Was tun, wenn am Aktienmarkt die Sirenen heulen?

25. April 2018 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Während Demenz eine Krankheit ist, die viele erst im fortgeschrittenen Alter ereilt, ist eine geradezu krankhafte Vergesslichkeit am Finanzmarkt gang und gäbe. Manche Berichterstatter vergessen in einem Zuge was sie gestern gedacht haben und was in den letzten 30 Jahren alles passiert ist. Das ist schade, denn die Abläufe an den Finanzmärkten sind immer die gleichen…

Mit einem gesunden Bewusstsein für die Vergangenheit lässt es sich an den Finanzmärkten viel entspannter leben. Zum einen weiß man, dass der Weltuntergang ein recht seltenes Ereignis ist und somit nicht die Jahresplanung dominieren sollte. Zum anderen weiß man von der eindeutigen Auswirkung der Bewertung auf die langfristigen Erträge einer Kapitalanlage. Vor dem Hintergrund dieses sehr einfachen Zusammenhangs zwischen Kaufpreis und künftig erwartbarem Ertrag verwundert die Nachlässigkeit mit der dieser Faktor behandelt wird. Wer teuer kauft, wird deutlich weniger Freude an seiner Kapitalanlage haben als derjenige, der günstig kauft. Wer sich diesen Satz merkt und diszipliniert danach handelt, der muss sich nur ein paar Stündchen im Jahr mit seiner Kapitalanlage beschäftigen und kann sich den Rest der Zeit mit dem beschäftigen, was wirklich wichtig ist.

Auch für interessierte Laien ist es möglich, sich ein gutes Bild zu verschaffen, wie die großen Aktienmärkte bewertet sind. Wichtig ist lediglich, sich nicht im Dschungel von Kennzahlen zu verirren, sondern sich für eine oder zwei Maße zu entscheiden und dabei zu bleiben. Wir halten das Kurs/Umsatz-Verhältnis für eine robuste Kennzahl und geben ihm den Vorzug vor dem Kurs-Gewinn-Verhältnis. Umsätze sind, auf Indexbasis, schwieriger zu beeinflussen und damit meist näher an der Realität als die ausgewiesenen Gewinne. Gerade bei den Gewinnen sind auch die Prognosen oft absurd zusammengerechnet. Wer sich die aktuellen „Forward Earnings“ der Wall Street Schreiber anschaut, der hat das Gefühl, die USA würden mit einem Tempo wachsen, das den Chinesen vor Neid erblassen lassen müsste.

Das ist natürlich kompletter Unfug und passt in das historisch eindeutige Bild der Resultate der Wall Street Prognostiker. Je optimistischer die Wachstumsprognosen für die zukünfigen Gewinne ausfallen, desto schlechter ist nachher das Ergebnis. Aber wer glaubt Tesla sei ein gesundes Unternehmen, weil der Herr Musk so schöne Geschichten erzählen kann, der hat für Fantasie mehr übrig als für Fakten. Wir wissen nicht, wie die Jungs der Analyseabteilungen das immer wieder aufs Neue hinkriegen. Möglicherweise hat es aber damit zu tun, dass man gerade nach einem sehr langen Aufwärtstrend neue Käuferschichten erwecken möchte, die einem die ach so günstigen Papiere nach der Vervierfachung dankbar aus den Händen reißen. Das ist freilich nur eine vage Vermutung.

Bevorzugt jemand nicht die umsatzbasierten sondern die gewinnbezogenen Kennzahlen, dann lässt sich die Aussagekraft durch die Einbeziehung der Gewinnmargen deutlich erhöhen. Bereinigt man das Kurs-Gewinn-Verhältnis um die Margen so erhält man einen genauere und vor allem zyklusunabhängige Einschätzung der Profitabilität der Firmen. Eine weitere Alternative ist das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE, Graham-Dodd-PE, Shiller-PE). Diese Kennzahl basiert auf einer längerfristigen Mittlung der inflationsbereinigten Gewinne. Die Prognosekraft dieser einfachen Kennzahl ist nicht perfekt (so etwas gibt es nicht) aber angesichts der Einfachheit der Berechnung durchaus beachtlich. Gerade am Finanzmarkt gilt die Regel, lieber etwas robustes als etwas vermeintlich perfektes. Die einfachen Ansätze schlagen auf lange Sicht die komplizierten um Längen, auch wenn die Story dann nicht so spannend klingt. Aber am Finanzmarkt möchte man Geld verdienen und keinen Pulitzer-Preis gewinnen.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des S&P 500 über 10 Jahre in Abhängigkeit vom zyklisch bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis zu Beginn der Anlageperiode. Das Verhältnis ist eindeutig, auch wenn es vielen Wachstumstheoretikern nicht gefällt. Daran ändern auch die gern zitierten Innovationen nichts, denn von denen gab es auch in der Vergangenheit reichlich. Dennoch neigen nicht wenige dazu, aktuelle Innovationen zu überschätzen und die drastischen Veränderungen durch Innovationen in der Vergangenheit zu unterschätzen.

Ein weiterer Vorteil eines einfachen Ansatzes ist es, sich die Wirtschaftsteile der Tages- und Wochenzeitungen ersparen zu können, die oft eher Berichten der Investor Relations-Abteilungen der Firmen gleichen. Unverkennbar ist bekanntlich, welcher Firmenchef zu welcher Zeitung eine gute Beziehung hat, weil er dort entweder jemanden kennt oder weil man regelmäßig einen nennenswerten Teil seines Anzeigenbudgets an das entsprechende Blatt überweist.

Wer will es den großen Vorsitzenden schon verübeln sich ein wenig auf Kosten des Unternehmens ins rechte Licht rücken zu lassen. Den Zeitungen kann man abgesehen vom Inhalt ja das Greifen nach jedem Euro auch nicht mehr vorwerfen. Da die meisten Zeitungen in den kommenden Jahren vor der Pleite stehen dürften, wird sich an der Tendenz zur bezahlten Dienstleistung wohl nichts mehr ändern. Sicher ist nur eines. Um am Finanzmarkt erfolgreich zu sein gibt es wenige Dinge die überflüssiger sind als Zeitungen. Und die Unterscheidung offline oder online spielt für diese Überflüssigkeit ausnahmsweise einmal keine Rolle.

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