Weg mit der Jammerharfe: Die oder wir?

18. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ich habe jetzt das Vierteljahrhundert als Börsianer voll. Sehr viele haben in den letzten Jahren eine weit kürzere „Karriere“ beendet – ein Aspekt, über den ich heute laut nachdenken möchte. Seit 1989 hat sich viel verändert, das kann man nicht abstreiten…

Und ja, das können einige Anleger der alten Schule nicht mögen, weil sie sich anpassen, umstellen müssen. Aber was ich in den letzten Jahren beobachte, ist kein Generationenwechsel unter den Anlegern, sondern eine Flucht. Die Zahl der Anleger schrumpft zügig. Die der wirklich aktiven erst recht. Ich frage mich:

Wollen diejenigen, die glauben, mit all dem neumodischen Zeugs da an der Börse nicht zurechtzukommen, die sich in Plattitüden flüchten wie „da verdienen ja eh immer nur die Banken“, die ihre meist selbst verschuldeten Wunden lecken und „der Börse“ an sich die Schuld geben, wirklich auf diese Weise den Beweis erbringen, dass im Zuge einer evolutionären Entwicklung diejenigen auf der Strecke bleiben, die sich nicht anpassen können? Wollen wirklich so viele in die Jammerharfe greifen, statt neue Herausforderungen anzugehen? Wollen so viele wirklich den Daytradern, den Großbanken, den computergesteuerten Handelsprogrammen die Börse kampflos überlassen?

Ist diese Entwicklung vielleicht ein weiteres Beispiel für die in den letzten Jahren mehrfach in Marktkommentaren hervorgehobene Tendenz, sich als Couch Potato zum Biedermeier machen zu lassen, weil das alles, ob Politik, Wirtschaft, Technologie, so kompliziert ist, dass man sich lieber auf einen Bereich fokussiert, den man dann umso besser beherrscht … und Spezialist in Fernbedienungen wird? Ich habe zuletzt oft dazu aufgerufen, endlich wieder sehenden Auges auf das zu blicken, was um einen herum vorgeht, um sich aus der von vielen Strippenziehern erwünschten Rolle als dumpfe, alles kritiklos durchwinkende Melkkuh zu befreien und andere mit wachzurütteln. Ich weiß nicht, inwieweit das etwas gebracht hat, denn wer diese Kolumnen liest, gehört ja bereits zu der aussterbenden Sorte Mensch, die sich interessiert und andere Meinungen hören will. Und die, die ich erreichen will, sind die, die zu faul zum Lesen sind oder bei Texten, die eine Viertelseite überschreiten, aufgrund Konzentrationsproblemen kapitulieren. Aber …

… würde ich nun einfach aufgeben, so würde ich mich einreihen in die wachsende Gruppe der Lemminge, die ihr Leben und Denken innerhalb des eigenen Dunstkreises fristen und für die all das, was in den meist ungesehenen Nachrichten kommt, grundsätzlich ein Problem anderer Leute ist. Kommt nicht in die Tüte.

Diesmal geht es mir alleine um die Börse. Ein wenig auch aus Eigeninteresse – aber andererseits auch wieder nicht. Kurz: Ich stelle vor allem mir selbst eine Art Ultimatum. Entweder, es hat sich bis zum meinem 50. Geburtstag im November nächsten Jahres etwas verändert, oder ich werde meinen Börsendienst New Opportunities, der sich den aktuellen Herausforderungen angepasst hat, einstellen. Denn ich betreibe einen immensen Aufwand dafür, dass die Leser ziemlich wenig tun müssen. Und wenn das Interesse an einem solchen Dienst, der auf die heutigen Notwendigkeiten zugeschnitten ist, weiterhin so seltsam strukturiert ist, dass zwar kaum jemand das Abonnement kündigt, Testleser aber mitteilen, dass ihnen das alles zu aufwändig ist, dann lasse ich es einfach bleiben. Denn es gibt jemanden, der dann mit extrem weniger Aufwand mit diesen Handelssystemen hinreichend Gewinn erzielt, um da nicht die ganzen Texte und Signale punktgenau weitergeben und den begleitenden Blog betreiben zu müssen: ich.

Die meisten von Ihnen wissen, dass dieser Dienst New Opportunities nur eine von mehreren Aktivitäten meinerseits ist. Er ist eigentlich nur da, damit ich noch einen eigenen Börsendienst betreibe, ein wenig als drittes bzw. viertes Standbein, vor allem aber, weil ich meiner Ansicht nach einen eigenen Dienst haben muss. Aber ihn für ein Drittel der Leserzahl zu betreiben wie vor vier, fünf Jahren: Da ist die Relation Aufwand zu Ertrag albern.

Was ist denn eigentlich an dieser heutigen Börse so schrecklich? Hat es denn nicht seit jeher Veränderungen gegeben? Natürlich hat es das. Und es hat auch immer Menschen gegeben, die jede Veränderung doof fanden und der Börse wie allem, das sich wandelt, maulend den Rücken gekehrt haben. Aber …

… waren das wirklich so goldene Zeiten, damals, vor 20 Jahren, als man, noch ohne Internet, auf die halbstündige Telebörse warten musste, wollte man auch nur eine Ahnung bekommen, wo der DAX gerade stehen könnte? Waren das wirklich so wunderbare Verhältnisse, als man ewig drauf warten musste, bis sich in der Wertpapierabteilung jemand ans Telefon bemühte und man froh sein konnte, am nächsten Tag Nachricht zu haben, ob der Kauf- oder Verkaufsauftrag überhaupt durchging? Als man das entweder telefonisch im Schneckentempo oder gar mit Auftragsformularen vor Ort bewerkstelligen musste? Als es nahezu unmöglich war, US-Aktien, Währungen, Rohstoffe zu handeln – erst recht auf der Short-Seite? Als es keine Kurstransparenz gab und man zudem nie sicher sein konnte, aus Positionen auch wirklich herauszukommen? Na, ich danke. Diese „gute alte Zeit“ kann mir gestohlen bleiben.


Ist das allenthalben von den Jammerharfen triefende Argument, die Börse sei für normale Anleger viel zu schnell und unberechenbar geworden, wahr? Als die Aktienmärkte 2000 bis 2003 den zahllosen Möchtegern-Millionären mit ihrem sicheren Riecher auf neue, goldene Zeiten um die Ohren flog, gab es kaum Online-Broker, alles ging langsamer, die Zahl der Derivate war gering. Aber die Kursschwankungen waren der Wahnsinn in Tüten, da kommen die eher gemächlichen Bewegungen von heute nicht ran. Und auf die kann man heute sekundenschnell reagieren, transparent, sicher, übersichtlich. Man bekommt im Internet blitzschnell alle Informationen, die man braucht. Man hat die Möglichkeit, alles egal wo zu handeln.

Und trotzdem: Damals holte man sich blutige Nasen und war trotzdem fröhlich wieder mit dabei, als 2007 mal wieder die ewige Hausse ausgerufen wurde und es komischerweise irgendwie ganz anders kam. Und heute mag keiner mehr … trotz fehlender blutiger Nase?

Viele werden das nicht gerne lesen, aber mich beschleicht der Verdacht, dass dieser Exodus der Privatanleger vor allem daran liegt, dass sie die Hausse seit 2009 nicht mitnehmen konnten. Ein entgangener Gewinn ist viel, viel ekliger zu ertragen als Verluste. Da bin ich Experte drin … in beidem. Aber warum waren so wenige dabei? Weil diese Hausse Blödsinn war, wenn man rational denkt. Und weil die Banken sich daran gesundstoßen konnten, weil man ihnen das Geld quasi in den Rachen gestopft hat, damit die Aktien- und Anleihemärkte stabil bleiben und immer weiter steigen, um die Schimäre angeblich soliden Wachstums zu nähren, auf die die meisten, die sich nun angewidert von der Börse abwenden, eben diesmal nicht hereingefallen sind … und ausgerechnet diesmal stiegen die Kurse dann doch und jahrelang!

Es ist weit weniger der Unwille, sich den neuen Möglichkeiten der heutigen Börsen anzupassen, die diesen Exodus verursacht, denke ich. Es ist das Gefühl, dass hier alles irgendwie künstlich gesteuert wird, man mit dem Verstand nicht weiterkommt … und deswegen auch nicht selbst von dieser „falschen“ Hausse profitieren konnte. Ich gebe zu, dass das auch mich verdrießt. Denn der große Reiz der Börsen war, dass man dereinst verdienen konnte, weil man erkannte, was andere noch nicht erkannten. Weil man als erster auf eine Entwicklung setzte und die Horde erst später kam und mit ihren Käufen oder Verkäufen die eigene, längst etablierte Position in die Gewinnzone hob. Aber!

Erstens könnte es gut sein, dass diese Zeit zurückkehrt, ein Comeback hat wie Schlaghosen, Plateauschuhe und Schmetterlingskragen, nur nachhaltiger. Denn das, was diese jahrelang künstliche Börse förderte, verliert an Wirkung: Das billige Geld. Im Gegenteil, wenn sich die aktuelle Abkühlung der Weltwirtschaft nur ein paar Monate länger hinzieht, kann es sein, dass sich dieses Spielchen seit 2009 auf brutalste Weise rächt und das Kartenhaus zusammenklappt. Aber selbst, wenn nicht, so gibt es noch „zweitens“:

Zweitens geht es doch eigentlich an Der Börse eher um das Erzielen von Gewinnen und nicht ums recht bekommen. Und das geht durchaus, wenn man bereit ist, sich den heutigen Gegebenheiten einfach ein bisschen anzupassen. Und wenn wir nun mal eine Börse haben, an der die Ratio sich die Zähne ausbeißt, muss man halt in den Vordergrund stellen, was ohnehin nie außer Acht zu lassen ist: Konsequent systematisches Handeln mit all den „Tugenden“, ohne die man in Wahrheit ja auch früher nicht auskam:

Systematisches Handeln mit einem konsequenten, nicht zu komplexen System, besonnenes Money-Management, konsequente Absicherung durch Stoppkurse. Einziger Unterschied: Das Zeitraster. Ich habe, um Leser nicht zu verprellen, weil ich diese Abwanderungstendenzen wegen akuter Neophobie durchaus sah, lange, zu lange versucht, meine Handelssysteme auf Wochenbasis zu halten. Aber in einem Umfeld, das von kurzfristigem Trading und blitzschnell einlaufenden, nicht vorhersehbaren, aber kursrelevanten Nachrichten geprägt ist, kann man halt nicht am Montag eine Position eingehen und darauf bauen, dass die da vorherrschenden Rahmenbedingungen einfach die gesamte Woche über bleiben, wie sie sind.

Eine Hälfte meines Börsendienstes arbeitet noch auf Wochenbasis, aber die Ergebnisse sind schlecht. Ich stelle zwar die Basiswerte für dieses Depot auf Indizes und Währungen um, aber wirklich beeindruckend kann man dort nicht abschneiden. Der Bereich, der ein Handelssystem umsetzt, das Signale auf Stundenbasis misst, funktioniert hingegen gut. Doch offenbar sind gute Gewinne kein Argument, um es „ertragen“ zu können, die Dispositionen im Tagesverlauf zur vollen Stunde vorzunehmen statt am Abend oder morgens. Nur … warum?

Wer imstande ist, ein Smartphone zu bedienen, muss angesichts der Möglichkeit, die Trades vorzubereiten, nur kurz auf zwei, drei Knöpfe drücken, um ein Signal umzusetzen. Das kann man dann von überall aus. Und wenn es hochkommt, laufen in den beiden hier gehandelten Basiswerten DAX und Gold zusammen sechs, sieben Trades pro Woche. Klar, man muss regelmäßig die Stoppkurse anpassen. Aber auch das geht schnell – und mal ehrlich: Kam man vor zehn Jahren denn auf einen grünen Zweig, wenn man seine Positionen nicht regelmäßig und konsequent mit Stop-Loss abgesichert hat? Eben.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich die normalen Anleger zwar aus der Börse gedrängt fühlen, es aber in Wahrheit selbst tun. Und ich mag den Gedanken nicht, dass wir die Börse immer mehr und mehr den großen Adressen überlassen und kampflos das Feld räumen, das eigentlich für uns, den „normalen“ Anleger, gedacht war. Doch bislang kämpfe ich hier wie Don Quichote gegen Windmühlen. Wenn die Mehrheit der Anleger wirklich lieber in die Jammerharfe greift statt sich umzutun um sich den Veränderungen der Börse gewachsen zu zeigen, ist das eine höchst ernüchternde Entwicklung. Dabei zeigt sich doch:

Außer ein wenig mehr zeitlicher Flexibilität ist nichts vonnöten, das man nicht auch vor zehn oder zwanzig Jahren gebraucht hätte. Und man braucht meinen Börsendienst auch nicht, wenn man imstande ist, konsequent und nach klarem System zu agieren, sich immer sauber abzusichern, nur dann zu handeln, wenn man eine taugliche Chance sieht und sich ein wenig mit chart- und markttechnischer Analyse beschäftigt hat. Wem dieser Aufwand zu viel ist, um der Börse einen Gewinn abzutrotzen, der ist früher genauso gegen die Wand gefahren wie heute. Also:

Die oder wir? Soll man wirklich die Börse den „Großen“ überlassen, und das ohne Not? Soll man sich wirklich, wie so viele, bei der geringsten Herausforderung jammernd zurückziehen, statt Initiative zu zeigen? Ich werde sehen was passiert … aber eines habe ich nun wirklich entschieden: Als Don Quichote gehe ich nicht in die Rückrunde des Lebens.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)


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