Was ist wirklich sicher? (Manfred Gburek)

4. April 2009 | Kategorie: Kommentare

So einfach kann Krisenbewältigung sein: Da zeigte sich US-Präsident Obama in der abschließenden Pressekonferenz zum G-20-Gipfel leicht erkältet den handverlesenen internationalen – natürlich von den Angelsachsen dominierten – Medien und ließ es sich nicht nehmen, trotz mancher nur mühsam formulierter Sätze und vieler Ähs immer wieder ein paar Witzchen einzustreuen. Ich habe ihm bei Bloomberg TV gespannt zugehört, einem Sender, der seine deutschsprachigen Beiträge leider eingestellt hat…

Irgendwie wirkte Obama souverän, obwohl man ihm anmerkte, dass auch er kein Patentrezept gegen die Krise hat; so viel Souveränität gehört zum Charisma. Die Börsen dankten es ihm mit der erwarteten Konsequenz: Aktienkurse rauf, Anleihenkurse und Dollar runter. Die Preise von Gold und Silber waren schon vorher gefallen und reagierten auf Obamas Rede zunächst kaum, einen Tag später aber doch noch nach unten.

Was soll man von so einer Gemengelage halten? 1. Der US-Präsident ist schlau genug, um den Hebel zur Bewältigung der Krise und zur Belebung der Konjunktur dort anzusetzen, wo er am wirksamsten ist, nämlich bei der eigenen Person und der Bedeutung seines hohen Amtes. 2. Das heißt, er setzt einem Gegner – einer Krise, deren wahre Ursachen und Wirkungen immer noch weitgehend unbekannt sind – mit seinem Charisma etwas entgegen, was fürs erste einen größeren Effekt erzielt als die viel diskutierten 1,1 Billionen Dollar (die Zahl als solche ist eigentlich unbedeutend) an frischem Geld zur Belebung der Konjunktur. 3. Die Reaktion der Börsen sollte man nicht überbewerten. Denn die gestiegenen Aktienkurse haben zunächst nur Konjunkturhoffnung signalisiert, die gefallenen Anleihenkurse die mit der Hoffnung einhergehende Befürchtung steigender Zinsen. Der Rückgang des Dollarkurses war auch eine Reaktion auf die halbherzige Zinssenkung durch die EZB, und die schon vorher rückläufigen Edelmetallpreise gingen auf das Konto der gezielt lancierten, zum so und so vielten Mal verbreiteten Meldungen, der IWF werde Gold verkaufen.

Von den Hunderten an Analysen, Kommentaren und Schlagzeilen aus Anlass des G-20-Gipfels kam mir ein Allerweltskommentar (in diesem Fall von MarketWatch auf der Internetseite von kitco.com am 2 April) besonders dumm vor: „Gold falls on optimism crisis may have bottomed“. Also frei übersetzt: Der Goldpreis fällt, denn die Leute sind optimistisch, weil die Krise ihren Tiefpunkt hinter sich gelassen haben könnte. Nun sind solche Kommentare, zumal im Konjunktiv formuliert, normalerweise nicht erwähnenswert – wenn, ja wenn sich hinter ihnen nicht eine typische Meinungsmache verbergen würde, entweder aus Gedankenlosigkeit der Kommentatoren oder aus Dreistigkeit der Manipulatoren.

Diese Kritik trifft leider auch auf die Mehrzahl der G-20-Kommentare zu. Kurzum, keiner weiß wirklich Bescheid, aber viele tun so als ob. Oder um noch kurz auf die abenteuerliche Begründung von MarketWatch bei kitco.com zurückzukommen: Wenn die Krise ihren Tiefpunkt tatsächlich hinter sich gelassen haben sollte, dürfte das in erster Linie auf das Zusammenreffen von positiven Konjunkturerwartungen und nicht enden wollenden Geldspritzen zurückzuführen sein. Beide Komponenten würden Aktien aus Dax, Dow & Co. begünstigen (was sie im ersten Anlauf ja auch getan haben). Mindestens die zweite Komponente dürfte sich allerdings auch auf das Gold günstig auswirken.

Ob die erste das könnte, hängt primär vom Vertrauen der Anleger in den kommenden Konjunkturaufschwung und somit in die von ihm profitierenden gängigen Aktien ab. Bei großem Vertrauen in die Konjunktur würde der Goldglanz im Vergleich zur Aktienattraktivität verblassen. Doch wie soll ein solches Vertrauen entstehen, wenn die Kettenreaktion im Rahmen der jetzigen Weltwirtschaftskrise eine Branche nach der anderen trifft, von der Autoindustrie über ihre Zulieferer bis zur deutschen Vorzeigebranche Maschinenbau, von Immobilien-Bestandshaltern bis zu Bauträgern und Projektentwicklern, nicht zu vergessen den Dauerbrenner Banken? Das Vertauen ist längst noch nicht vorhanden, weder diesseits noch jenseits des Atlantiks. Also werden die Anleger sich bald wieder von den üblichen Aktien ab- und den von ihnen für sicher gehaltenen Anlagen zuwenden.

Banken, Sparkassen und Versicherer planen ja schon eine entsprechende Offensive; sie basteln zurzeit an allerlei Finanzprodukten, die Sicherheit suggerieren und dennoch mehr Ertrag abwerfen sollen als das gute alte Tagesgeld: Garantie-, Geldmarkt-, Dach- und auf Unternehmensanleihen spezialisierte Rentenfonds, Garantie- und andere Anlagezertifikate, Kapital- und Fondspolicen, Wohnungsfonds und allerlei komplizierte Riester-Produkte. Die Sicherheit all dieser Angebote ist natürlich davon abhängig, ob die tragenden Säulen der Produkte bestehen bleiben. Nur ein Beispiel: Wie sicher die in Mode kommenden Rentenfonds für Unternehmensanleihen wirklich sind, hängt davon ab, ob die betreffenden Unternehmen auch in Zukunft zahlungsfähig bleiben, wie lange ihre Anleihen laufen, wie deren weitere Modalitäten aussehen, wie sich die Zinsen in den kommenden Jahren entwickeln, ob es zur Inflation kommt und wie geschickt Fondsmanager beim Timing der Anleihenkäufe und -verkäufe umgehen. Sicherheit, so viel steht fest, ist kein absoluter Begriff – was die Anbieter von Finanzprodukten indes nicht hindert, ihn mit fadenscheinigen Argumenten ihren Fonds, Policen und sonstigen Finanzkonstrukten überzustülpen.

Ist Gold sicher? In der heutigen, bereits erwähnten Gemengelage auf jeden Fall, zumindest in Form von Anlagemünzen und Barren. Für das im Preis stärker schwankende Silber gilt aktuell im Prinzip dasselbe. Doch was ist mit den drohenden IWF-Goldverkäufen? Um diese nach jeder Ankündigung solcher Verkäufe immer wieder gestellte Frage mal etwas origineller zu beantworten: Im Verlauf des 2. April erschien bei kitco.com auch die Meldung „Gold extends decline as Brown’s comments raise optimism“. Wieder so ein Blödsinn: Gold fällt angeblich deshalb weiter, weil die Kommentare von Großbritanniens Premier Brown zu mehr Optimismus (in Bezug auf die Konjunktur) führen. Zu dieser Meldung passten denn auch die lächerlichen Bemerkungen des Premiers, Gold verliere seine Attraktion als sicherer Hafen, und mögliche IWF-Goldverkäufe würden armen Ländern helfen. Zu Beginn dieses Jahrtausends hatten die Briten – damals unter Brown als Schatzkanzler – das Kunststück vollbracht, einen Großteil ihrer offiziellen Goldbestände zu Niedrigstpreisen zu verscherbeln. Daraus lernen wir: Alles, was dieser Mann sagt, ist mit größter Vorsicht zu genießen.

Fazit: Nach dem G-20-Gipfel gehen Aktien, Anleihen, Währungen und Edelmetalle wieder zur Tagesordnung über. Das bedeutet: Die Kurse gängiger Aktien schwanken erst richtungslos und gehen später in den schon seit Monaten anhaltenden Abwärtstrend über. Nur noch AAA-Staatsanleihen (z.B. aus Deutschland und den USA) gelten als sicherer Hafen. Der Dollar wackelt zwar, verliert aber im Vergleich zum Euro nur dann an Boden, wenn Gerüchte über hoch verschuldete Länder des Euro-Raums (z.B. Griechenland oder Irland) gezielt gestreut werden. Die Preise von Gold und Silber, zum Teil auch von Platin, nehmen – nach dem kurzfristigen Rücksetzer des Goldpreises unter 900 Euro am Freitag – allmählich wieder Fahrt nach oben auf, weil die Edelmetalle immer mehr in ihre Funktion als sicherer Hafen hineinwachsen, weil sie als eine Art Versicherung gegen finanzielle Katastrophen aller Art gelten und weil sie ihre Kaufkraft während der später zu erwartenden Inflation erhalten werden.

Manfred Gburek 3. April 2009 Internetseite von Manfred Gburek HIER

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