Weidmanns Heil? Oder Weidmanns Dank?

13. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Am 22. Mai hielt Bundesbank-Präsident und EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann beim Jahresempfang des Deutschen Aktieninstituts eine bemerkenswerte Rede. Erstens wegen der schieren Länge, zweitens wegen der Themenvielfalt…

So ging er unter anderem auf die finanzielle Allgemeinbildung, den Anlegerschutz, die Altersvorsorge, auf Einlagen bei Banken und auf Anleihen ein. Ich zitiere ihn im Nachhinein, weil seine Aussagen eine interessante, aus Anlegersicht teilweise brisante Ergänzung zu den Anmerkungen von EZB-Chef Mario Draghi aus Anlass der historischen Zinsentscheidung des EZB-Rats am 5. Juni sind.

Draghi hat da fast schon penetrant betont, die Entscheidung sei einstimmig ausgefallen. Also auch mit der Stimme Weidmanns, von dem möglicherweise so mancher erwartet hatte, der würde sich gegen die am 5. Juni ausgelöste neue Geldschwemme sträuben.

Das aber tat er nicht. Und seltsam: Stattdessen ließ er in der Börsen-Zeitung ein schwaches Interview folgen, in dem es vor Allgemeinplätzen nur so wimmelte. Dazu hier nur zwei Kostproben:

„Die geldpolitische Situation ist heute eine andere als vor zwei oder drei Jahren… Die Geldpolitik hat ihren Beitrag geleistet.“

Was soll das? Zumal Weidmann dann auch noch einräumt, die Beschlüsse vom 5. Juni könnten „Übertreibungen an den Finanz- und Immobilienmärkten begünstigen“. Als hätten wir die nicht längst, und zwar wegen der schon vorher getroffenen Beschlüsse.

Nun zurück zum 22. Mai. Weidmanns folgende Aussage von damals ist, was ihren letzten Teil betrifft, geradezu der Hammer:

„Es ist nicht die Aufgabe von Notenbanken, Anlageempfehlungen zu geben oder Anleger vor Verlusten zu schützen.“

Man könnte auch formulieren: Weiter so, Draghi, enteigne mit deiner Geldpolitik die Deppen von Sparern. Denen prophezeit Weidmann:

„Der Bedarf an einer kapitalgedeckten Altersvorsorge wird tendenziell zunehmen.“

cover_gMit was für einem Kapital, wenn es dank EZB keine Zinsen mehr gibt, die diesen Namen verdienen? Klarer Hinweis Fehlanzeige, stattdessen die Prognose, Geldvermögen werde „weiterhin bevorzugt in Anlageformen mit geringem Risiko gebildet, wie Bankeinlagen oder Versicherungsprodukten“.

Unglaublich: Da trägt einer dazu bei, dass Bankeinlagen der EZB-Geldpolitik geopfert werden, und sagt ihnen eine goldene Zukunft voraus. Noch schlimmer ist die Einbeziehung von Versicherungen in die Familie der risikoarmen Anlagen. Diese Behauptung muss den vielen Versicherungskunden, die Jahrelang Geld angespart haben, wie blanker Hohn oder sogar Zynismus vorkommen. Denn sie sind nun gezwungen, zuzusehen, wie sie mit den stark geschrumpften Auszahlungen zurechtkommen…

Hin und wieder spendet Weidmann den Anlegern Trost. Etwa wenn er sagt:

„Ich kann nachvollziehen, dass die historisch niedrigen Zinsen für viele Sparer ein Ärgernis sind, zumal die reale Verzinsung, also die Verzinsung nach Abzug der Teuerungsrate, bei vielen sicheren Geldanlagen negativ ist.“

Noch so ein Hammer: Seit wann sind Anlagen mit negativer Realverzinsung sicher? Diese Art von Deutungshoheit mag man einem VWL-Studenten im ersten Semester gerade noch zugestehen, einem Bundesbank-Präsidenten nicht, befinde er sich auch noch so sehr unter der Knute von Draghi.

Eigentlich können wir Weidmann dankbar sein, dass er uns mit den hier zitierten Sätzen klar macht, wie schnuppe ihm die Anliegen der Sparer sind. Doch uneigentlich gehört sich das nicht für einen Mann in derart hohem Amt. Dann lieber gleich den Mund halten. Den Weg zurück gibt es indes nicht. Also weiter um den heißen Brei herumreden und gleichzeitig mit der EZB in eine Zukunft steuern, die nicht steuerbar ist.

„Eine Geldpolitik, die allzeit bereit ist, die ökonomischen Folgen zu beseitigen, wenn eine Vermögenspreisblase geplatzt ist, setzt den Kapitalmarktakteuren falsche Anreize.“

Ich verspreche Ihnen, dass dieses Zitat aus Weidmanns ominöser Rede vom 22. Mai für heute das letzte ist. Warum ominös?

Weil die aktuelle Vermögenspreisblase von Weidmann in seiner Funktion als EZB-Ratsmitglied ebenso erzeugt wird wie von Draghi und den anderen Ratsmitgliedern. Die Blase wird – womöglich schon früher, als wir uns träumen lassen – platzen und dann wieder einmal den ineffizienten Märkten oder den ach so bösen Spekulanten in die Schuhe geschoben.

Fazit

Warten Sie mit Ihrem Tagesgeldkonto und Gold in aller Seelenruhe auf das Platzen, auch wenn Sie bis dahin auf dem Konto eine geringfügige negative Realverzinsung und beim Gold vorübergehende Preisschwankungen auch nach unten in Kauf nehmen müssen.

© Manfred Gburek – Homepage



 

Schlagworte: , , , , , ,

3 Kommentare auf "Weidmanns Heil? Oder Weidmanns Dank?"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Weidmann hat nicht nur Ihnen Herr Gburek das rübergebracht was wichtig ist, nämlich:
    Es ist vorbei!
    Wir sind schon über die Klippe hinaus.
    Das er jedoch Durchhalteparolen verwendet und rosige Zeiten prophezeit, liegt auch daran, dass der deutsche Michel so etwas gerne hört.
    Wir Deutschen sind schon ein seltsames Völkchen. Wir glauben unseren Führern so lange, bis das was über uns zusammenbricht, auch erschlagen hat.
    Das erinnert mich daran, dass der Endsieg noch propagiert wurde, als der Kessel um Berlin schon so klein war, dass die Russen sich versehentlich (durch den Kessel hindurch) gegenseitig erschossen haben.
    Vor Jahren hieß es noch, dass unsere Kinder und Enkel die Zeche zahlen müssen;
    nein– w i r müssen die Zeche zahlen.
    Angefangen durch die schleichende Vermögensvernichtung durch niedrige Zinsen, bis hin auf den „großen Knall“ auf den wir alle warten.
    Das der Mann bis hin zur Lächerlichkeit argumentiert, sollte man ihm nicht vorhalten.
    Und die Menschen, die verstanden haben, dass dieses lächerliche Gesülze des Herrn Weidmann, eher eine Aufforderung an die Menschen ist, ihre Altersversorgung währungsreformsicher anzulegen, werden mit Sicherheit nicht versuchen ihr Erspartes in der Form von bunten Zettel vor Verlusten zu schützen.
    Aber wer das nicht verstanden hat– ja- für den steht doch ein ganzes Klavier an Anlagemöglichkeiten zur Verfügung; einfach den Finanzberater der Bank fragen.
    Toi, toi, toi.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  2. bluestar sagt:

    Der Zug ist durch, es gibt keine Stationen mehr zum aussteigen. Die Mehrheit der Deutschen ist einfach so dumm geblieben wie 1945, das ist nunmehr wohl klar. Die offene Frage ist, welche finanzielle Repressionen uns noch erwarten und wie die diktatorische Begleitmusik klingen wird.

  3. FDominicus sagt:

    Ist es eine provokative Frage? Was soll man von einem Zentralbanker denn erwarten?
    Sind es nicht diejenigen die bestimmen was der Zins ist? Sind es nicht die Handwerker des Geldes wie Herr Nowottny vor Kurzem verkündete?

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.