Was Sie über den Zins wissen sollten

16. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Es gibt wohl kein anderes ökonomisches Phänomen, das die Gemüter so sehr bewegt und das gleichzeitig auch so missverstanden wird wie der Zins. Viele sehen im Zins einen lästigen Kostenfaktor, der Investitionen unnötig verteuert und den Wohlstandszuwachs behindert. Andere sehen im Zins ein Instrument, der die Kreditgeber auf Kosten der Kreditnehmer bereichert. Was aber ist der Zins? 

Der Zins spiegelt die Zeitpräferenz der Menschen wider: Sie schätzen gegenwärtig verfügbare Güter höher als Güter, die erst in der Zukunft verfügbar sind. Anders ausgedrückt: Der Zins steht für den Wertabschlag, den erst künftig verfügbare Güter gegenüber gegenwärtig verfügbaren Gütern erleiden: Kostet ein Euro in einem Jahr 0,91 Euro, so beträgt der Zins 10 Prozent (also 1 dividiert durch 1 + 10/100).

Der Zins ist nicht wegzudenken: Selbst in einer Volkswirtschaft, in der es kein Geld gäbe, gäbe es einen Zins: Auch in einer Naturaltauschwirtschaft gäbe es die Zeitpräferenz der Menschen. Der Zins ist wichtig. Er ist der Kompass, der Sparen und Investieren aufeinander abstimmt. Durch das Angebot von und die Nachfrage nach Ersparnissen auf dem freien Markt bildet sich der Zins. Er stellt damit sicher, dass nur die Investitionen getätigt werden, für deren Verwirklichung es genügend Ersparnisse gibt.

Heutzutage ist der Zins jedoch nicht mehr „frei“, sondern er wird politisch festgesetzt. Die staatliche Zentralbank kontrolliert die Zinsen, die sie den Geschäftsbanken in Rechnung stellt, und dadurch bestimmt sie auch ganz maßgeblich alle anderen Zinsen.

Die Geldpolitiken der Zentralbanken drücken die Zinsen aufgrund politischer Motive künstlich niedrig – und zwar stets unter das Niveau, das die Zinsen erreichen würden, wenn keine Geldpolitik betrieben würde. Dadurch wird der Mechanismus, der über die freie Zinsbildung das Sparen und das Investieren aufeinander abstimmt, schwer gestört beziehungsweise außer Kraft gesetzt. Die Volkswirtschaften geraten in einen „Blindflug“.

Vor diesem Hintergrund erscheinen natürlich auch die Zinssenkungspolitiken der Zentralbanken in einem ganz anderen Licht: Sie ebnen nicht etwa den Weg zur wirtschaftlichen Erholung, sondern legen die Saat für Krisen.

Dies ist eine zentrale Lehre der Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Sie offenbart, dass das Papiergeldsystem, in dem Geld per Kredit geschaffen wird, notwendigerweise zu Krisen führt.

Der Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) schrieb dazu 1922:

„Die Ausdehnung des Zirkulationskredits führt zwar zunächst zu einem Aufschwung, zur Konjunktur; doch diese Konjunktur muß notwendigerweise früher oder später zusammenbrechen und in eine neue Depression einmünden.“

© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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