann hat die wahrscheinlichen Auswirkungen einer solchen Entwicklung auf die zukünftigen Umsätze deutlich vor Augen. In der politisch geprägten Theorie der Illusions-Ökonomie herrscht jedoch ein anderer Glaube. Dies gilt vor offensichtlich vor allem dann, wenn Ländergrenzen ins Spiel kommen. Die Zusammenhänge zwischen Rezessionen in Ausfuhrstaaten und möglichen Auswirkungen auf das exportierende Land scheinen viele Repräsentanten zu überfordern.

Die folgende Grafik zeigt die 20 wichtigsten Ausfuhrländer der Bundesrepublik. Wir haben diejenigen markiert, die sich bereits jetzt in wirtschaftlich schwerem Fahrwasser befinden und teils einen fiskalpolitischen Seiltanz aufführen.

Insgesamt machen allein die markierten Länder fast die Hälfte der deutschen Exporte aus. Jeder mag für sich manches Land aus der Liste entfernen oder hinzufügen, die generelle Problematik bleibt die gleiche. Wie etwa die fallenden Autopreise in China zeigen, muss mehr Menge nicht gleichbedeutend mit mehr Gewinn sein.

Exporte und entsprechende Importe lassen sich ebenso wenig voneinander trennen wie Einkommensverhältnisse und Arbeitslosigkeit. Diesbezüglich gibt es aus der EU wenig Positives zu berichten. Allein das Thema Jugendarbeitslosigkeit ist ein Drama, die Zahlen einiger Mitgliedsstaaten unterscheiden sich in nichts von den Werten früher vom Westen belächelter afrikanischer Länder.

(Eurostat) Die Jugendarbeitslosenquote lag im November 2011 in der EU27 bei 22,3% und im Euroraum bei 21,7%. Im November 2010 hatte sie 21,0% bzw. 20,6% betragen. Die niedrigsten Quoten verzeichneten Deutschland (8,1%), Österreich (8,3%) und die Niederlande (8,6%) und die höchsten Quoten Spanien (49,6%), Griechenland (46,6% im September 2011) und die Slowakei (35,1%).

Der Mangel an konkurrenzfähigen Arbeitsplätzen ist jedoch nicht auf eine Altersklasse beschränkt. Die Gesamtwerte und die Tendenzen seit 2007 sind ebenfalls ernüchternd. Von der vielbeschworenen Erholung der letzten Jahre ist in vielen Ländern so gut wie nichts auf dem Arbeitsmarkt angekommen.

Die Arbeitslosenquote in Spanien liegt übrigens mehr als doppelt so hoch wie die der vier oben dargestellten Länder. Sie erreichte unlängst knapp 23% und hat sich seit 2007 annähernd verdreifacht. Ein Feuerwerk der Nachfrage sollte man bei derartigen Zahlen nicht erwarten.

Wie sehr sich reine Berichterstatter von vermeintlichen Erfolgen blenden lassen, zeigt das Beispiel Irland. Noch vor einigen Wochen musste die Insel als „Sparweltmeister“ und „Erfolgsbeispiel“ herhalten. Die reale Entwicklung bietet derartigem Jubel keine Basis. Auch die Lage in Portugal ist desolat. Das Land ist der wahrscheinlichste zweite Kandidat für einen EU Ausstieg. Wie die Länder im nicht funktionierenden Währungskorsett aus dem Schlamassel herauskommen sollen, diese Antwort bleiben die Marktskeptiker und Bürokraten schuldig. Über die politische Szenerie in Berlin, Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten legt sich der Nebel einer gefährliche Planlosigkeit in dem sich die Protagonisten an Worthülsen wie der „Euro-Rettung“ festklammern.

Schaut man sich die ökonomische Entwicklung der einzelnen Staaten der Gemeinschaft an, gibt es an Problemen keinen Mangel. In Italien etwa spitzt sich die wirtschaftliche und monetäre Lage zu. Während einige Medien ihre Konsumenten mit netten Anekdoten über italienische Steuer-Controlletis bei Laune halten, kollabiert die Geldmengenentwicklung südwärts der Alpen mit dramatischer Dynamik.

Sonderlich erfolgreich ist das Zentralbankgewurstel bei der Lösung struktureller Problemen offensichtlich nicht. Das ist allerdings kein überraschendes Ergebnis. Vor allem das Aggregat M3 zeigt seit dem Beginn der Krise nicht einmal Anzeichen einer Erholung. Mittlerweile liegt wieder Kurs Süd und damit Schrumpfkurs an. Die anhaltende und nachvollziehbare Tendenz zur Kapitalflucht in Richtung Nordeuropa oder ganz aus der Eurozone heraus macht die Situation nicht einfacher.

Auch der IWF verschob seine Wachstumsprognosen wieder einen Schritt in Richtung Realität. Neben einer Senkung der Aussichten für das globale Wirtschaftswachstum beschäftigt sich der Währungsfonds auch im Speziellen mit der Eurozone, für die nun eine Rezession erwartet wird. Die Lage in Italien wird als besonders schlecht eingeschätzt. Ein Wachstum wird erst wieder ab dem Jahr 2013 erwartet – die Senkung der Prognose für das Jahr 2012 fiel mit 2,5 Prozentpunkten so stark aus, dass man sich fragen darf, auf welch optimistischer Weltsicht der vorherige Wert beruhte. Ob man mit dem jetzt veröffentlichten Minus von 2 bis 2,2% ausreichend tief gestapelt hat, wird sich zeigen. Schlussendlich kommt es auf die exakten Werte und Nachkommastellen nicht an, die strukturellen Probleme werden auch bei einer „leichten“ Rezession deutlich ans Licht treten.

Ob die oft gehörte Differenz zwischen den Einschätzungen der Lage Italiens und Frankreichs gerechtfertigt ist, möchten wir bezweifeln. Frankreich als Teil der Lösung der Probleme der Eurozone einzustufen ist wohl eher den politischen „Do‘s und Don’ts“ geschuldet als der ökonomischen Potenz der Fünften Republik. Politische Korrektheit ist jedoch nur eine andere Bezeichnung für Heuchelei und wird bestenfalls zu Verzögerungen führen.

Auch außerhalb der Eurozone hat sich das Klima merklich abgekühlt. Die Wirtschaft in China kämpft seit Monaten mit absurden Überkapazitäten und den beginnenden Folgen massiver Fehlallokationen, Australien befindet sich in der Rezession und Großbritannien kommt schon seit dem Beginn der Krise nicht mehr auf die Beine. Garniert man das Ganze mit der alles andere als überraschenden Rezession (http://www.rottmeyer.de/willkommen-in-der-rezession/) in der Eurozone, ergibt sich eine höchst unattraktive Gemengelage. Gegen Optimismus ist nichts einzuwenden, eine Strategie ersetzt er aber nicht. Wachstumsprojektionen und Haushaltsentwürfe, die eine Fußnote „falls die Finanzkrise nicht zurückkehrt“ enthalten, sind nur für die Rundablage geeignet. Die aktuelle Abwärtsrevision des Wachstums durch den IWF wird nicht die letzte gewesen sein. Die Krise war nie weg und von alleine wird sie auch nicht verschwinden. Schließlich geht es darum, wer die Rechnung bezahlt.


 

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7 Kommentare auf "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!"

  1. wolfswurt sagt:

    „Weil nicht sein kann was nicht sein darf“ ist eine Entwicklung am Ende eines Systems die sich proportional zum Verfall steigert.

    Die nahe Zukunft wird mediale Erscheinungen hervorbringen die in absolutem Gegensatz zur Realität stehen.

    Hier gilt wirlich: The Sky is the Limit.

    PS
    In den letzten 100 Jahren durften wir Deutsche 4 Systemuntergänge erleben.
    Also Erfahrungsmangel kann uns da keiner nachsagen.

    • Avantgarde sagt:

      „In den letzten 100 Jahren durften wir Deutsche 4 Systemuntergänge erleben.
      Also Erfahrungsmangel kann uns da keiner nachsagen.“

      Und wie viel Erfahrung hast Du persönlich aus den letztem Untergang??

      Siehste – wir haben keine – und selbst wenn wäre es wenig tröstlich.

      • wolfswurt sagt:

        Nicht von Dir auf Andere schließen!

        Meine Erfahrungen mit dem letzten Systemuntergang sind so reichlich, daß ich dem Folgendem ganz gelassen entgegensehen kann.

        Versuch mal zu begreifen, daß Obrigkeiten zu jeder Zeit von der Arbeit der Untertanen zu leben wünschten!

        Und jetzt ziehe Deine Schlüsse.

        Auf den Begriff „Demokratie“ ist in dem Zusammenhang geschissen.

        • stonefights sagt:

          Der Roman wurde wohl 1928 bereits veröffentlicht, aber ich glaube der ein oder andere könnte ihn heute neu schreiben („Im Westen nichts Neues“).
          Oder interpretiere ich da was falsch ? 🙂
          LG

  2. […] Rott & Meyer: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf! […]

  3. Kevinst sagt:

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott 🙂

    Sie hatten mal vor wenigen Monaten einen Artikel veröffentlicht, indem Sie die EK-Quoten europäischer und amerikanischer Bankinstitute gegenüberstellten.
    Leider kann ich diesen nicht mehr finden. Könnten Sie mir bitte helfen?
    Ich muss gerade in den USA ein Konto eröffnen und würde vorab gerne das Diagramm, das Sie damals angefertigt haben, analysieren.

    Vielen Dank,
    Kevin

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