We, Robot

21. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Meine Güte, wie konnten wir eigentlich vor 20 Jahren überleben? Ohne Internet, Emails, sms, Facebook, High Frequency Trading? Stellen Sie sich mal vor, wir müssten noch alles per Brief oder Telefon erledigen! Ach ja … dann, ja dann hätten wir wieder mehr Zeit zu leben. Nein, das ist kein Tippfehler. Ich meinte in der Tat mehr, nicht weniger Zeit zu leben…

Denn was ist aus uns, vor allem der jüngeren Generation, denn geworden? Sklaven der Maschinen, denen wir uns auch noch mit Wonne unterwerfen und so permanent Dinge tun, die uns früher nicht gefehlt haben.

Die „Maschinen“, ihre reine Existenz in Kombination mit der Gier vieler, das Neueste, Beste, Schnellste zu besitzen und mit dem Gruppenzwang, der so viele animiert, es den Gierigen nachzutun, haben unser Leben verändert. Und es sogar geschafft, denen, die es noch anders kannten, vorzugaukeln, sie würden auf einmal extrem viel Zeit sparen … obwohl wir uns alle dauernd fragen, wo denn bloß die viele Zeit geblieben ist. Die neue Technik beherrscht unser Tun und Denken … und wir finden das auch noch wundervoll. Diejenigen, die sich da „voll reinwerfen“, stehen permanent vor einem Kontrollverlust über ihr Leben. Diejenigen, die sich dem komplett entziehen wollen, auf eine andere Weise aber auch, weil sie an immer mehr Dingen nicht mehr teilhaben können. Scheinbar.

Und es geht mir hier ebenso um die Börse wie um unser tägliches, sonstiges Leben. Ich hatte vor einigen Wochen bereits (Kolumne vom 09.08.) das High Frequency-Trading in Kombination mit den Handelsprogrammen der großen Adressen als Grund für plötzliche, weitreichende und teilweise völlig irrationale Kursbewegungen angesprochen. Heute bekamen wir ein erneutes Beispiel dafür. Italiens Kreditwürdigkeit wird von der Rating-Agentur Standard&Poor’s wegen mangelhaft strukturierter Sparanstrengungen von A+ auf A mit zugleich negativem Ausblick herab gestuft … und die Aktienmärkte scheinen sich darüber zu freuen. Natürlich tun sie das nicht, aber es sieht einfach so aus. Konkret:

Diese Meldung kam in der Nacht um 00:20 Uhr. Da reagierte man durchaus negativ … und in den Stunden danach ebenso. Mitten in der Nacht, in der unsereins gemeinhin in den Federn liegt, verkauften die Händler … oder ihre Computerprogramme, bei denen sich der Mensch auf das Anklicken des Button „on/off“ beschränkt … fleißig Positionen. Aber dann, ja dann sackte der Dax Future um 08:30 Uhr genau auf das Verlaufstief vom Montag – und dort hielt die Unterstützung. Das sorgte am Morgen dafür, dass die Handelsprogramme eindeckten und Long gingen, kurzfristige Trader auf den Zug aufsprangen und die Kurse deswegen zu Beginn des offiziellen Handels rasant und immer rasanter anzogen. Denn die Handelsprogramme kaufen natürlich mit jeder überbotenen Widerstandslinie mehr hinzu … wobei diese Linien meist nur deswegen überwunden werden, weil die Programme gerade eben die letzte Hürde genommen haben und diese Zukäufe die Kurse gleich über die nächste Linie heben. Computer kennen kein „zu tief“ … und auch kein „zu hoch“.

Computergesteuertes Trading im Nanosekunden-Bereich führte nach einer gehaltenen Unterstützung nicht nur dazu, dass die in der Nacht veröffentlichte, negative Meldung Stunden später einfach keine Rolle mehr spielte, denn Computer lesen keine Nachrichten und Daytrader richten ihre Aktionen natürlich nach dergleichen nicht aus. Nein, das führte auch noch dazu, dass man in den Medien verbreitete, die Anleger würden auf solche Meldungen nicht mehr reagieren, weil ohnehin alles eingepreist sei und sich im Gegenteil auf die bestimmt grandiosen Aktionen der US-Notenbank freuen, welche diese am Mittwochabend verkünden werde. So verlautbart, während die meisten Anleger in Wahrheit verständnislos den Kopf schüttelten. Nur die Computer nicht, denn die pflegen gemeinhin nicht nur keine Nachrichten zu lesen, sondern auch nichts zu schütteln. Aber damit nicht genug… (Seite 2)

 

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11 Kommentare auf "We, Robot"

  1. conan sagt:

    Danke Herr Gehrt — für dieses Plädoyer für die Langsamkeit!

    Dem ist wenig hinzuzufügen.

    Gruß

    Conan

  2. Fnord23 sagt:

    Treffend, Herr Gehrt!

    Darauf kommen immer mehr Menschen. Ich selbst hatte mein Wendepunkt Mitte der Neunziger. War auch am WE in der Firma. Eines Tages rief mein Chef mich Samstags an, und fragte, ob ich krank bin. Weil ich nicht da war. Da merkte ich, dass etwas faul ist.

    Bin ca. 1 Jahr ausgestiegen und hab mein Leben neu geordnet. Seit dieser Zeit verbinde ich Erwerbstätigkeit, Privates und bürgerschaftliches Engagement. So wie ich jetzt lebe, kann ich das weiterführen bis ins hohe Alter. Es wird also keinen harten Schnitt um die 65 geben. So man das gesund und überhaupt erlebt.

    Die Frage ist doch:
    Warum nehmen so viele das Angebot des Systems an? – Also arbeiten und leben immer schneller bis zum Umfallen. Es ist ja nur ein Angebot.

    Das Problem ist, dass es bei vielen keine bewusste Entscheidung ist!
    Warum nutze ich diese ganzen Infoangebote, diese Netzwerke und Kommunikationswege? Geht es auch anders?

    Die meisten jungen Menschen werden durch wen und womit auf diese Welt vorbereitet? Ich denke, da haben die Eltern ein riesen Aufgabe zu erledigen.

    Das ist das, was ich den Kindern erzähle:
    Es muss eine bewusste Entscheidung sein. Warum brauch ich das und was nützt es mir? Das verhindert dieses unbemerkte hineinrutschen in das System. In meinem Lieblingsfilm sind ja auch fast alle an die Matrix – an die Maschinenwelt – angeschlossen. Und merken es nicht mal. Aber es werden mehr.

    Passt ja zum Thema:
    Was höre ich da eben von uns Merkel: „… unsere Probleme beruhen auf einer falschen Wachstumsphilosophie der letzten Jahre. Wachstum über alles. Egal was es kostet.“ Hört, hört!
    Bin ich mal gespannt, wie man das durch den Zinseszins erzwungene Wachstum beenden will. Es entwickelt sich…

    VG aus Sachsen

  3. EuroTanic sagt:

    Diese Abhängigkeit ist noch viel omnipotenter. Fast niemand ist heute wirlich unabhängig. Die meisten Menschen sind nicht autark. Sie kaufen Lebensmittel, Kleidung, Energie ein und ersetzen reale soziale Beziehung durch Entertainment. Früher galt Autarkie als rückständig, denn Arbeitsteilung ermöglichte eine Produktionssteigerung die zum vermeintlichen Wohlstand führen sollte. Doch wohin hat uns diese Arbeitsteilung gebracht? Weg von der Natur, weg von realen sozialen Beziehungen zu Familie, Nachbarn, und Siedlungsgemeinschaften.
    Wir lassen uns unser Leben vorschreiben. Wir essen was aus der Glotze kommt, ziehen uns an wie in der Glotze, nehmen Medikamente aus der Glotze, machen was uns die Glotze zeigt und denken sogar wie in der Glotze.

    • Fnord23 sagt:

      Hallo EuroTanic,
      die Sache mit der Arbeitsteilung ist ja schon okay. Wir haben es nur wieder mal übertrieben. Der Mensch ist halt so. Wir kennen nur die Extreme. Das Pendel schwingt ständig hin und her. Es wird nicht am gesunden Mittelpunkt halt gemacht. Nein…..

      Na ja, und die Sache mit der Abhängigkeit ist doch eben ein Angebot.
      Die Meisten lassen denken und nehmen die Angebote freiwillig an. Die große Masse ist halt so. Ist doch nicht schlimm.

      Die Frage ist: „Was machen wir mit denen, die Mitdenken?“

      Die sich eben kein Auto auf Kredit kaufen, nur weil es Prämie gibt.
      Die sich Glühbirnen einlagern, bis dieser Leuchtstoffröhrenspuk ein Ende hat.
      Die Blätter der Silberweide oder Mädesüß kauen und kein Aspirin kaufen:-)
      Die lieber in einen Apfel beißen, als sich einer Massenpsychose hin zu geben. (Ich kenn auch einen, der brauch den Mac wirklich für seine Arbeit. Ob das Ergebnis seiner Arbeit sinnvoll ist, ist eine andere Frage.)

      Die treffen sich dann hier. Schütteln über diesen Wahnsinn da draußen den Kopf und haben die Möglichkeit den gesunden Mittelweg einzuschlagen.

      Diese Freiheit nehm ich mir!

      VG aus Sachsen

      PS: zum folgenden comment von wolfswurt:
      Sag ich doch: „Extreme“ Endweder Handy oder kein Handy!
      Die Lösung wäre das bewußte Benutzen dieser segensreichen Erfindung.
      Drück den roten Knopf! 🙂

  4. wolfswurt sagt:

    Das Handy am Mann ist der Garant für nicht zu Ende gedachte Überlegungen.
    Zu 100% kommt ein Anruf und bringt einen aus dem eigenen Takt.
    Man wird getaktet vom System durch ständige Erreichbarkeit(besser Zerstörbarkeit) seiner selbst.

    Meine Handlung nach erkennen der Ursache und Wirkung war die Entsorgung des Handy´s im Müll.

    Was sind nun die Auswirkungen von der permanenten Unterbrechung?

    Fehlende Klarheit im Geiste.
    Folge: auf falsche Entscheidungen folgen falsche Entscheidungen.
    Folge: weitere Verunsicherung und zunehmende Orientierungslosigkeit.

    Eine Auswirkung dieser Abfolge sei hier noch genannt: „Piraten“ im Berliner Parlament

  5. DukeNukem sagt:

    Ein sehr guter Artikel Herr Gehrt!

    Ich habe auch vor einiger Zeit beschlossen meine persönliche ´´Entschleunigung´´ zu machen!
    Schallplatte statt MP3, Oldies statt den 08/15 Schrott auf 1Live, permanent online war ich eh nie, etc… ich brauch auch nicht alle 3 Tage ein neues Smartphone wenn mein Handy mit Tastatur noch einwandfrei funktioniert!
    Generell ist dieser krankhafte Konsum ein Wahnsinn! Ich kann mich immer nur kaputt lachen wenn sich Leute in meinem Umfeld für viel Geld neue Autos kaufen und doch nur Ärger damit haben 😀 Ich fahr nen schönen Youngtimer, der sicherlich nen Liter mehr braucht, aber dafür keine Probleme macht und auch noch gut aussieht und aus dem Einheitsbrei hervorsticht!

    Grüße
    Duke

  6. KommissarSchneider sagt:

    Heute die Meldung im Spiegel das eine bekannte Online-Poker Website ein Schneeballsystem mit Einzahlungen und Auszahlungen betrieben hat.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,787473,00.html

    Da guck ich doch mal in die Bilanz der Sparkasse München:

    http://www.sskm.de/sskmwww/sskmwww_prod/sskmwww/download/unternehmen/publikationen/jahresabschluss_2010.pdf

    Täglich fällige Verbindlichkeiten: 5,3 Milliarden (auf Seite 5)
    Barreserve Kassenbestand: 80 Millionen (auf Seite 4)

    Schneeballsystem?

  7. sventh sagt:

    erste sahne dieser artikel.
    vollste zustimmung!

  8. Takuto sagt:

    Super Artikel. Vom Internet bin ich auch schon etwas abhängig, aber wenigstens benutze ich das Handy nur in Ausnahmefällen, sonst bleibt es ausgeschaltet. Es ist auch wahr, was wolfswurt schreibt. Ablenkungen stören die Konzentration. Alle Erfindungen wurden aber mit Konzentration erreicht, und für die Meditation ist das auch Grundlage. Das Dumme ist halt, dass man meint, man verpasse etwas. Dass das nicht so ist, ist ja im Artikel beschrieben.

  9. mfabian sagt:

    Wenn ich bedenke, wie viele Kilometer ich vor 1995 auf der Autobahn verbracht habe, die ich mir heute (bin Informatiker) dank Internet, Fernwartung etc. schenken kann, bleibt beim Lesen des Artikels ein weinendes und ein lachendes Auge.

    Nichts desto trotz kann ich den Frust etwas nachvollziehen (ja, meine Tochter ist 14).

    Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass man das Werkzeug Computer/Internet auch als eben das betrachtet: Als Werkzeug. Und sich nicht versklaven lässt.
    Man kann mit dem richtigen Einsatz der Mittel durchaus Zeit einsparen, die Effizienz steigern. Facebook habe ich deshalb schon gar nicht. Skype allerdings schon.

  10. oli sagt:

    Und da sind sie mal wieder, die „Nanonsekunden“ im Trading. Egal, wie oft man dazu mit Sachargumenten aufwartet, nachgeplapperter Unsinn setzt sich immer durch…

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