Was werden wohl unsere Enkel sagen?

22. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Es will mir beim besten Willen nicht in den Kopf, warum jetzt wieder so viele Kollegen vollkommen hirnlos und gänzlich unkritisch die jüngste Stilblüte der Europäischen Zentralbank (EZB) bejubeln: Als am Freitag bekannt wurde, dass die Notenbank die Geldschleusen noch weiter aufreißen will, um so die Wirtschaft in Europa zu befeuern, da kannte die Euphorie keine Grenzen…

Der DAX sprang hurtig mehr als zwei Prozent nach oben; Focus Online titelte sogleich, EZB-Chef Draghi habe die Märkte mit seinem Statement in „Jubellaune“ versetzt.

Die altbekannten Mechanismen funktionieren also auch um siebten Jahr (!) der Finanzkrise immer noch: Mehr Geld heißt automatisch, alles wird gut. Dass in Wahrheit das genaue Gegenteil zutrifft, scheint immer noch kaum jemanden zu interessieren.

Wirklich interessant könnte es allmählich allerdings beim Gold werden. Der Freitag hat das gezeigt: Die neuerliche Ankündigung einer weiteren Geldflut zur Belebung der Konjunktur in Europa war kaum verhallt, da kam die Gemeinschaftswährung auch schon unter Druck. Der Goldpreis wegen der Dollar-Aufwertung ebenfalls. Doch anders als der Euro konnte sich das Gold nach einer kurzen Schrecksekunde sofort wieder erholen. Die folgende Grafik zeigt das. Die blaue Linie zeigt den Euro / Dollar-Wechselkurs, die grüne Linie bildet den Goldpreis ab:

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Womöglich dämmert da einigen, was in Europa gerade passiert: Die EZB ist nämlich auf dem besten Wege, in die Fußstapfen der japanischen Notenbank zu treten. Deren Versuche, die Wirtschaft über die Druckerpresse zu stimulieren, brachten zuletzt gänzlich unerwartete „Erfolge“: „Völlig überraschend“ war die japanische Wirtschaft im abgelaufenen Quartal nämlich schon wieder geschrumpft, und zwar um beachtliche 0,4 Prozent.

Mit Neuwahlen will sich Ministerpräsident Abe jetzt beim Wähler eine erneute Legitimation für seinen Harakiri-Kurs abholen. Man kann heute schon prognostizieren, dass das historisch einmalige geldpolitische „Weltexperiment“ in Euroland nicht anders verlaufen wird als in Japan: Die Notenbanken können die Geldschleusen jetzt so weit aufreißen wie sie wollen, die Konjunktur wird deshalb trotzdem nicht in Schwung kommen.

Das liegt nicht etwa an den bösen Bankern oder gar an unwilligen Marktakteuren, sondern schlicht und ergreifend daran, dass völlig überschuldete und im Geld geradezu ersaufende Volkswirtschaften ab einem bestimmten Punkt durch noch mehr „von dem Zeug“ nicht mehr befeuert werden können. In Japan ist dieser Punkt ganz offensichtlich bereits erreicht, in den USA ebenfalls – und demnächst auch in Europa. Wer das immer noch nicht verstanden hat, der wird es in den kommenden Jahren lernen.

Zu lernen wird es dann noch mehr geben. Zum Beispiel, dass eine Ausweitung der Geldmenge, wie wir sie derzeit rund um den Globus bestaunen dürfen, irgendwann sehr wohl die Inflation befeuern wird. Und zwar vermutlich sehr viel stärker als mancher sich das heute vorzustellen vermag. In weiten Teilen der Wirtschaft geschieht das ja bereits. Man sehe sich etwa die Aktien- wie auch die Immobilienmärkte an. Oder die Preisentwicklung bei vielen Lebensmitteln.

„Völlig überraschend“ werden daher auch die offiziell verlautbarten Inflationsraten irgendwann zu traben beginnen. Wann das passiert, und ob vorher noch ein deflatorischer Schock die Märkte durchschütteln wird, das lässt sich aus heutiger Sicht nicht prognostizieren.

Was man dagegen sehr wohl sagen kann, ist folgendes: Dieser Irrsinn wird kein gutes Ende nehmen und wir alle wären gut beraten, uns beizeiten, also heute, nach sinnvollen Alternativen für ein Wirtschafts- und Finanzsystem umzusehen, das immer deutlicher an seine Grenzen stößt. Recht erhellend ist in diesem Zusammenhang der folgende Artikel. Wenn Autos offensichtlich zu Tausenden für die Müllhalde produziert werden, dann kann doch irgendetwas nicht stimmen mit unserer Form des Wirtschaftens: (Link)

Eines kann man daher auch heute schon mit einiger Sicherheit sagen: Je länger wir damit warten, sinnvolle und vor allem nachhaltige Alternativen für unser vollkommen aus dem Ruder laufendes Wirtschafts- und Finanzsystem zu erdenken, desto gravierender werden die Folgen für uns alle.

Andreas Hoose  – Antizyklischer Börsenbrief



 

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2 Kommentare auf "Was werden wohl unsere Enkel sagen?"

  1. Bluestar sagt:

    Konsumtrottel ohne Hirn und Zivilcourage werden sie wohl sagen, sofern es friedlich bleibt und noch etwas gesagt werden darf.

  2. Helmut Josef Weber sagt:

    Als ich Jugendlicher war hörte ich immer: „Die Schulden werden einmal unsere Kinder und Enkel bezahlen müssen.
    Heute als Rentner kann ich darauf antworten: Nein- wir müssen es bezahlen, indem unsere Lebensversicherungen entwertet werden, Dieselbigen für unsere Beiträge Staatsanleihen kaufen, ebenso private Krankenkassen, Rentenversicherer usw.
    Bald werden wir die langen Gesichter Derjenigen sehen, die geglaubt haben, dass die Rente und der Euro so sicher sind, wie die dann ebenfalls wertlosen Staatsanleihen.
    Und dann haben es alle kommen sehen; auch die, die ihre Altersversorgung nicht mit Gold versichert haben.
    Warum eigentlich nicht?
    Seit 2000 etwa 500 %Kursgewinne bei Gold und seit 2009 bis heute etwa 60%.
    Und wenn Gold auf 1000 Dollar fällt, dann sind es immer noch etwa 33% für etwa 4 1/2 Jahre;
    da kann ich nicht klagen.
    Und- wie viel haben Euch die Lebensversicherer in diesen Jahren bezahlt, bzw. gekürzt?
    Viele Grüße
    H. J. Weber

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