Was nicht passt, wird passend gemacht

29. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Glaubwürdigkeit ist eine harte Währung, so sieht es zumindest Warren Buffett. Denn einen guten Ruf aufzubauen dauert stets deutlich länger, als diesen zu ruinieren. Mario Draghi sieht dies offensichtlich anders, so darf man zumindest seine jüngsten Äußerungen nach der Sitzung des EZB-Rates letzte Woche deuten…

Denn wenn Draghi einmal etwas versprochen hat, muss dies noch lange nicht heißen, dass er sich später auch daran hält. Hatte die EZB einst den aktuellen Einlagensatz von -0,2% als effektive Untergrenze bezeichnet, scheint dies in Zukunft keine Gültigkeit mehr zu besitzen. Stattdessen sei eine weitere Absenkung durchaus vorstellbar, denn die Glaubwürdigkeit einer Notenbank werde ausschließlich an der Erreichung des Inflationszieles gemessen.

Ein sonderbarer Ansatz für eine Zentralbank, die sich bei ihrer Gründung in der Tradition der deutschen Bundesbank gesehen hatte. Diese sah ihre Glaubwürdigkeit durch etwas völlig anderes begründet – durch die Geldwertstabilität und damit die Stabilität der Volkswirtschaft. Draghi dagegen möchte eine Inflation von 2% erreichen, koste es was es wolle. Und trotz enormer Kosten scheint das bisher nicht zu funktionieren, weswegen er und der EZB-Rat laut über eine Erhöhung des derzeitigen Anleihen-Kaufprogramms nachdenken – „in Volumen, der Zusammensetzung und der Dauer“.

Helikopter auf der Startrampe

Daneben habe es laut Draghi auf der Sitzung des EZB-Rates eine lebhafte Diskussion über weitere Maßnahmen gegeben. Dabei wurde der komplette „Instrumentenkasten“ diskutiert. Die relevanten Abteilungen der Notenbank seien daher bereits mit der Ausarbeitung konkreter Maßnahmen betraut worden.

Die EZB folgt damit derselben Dramatik wie im vergangenen Jahr. Auch damals waren die Abteilungen im November mit der Prüfung möglicher Schritte betraut worden, die dann im Januar mit der Verkündung des vollumfänglichen Quantitativen Easing umgesetzt wurden. Spätestens Anfang 2016 ist damit also wohl mit einer Ausweitung des QE-Programmes zu rechnen – mehr als ein halbes Jahr bevor das ursprüngliche Programm (60 Mrd. EUR Staatsanleihenkäufe pro Monat) ausläuft. Eine mögliche Knappheit an den anvisierten Märkten für Staatsanleihen sei dagegen laut Draghi kein Problem, dies könne entsprechend „adressiert“ werden. Was dies bedeuten könnte?

Vermutlich das Ausweichen auf alternative Assets, wie z.B. Anleihen regionaler staatlicher Einheiten (Bundesländer) oder staatsnaher Unternehmen. Die EZB befindet sich damit auf dem besten Weg zum „Helicopter-Money“, wie es der ehemalige Fed-Chairman Ben Bernanke bezeichnet hatte. Denn sollte die 2%-Teuerungsrate auch bei der nächsten QE-Stufe nicht erreicht werde, was bliebe Draghi dann anderes übrig, um sich selbst „glaubwürdig“ zu bleiben? Der Ankauf von Unternehmensanleihen, Aktien oder die direkte Vergabe von Krediten an Unternehmen und Haushalten, mithin also das Überschwemmen der Volkswirtschaft mit „Konfetti-Geld“.

Peak Government

Der Oktober ist vorbei und der von Martin Armstrong prognostizierte Crash der Anleihen ist ausgeblieben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Andererseits hat Armstrong mit dem Übergang vom 30. September auf den 1. Oktober in seinem Pi-Zyklus noch etwas anderes gesehen: „Peak Government“ – also den Gipfel der Ausdehnung der Staatsapparate und ihrer grundsätzlich sozialistischen Politik auf Kosten der Produktiven. Tatsächlich kannte diese Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten nur eine Richtung: Im Westen, besonders in Europa, mutierten die Staaten unter den Leitbegriffen „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“ zu gewaltigen Umverteilungsmaschinen und zogen immer mehr Kompetenzen an sich.

Seit Angela Merkel die Welt nun „ohne Obergrenze“ am deutschen Wesen genesen lassen will, wird offensichtlich, dass der Staat sich überreizt hat. Es regt sich nicht nur unter den Bürgern Unmut, sondern auch unter den Staatsbediensteten der Arbeitsebene – in den Verwaltungen und Sicherheitsorganen ist die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Dass ein modernes Industrieland durch eine einzige Entscheidung die Hoheit über seine Staatsgrenze faktisch aufgibt, hätte man sich noch vor Monaten nicht einmal unter einer Regierung Merkel träumen lassen. Der Anspruch des Staates, das Leben seiner Bürger umfassend zu regeln, kontrastiert mit dessen Unfähigkeit, selbst seine ureigenen Aufgaben – die Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit – auch nur halbwegs zufriedenstellend zu erfüllen.

„Peak Government“ zeigt sich auch auf Ebene der EU: Das Junckersche Schönwetterkommissariat ist abgesehen von der EU-„Standardlösung“ einer weiteren Quote in der Migrationskrise vollkommen blank. Die Brüsseler Bürokratie hat keine Lösung anzubieten und verliert rapide an Einfluss auf die Staaten Europas. Da werden inzwischen in Eigenregie wieder munter Zäune hochgezogen und siehe da, das funktioniert sogar ganz ohne die Bestechungsgelder der EU-Regional- und Strukturförderung. Mehr zum Thema „Peak Government“ lesen Sie in der gleichnamigen Titelstory des Smart Investor 11/2015, der zum Wochenende erscheint.

Mut zur Lücke

Unmittelbar nach der Rede des EZB-Chefs legte der DAX eine eindrucksvolle Rally hin, in deren Verlauf das September-Hoch bei 10.512,61 Punkten mühelos überboten wurde. In der Abb. sehen Sie eine vielleicht etwas ungewohnte Darstellung des DAX. Die gelben Rechtecke zeigen jeweils Kurslücken („Gaps“) an, die immer dann entstehen, wenn sich zwei aufeinanderfolgende tägliche Kursspannen nicht überlappen. Ist das aktuelle Tief höher als das Hoch des Vortags liegt ein Aufwärts-Gap vor. Ist das aktuelle Hoch niedriger als das Vortagestief handelt es sich um ein Abwärts-Gap. Die Gaps sind bis zu ihrer Schließung eingezeichnet. Um den aktuellen DAX-Stand herum sind derzeit drei Gaps offen.

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Neben der Richtung der Gaps ist deren Wesen für die Analyse des weiteren Kursverlaufs entscheidend. Hier unterscheidet man verschiedene Gap-Arten:

Gewöhnliche Kurslücken („Common Gaps“) werden in der Regel nach kurzer Zeit geschlossen.

Das Gleiche gilt für Erschöpfungslücken („Exhaustion Gaps“).

In deren Nähe enden oft die vorangegangenen Bewegungen. Am seltensten werden Ausbruchslücken („Breakaway Gaps“) geschlossen, die den Beginn eines Trends markieren.

Manches an diesen Definitionen ist zugegebenermaßen tautologisch, weil Kurslücken, die nicht geschlossen werden, dann kurzerhand zur Ausbruchslücke erklärt werden. Auch ein Exhaustion Gap lässt sich zuverlässig erst nach erfolgtem Trendwechsel benennen. Das Gap unter dem aktuellen Kurs dürfte trotz der kraftvollen Bewegung eher ein Common als ein Breakaway Gap sein, also vermutlich noch in der laufenden Konsolidierung geschlossen werden. Lediglich im Vergleich zum kurzfristigen September-Hoch (s.o.) hat es Ausbruchscharakter. Die beiden Gaps oberhalb des aktuellen Kurses, insbesondere dasjenige um 11.200 Punkte, dürften ebenfalls gewöhnlichen Charakter haben und daher geschlossen werden. Der DAX sollte also weiter steigen.

Fazit

Statt „Helikopter-Ben“, dem ehemaligen Fed-Chairman, steht nun „Helikopter-Mario“ in den Startlöchern, um mit Konfetti-Geld um sich zu werfen. Doch Vorsicht: Jeder Fasching ist einmal vorbei, wenn der Aschermittwoch kommt.

© Ralph Malisch, Christoph Karl und Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Was nicht passt, wird passend gemacht"

  1. tm sagt:

    „Diese sah ihre Glaubwürdigkeit durch etwas völlig anderes begründet – durch die Geldwertstabilität und damit die Stabilität der Volkswirtschaft. Draghi dagegen möchte eine Inflation von 2% erreichen, koste es was es wolle. “

    Ich seh da den Widerspruch nicht. Die Notenbank ist glaubwürdig, wenn sie ihr Inflationsziel erreicht bzw. solange dieses verfehlt wird, alles in ihrer Macht stehende unternimmt, um dieses Inflationsziel zu erreichen.

    Und was spricht eigentlich derzeit für eine restriktivere Geldpolitik in der Eurozone? Die Inflaton liegt um 0%, die Arbeitlosigkeit ist zweistellig. Nach Taylor-Regel müsste der Leitzins klar negativ sein.

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