Was man so braucht. Oder auch nicht.

20. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Die Tage sind heiß. Das Sommerloch hat sein Thema gefunden: Die Hitze. Die auf Halde geschriebenen Beiträge aus den Ratschlag-Redaktionen finden jetzt Aufmerksamkeit. Trinken Sie acht Liter Wasser, meiden Sie Sonne, Vorsicht vor Ozon und UV-Strahlung…

Ich war am Wochenende Gast auf einem Schiff. Wir fuhren den Rhein etwas hinab, um dann abends in einem Naturschutzgebiet zu ankern. Ohne Strom, ohne Netz, ohne Krach. Selbst der Himmel war dunkel und die Sterne deutlich zu sehen. Der große Hund am Himmel bewies – es sind die Hundstage. Zwischen Mückenbissen und anderen ätzenden Tieren fragt man sich, wie einfach das Leben doch sein kann und entwickelt einen Hauch von Sehnsucht nach Schlichtheit ohne viel Schnickschnack. Das Ankern hat zudem den Vorteil, auf etliche Annehmlichkeiten verzichten zu müssen. Ohne PC und Internet – ausgeschlossen vom großen Kollektiv.

Fahren Sie nie mit jüngeren Leuten in eine solche Gegend. Sie erschrecken sich vor Dingen, die sie noch nie gesehen haben. Naturtrübes Wasser, tote Fische, Algen, die Bordtoilette und keinem Zugang zum Netz. Sie fangen schnell an zu nerven. Und wenn es abends stockfinster ist, bekommen sie Angst vor Spinnen, dem Klabautermann und den Geräuschen der Tiere. Wenn sie im Dunkeln über die Planken stolpern und nach Netz auf dem Handy suchen… Nein…

So aber saßen wir zusammen an Deck und erzählten uns Geschichten. Was sollte man sonst tun? Die Nacht war von Heiterkeit und kühlem Wein durchtränkt. Keine Börse, keine Nachrichten, keine Eurorettung, nur hier und da ein Kauz, ein Reiher und Fledermäuse. Da Strom kostbar ist, spart man sich diesen für kühle Getränke auf und hält Kerzen bereit, um in der Dunkelheit beim Klettern nach diesem und jenem nicht über Bord zu gehen. An Schlaf ist bei 35 Grad in der Kajüte nicht zu denken gewesen.

Ankern hat den Vorteil, man gibt kein Geld aus und vergleicht, eher aus Gründen der Nostalgie, die aktuellen Tage mit früheren Zeiten und lauscht den Alten und ihren noch älteren Geschichten – durchwebt mit Seemannsgarn. Und dann merkt man schnell, dass man auch selbst älter geworden ist, wenn sie von früheren Entbehrungen reden. Es ging uns gut, sagte eine ältere Dame. Und es geht uns gut, fuhr sie fort. Was ihr nur immer meckert…

Wir fuhren dann am nächsten Abend wieder zurück, wahrscheinlich nur, um etwas Fahrtwind und Erfrischung zu bekommen. Das ist mit einem Schiff eine kostspielige aber genussvolle Sache. Der Himmel über mir – drei Meter Wasser unter mit. Erstaunlich – auf dem Weg vom Kühkopf nach Gernsheim kam uns kein einziges der großen Schiffe entgegen, und das innerhalb von 90 Minuten. Rezession? Vielleicht. Was ist daran so schlimm, dachte ich mir so beim Vorbeiziehen des Strandes und der in der Abendsonne glitzernden Bugwellen auf dem Rhein. Langsamer, weniger, gemütlicher, sparsamer… Und wenn das Licht ausgeht? Dann gehen viele über Bord. Es gehört dazu.

Übrigens… Je schneller man mit einem Schiff fährt, desto schöner der Gegenwind. Und so ließen wir auf der Rückfahrt die Schiffsschrauben schnell drehen. Stromaufwärts ist die Ersparnis vom Wochenende schnell wieder weg, fast so schnell wie der Treibstoff. Wohlgefühl ist manchmal etwas teuer. Wir hätten uns auch treiben lassen können. Stromaufwärts ist das allerdings etwas schwierig.


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