Wehe, wenn wir unter den Teppich schauen!

12. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Je weiter die Kurse steigen, je lauter Stimmen von überwundenen Krisen-Höhepunkten tönen und je schlimmer die Lage tatsächlich wird, desto wichtiger wird eine einzige Frage für die Zukunft insbesondere der Aktienmärkte: Wie viele Akteure, insbesondere große Adressen mit ihrer massiven Dominanz an den Märkten, gehen dieser Scharade wirklich auf den Leim?

Momentan wird lauter getrommelt denn je … und zugleich so vieles unter den Teppich gekehrt, was nicht in das gewünscht rosige Bild einer gesicherten Zukunft passt, dass der Haufen unterhalb eben dieses Teppichs schon so hoch geworden ist, dass eigentlich jeder darüber stolpern müsste. Während viele mittlerweile dahingehend konditioniert wurden wie Labormäuse, dass der Euro unumkehrbar und der Höhepunkt der Eurokrise überwunden ist, die Umschiffung der „Fiscal Cliff“ in den USA wieder für Ruhe und solides Wachstum sorgen wird, stützende Anleihekäufe irgendwas mit neuem Wachstum zu tun haben sollen und China und Indien uns alle auf ewig das Wachstum bescheren werden, damit wir weiter im Luxus leben können, wird die Realität außerhalb dieser Sprüche zusehends kritischer.

Die Lage am Arbeitsmarkt bessert sich nur auf dem Papier, in Deutschland ebenso wie in den USA. Denn immer mehr Menschen fallen durch das Raster der Behörden, sind arbeitslos, aber zählen nicht. Und jeder, der ein klein wenig ökonomisch zu denken versteht realisiert, dass die Monat für Monat um einen Zehntelpunkt auf neue Rekorde kletternde Arbeitslosigkeit in der Eurozone nicht an uns vorüber geht, egal, wie sehr die Behörden die Zahlen schönen. Konjunkturdaten, die auf subjektiven Einschätzungen beruhen wie ifo, ZEW, die Einkaufsmanagerindizes oder das Verbrauchervertrauen haben sich in den vergangenen Wochen stabilisiert. Aber wenn Frühindikatoren wie Baltic Dry und Harpex nur unwesentlich über den Rezessionstiefs Anfang 2009 platt am Boden liegen und es bei Einzelhandelsumsatz, Auftragseingängen und der Industrieproduktion klemmt, sollte klar sein, dass die Stabilisierung der subjektiven Einschätzungen nicht auf Zählbarem basiert, sondern auf der reinen Hoffnung, dass doch noch irgendwie alles gut wird.

Vergessen wir nicht, dass auch angebliche Experten Menschen sind, die Ängsten, Hoffungen und Zwängen unterliegen. Oft genug haben wir in den vergangenen Jahren erlebt, wie sehr irrationale Hoffnungen Entscheider in höchsten Positionen dazu brachten, Blödsinn zu reden und vor allem zu tun. Die gesamte Maßnahmenpalette gegen die Eurokrise zählt dazu, ebenso wie die in die Anleihekaufprogramme gesteckten Hoffnungen. Die eigentliche Problematik der über Jahrzehnte aufgebauten Überschuldung, der leeren Pulverkammern der Notenbanken und eines Europa der zwei Geschwindigkeiten und unterschiedlichster Sichtweisen wird weiterhin beiseite gewischt. Man kauft sich Zeit … noch mal Zeit … und wieder Zeit … und hofft, irgendwer wird den Karren schon irgendwann irgendwie aus dem Dreck ziehen, vorzugsweise, wenn man selber nicht mehr in Amt, Würden und vor allem Verantwortung steht, zu welcher man dann gezogen werden könnte. Das geht jetzt seit Jahren so … und trotzdem sind Aufschreie gegen diese Verarschung (Darf man das nicht sagen? Alle anderen Worte würden der Sache aber nicht gerecht) verblüffend selten und leise. Merkt denn keiner was?

Tja, das ist die entscheidende Frage. Und ich bin sicher, diejenigen, die an den entscheidenden Hebeln des Kapitals sitzen, wissen ganz genau, dass die Weltwirtschaft nicht dabei ist, gegen die Wand zu fahren, sondern bereits mit Totalschaden an selbiger hängt. Aber noch führt das nicht zu Reaktionen an den Börsen. Der Grund ist, wenn man mal länger darüber nachdenkt, ebenso verrückt wie logisch:

Wir leben seit langem in einer Schamgesellschaft. Und genau das macht es den Blendern leicht, uns ruhigzustellen. Wer stellt sich heutzutage vor Freunde und Bekannte und erklärt, dass er überschuldet ist, die Firma auf den Abgrund zutorkelt oder die berufliche Perspektive im Eimer ist? Kaum jemand hat den Mut, solange es die anderen nicht auch tun. Fängt aber keiner an, tut es niemand. Und man glaubt zu leicht, dass es allen außer einem selbst gut geht, weil die Medien voll von angeblichem Wachstum und rasant steigendem Wohlstand sind und auf den Straßen dicke Autos herumfahren.

Klar, würde da überall an den Türen stehen, wenn ein Auto geleast oder auf Pump gekauft ist, wir würden uns wohl wundern. Würde gekennzeichnet, welcher Traumurlaub oder welches neue Wohnzimmer durch neue Schulden finanziert wurde, wir würden womöglich erschaudern. So aber sieht es aus, als wäre der Spruch der Kanzlerin, „Deutschland geht es gut“, nichts als die reine Wahrheit, die Krise der Länder um uns herum ein Problem anderer Leute und man selbst einfach nur zu dumm, um reich zu werden. Also schweigen die meisten verschämt ob ihrer Sorgen und merken so nicht, wie unendlich vielen anderen es genauso geht. Dasselbe Phänomen trug vor einigen Jahren in den USA zur Immobilienblase bei. Jeder glaubte, alle anderen haben alles, nur man selber nicht. Und dann kamen die freundlichen Banken und erklärten: Schau, das geht schon … wir machen das mit dir. Hier unterschreiben und viel Freude mit dem neuen Eigenheim mit Pool und Hightechküche! Ich denke, es gibt niemanden, der sich nicht entsinnt, wie das ausging. Aber:

Da die eigene Lage ja immer „was anderes“ ist, da man insgeheim ja stets glaubt, es trifft immer nur die anderen, gehen bei viel zu wenigen Menschen die Warnlampen an, wenn sie sich ebenfalls das Leben, das sie aufgrund der von außen vorgegaukelten Standards glauben, führen zu müssen, auf Kredit finanzieren. Und das Beste dabei…

Um den schönen Schein zu wahren, spielen oft sogar diejenigen das böse Spielchen ewigen Konsums in einer schönen rosa Welt mit, die sehr wohl die Gefahr erahnen, aber aus Angst, als Versager dazustehen, mitmachen. Das ist der blanke Wahnsinn … aber es ist genau dieser fortwährende und medial stetig geschürte Gruppenzwang, der dazu führt, dass das Kartenhaus der Weltwirtschaft immer noch nicht komplett zusammengefallen ist. Ohne das stetige kaufen von grundsätzlich unnötigen Dingen wie dem allerneuesten Handy, dem schnellsten Computer und dem größten Flachbild-Fernseher hätten wir statt einer bislang leichten längst eine sehr schwere Rezession. Der Haken dabei ist jedoch:

Konsum, ob von der hohen Kante oder auf Pump finanziert, stößt an seine Grenzen, wenn die wirklichen Innovationen ausbleiben, während zugleich die Banken bei immer mehr Konten die Stirn runzeln. Wir sehen es in den USA, wir sehen es in Europa. Und der durch die Hintertür erlangte Wohlstand durch den wachsenden Reichtum in den aufstrebenden Riesennationen wie China, Indien oder Brasilien verlangsamt sich und reicht nicht mehr aus, um die Stagnation im Inland zu kompensieren. Stellen sie sich vor, wie es aussehen würde, wenn viele der jetzt noch scheinbar sorglosen Konsumbürger hierzulande Angst bekommen, dass ihnen der Unsinn über den Kopf wächst oder ihnen einfach die Banken den Kredithahn zudrehen! Und das kann jetzt jederzeit passieren.

Je schlimmer die Krise, desto ruhiger das Volk. Siehe Frankreich vor der Revolution von 1789. Jahrzehntelang litt die Bevölkerung und schwieg dennoch – bis ein vorher absolut nicht bestimmbarer Punkt X erreicht wurde, der das Fass zum Überlaufen brachte und die Wut die Angst besiegte. In dem Augenblick, an dem die Menschen in den USA und Europa realisieren, dass nicht sie „Versager“ sind, sondern alle systematisch hinters Licht geführt und manipuliert wurden, kann es sehr schnell gehen – vergleichbar mit 2008.

Vergessen wir nicht, dass die Lage sich damals vor allem deswegen blitzschnell verschärfte, weil die Menschen allesamt zugleich aus rosigen Träumen gerissen wurden, voll auf die Konsumbremse latschten und so eine Kettenreaktion auslösten, die das schwelende Feuer binnen weniger Monate zu einem Großbrand anfachte. Einbruch der Umsätze, Entlassungen, massive Kreditrestriktionen …

… all das kann blitzschnell entstehen, wenn die Menschen plötzlich aufhören, sich aus dem Gruppenzwang heraus immer den neuesten Mist zu kaufen und im Gegenteil besorgt ihre Groschen zusammenhalten. Und wir sind heute in einer weltwirtschaftlich weit, weit verwundbareren Lage als damals und die Pulverkammern der Notenbanken ebenso erschöpft wie ihre und der Politiker Glaubwürdigkeit. In dem Moment, in dem das medial verteilte Opium nicht mehr wirkt, kommen die brutalen Folgen blitzschnell zum Tragen. Das dürfte ziemlich unerfreulich werden. Zumal:

Die Entscheider der großen Adressen an den Börsen verstehen diese Problematik sehr genau. Dass sie bislang kaum reagieren, liegt momentan zum einen am nahen Jahresende, zu dem eine optimierte Performance per Window Dressing angestrebt wird, um werbewirksame Argumente für neue Kunden von Fonds, Hedge Funds, Versicherungen oder Pensionskassen zu erhalten. Zum anderen sind sie in gewisser Weise ja Sklaven ihrer Kunden. Die wissen zwar meist nicht, was mit ihrem Geld angestellt wird. Aber solange sie es nicht in Massen abziehen – was auch in den Baissen 2000-2003 und 2008/09 lange dauerte – können die großen Adressen nicht in größerem Umfang einfach aussteigen und Barbestände anhäufen. Es könnte ja immer sein, dass man damit allein auf weiter Flur steht, die Börsen doch noch weiter steigen und die bessere Performance der investiert gebliebenen Konkurrenz einen Exodus der Kunden nach sich zieht.

All das zusammengenommen bildet ein an der Oberfläche gesundes Bild, gekrönt von einem DAX auf neuen Jahreshochs, der nur noch weniger als acht Prozent unter seinen Allzeithochs notiert. Aber das ist eben nur die Oberseite des Teppichs. Wenn zu viele Menschen in zu kurzer Zeit einen Blick unter den Webstoff werfen und verstehen, dass sie sich die ganze Zeit haben manipulieren lassen, ist die schöne Show blitzschnell vorbei. Das könnte bereits Anfang Januar passieren, wenn das Window Dressing über die Bühne ist und man merkt, dass weder ein fauler Kompromiss zum Schuldenabbau in den USA noch die Anleihestützungen in Europa und den USA imstande sind, die Konjunktur wieder zu beleben. Wenn dann die Aktienmärkte kippen, kippt auch die gesamte Stimmung – und dann beginnt die Kettenreaktion bis hin zur konjunkturellen Kernschmelze. Es könnte auch noch ein paar Wochen länger dauern, wer weiß. Aber eines ist klar:

Wenn der Teppich zurückgeschlagen und die Büchse der Pandora geöffnet ist, wird es schnell gehen. Dann sollte man außerordentlich hurtig auf die Short-Seite wechseln – und das gelingt nur, wenn man sich der Risiken der momentanen Situation schon vorher bewusst war. Sollte es hinreichende Anzeichen geben, dass die Party vorbei ist, bemühe ich mich, dies an dieser Stelle rechtzeitig zu melden!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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