Was jetzt? Boom oder Crash?

21. Februar 2014 | Kategorie: Gäste

von Manfred Gburek

Ein Gespenst geht um: „Der Boom kommt!“ So stand es am Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Und gleich daneben: „Der Crash kommt!“ Es geht um Kurven…

konkret… um Vergleiche des amerikanischen Börsenbarometers Dow Jones von 2007 bis 2014 mit 1920 bis 1929 (Boom) und von 2012 bis 2014 mit 1928 bis 1929 (Crash).

Der Dow Jones wird gemeinhin als Index bezeichnet, obwohl er nur ein einfacher Kursdurchschnitt und deshalb mit Indizes wie Dax & Co. nicht vergleichbar ist.

Doch Schwamm drüber, die Boom- und Crash-Vergleiche mittels Dow Jones-Kurven sehen so überzeugend aus, dass man geneigt ist, sofort die Konsequenzen aus ihnen zu ziehen. Nur: welche Konsequenzen?

Denn dummerweise widersprechen sich die beiden erwähnten Vergleiche. Es läuft also wieder einmal auf das unter den Interpreten von Indexkurven viel verwendete Fazit hinaus: Es gilt Variante A , aber falls es anders kommt, spricht mehr für die entgegengesetzte Variante B.

Kursdurchschnitte und Indizes von Aktien haben eines gemeinsam: Sie bestehen aus vielen Aktien. Dow Jones und Dax aus 30, der japanische Nikkei aus 225 und der umfassende amerikanische Standard & Poor’s sogar aus 500 Aktien. Jede Aktie führt ihr Eigenleben. Die eine steigt, die andere fällt. Steigen die meisten, steigt der Index, fallen die meisten, fällt er.

Auch die eine oder andere Besonderheit ist zu beachten. Zum Beispiel sind die im Dax enthaltenen Aktien nach ihrem Börsenwert gewichtet. Außerdem ist der Dax ein Performance-Index, das heißt, er umfasst neben Kursen auch Dividenden. Daraus folgt unter anderem, dass Dax und Dow Jones nicht vergleichbar sind, obwohl beide aus 30 Aktien bestehen.

Und noch eine Besonderheit, die in diesem Fall für beide Börsenbarometer gilt: Passt eine Aktie nicht mehr in den Index, etwa weil ihr Börsenwert nach längerem Kursrückgang stark abgenommen hat oder weil ihre Börsenumsätze zu wünschen übrig lassen, muss sie einer anderen Platz machen.

Das heißt, der Dax von einst, als beispielsweise noch die Aktien von Preussag (heute TUI), Karstadt oder MLP in ihm enthalten waren, ist mit dem Dax von heute gar nicht mehr vergleichbar.

Dennoch werden viele Kurvendeuter nicht müde, jede noch so kleine Indexveränderung zu interpretieren. So entstehen dann Prognosen wie Dax 10.000 oder Dow Jones 20.000, sinnigerweise ohne die Angabe, wann es so weit sein werde… (Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "Was jetzt? Boom oder Crash?"

  1. samy sagt:

    „ Passt eine Aktie nicht mehr in den Index, etwa weil ihr Börsenwert nach längerem Kursrückgang stark abgenommen hat oder weil ihre Börsenumsätze zu wünschen übrig lassen, muss sie einer anderen Platz machen. Das heißt, der Dax von einst, als beispielsweise noch die Aktien von Preussag (heute TUI), Karstadt oder MLP in ihm enthalten waren, ist mit dem Dax von heute gar nicht mehr vergleichbar.“

    Nö, nö hier irrt Gburek und andere Marktkommentatoren. Der DAX ist der DAX und zwar unabhängig von seinen Bestandteilen, solange er eine Funktion erfüllt, er muß die 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen der Börse Frankfurt listen. Das ist meine Bedingung. Den dann ziehe ich das Paradoxon „Das Schiff des Theseus“ heran.
    Bitte zum Verständnis den Wiki-Artikel lesen, aus dem ich hier zitiere:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schiff_des_Theseus#cite_note-3
    „… Es wirft die Frage auf, ob ein Gegenstand seine Identität verliert, nachdem viele oder alle seiner Teile nacheinander ersetzt worden sind. … “
    „Das Schiff, auf dem Theseus mit den Jünglingen losgesegelt und auch sicher zurückgekehrt ist, eine Galeere mit 30 Rudern, wurde von den Athenern bis zur Zeit des Demetrios Phaleros aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit entfernten sie daraus alte Planken und ersetzten sie durch neue intakte. Das Schiff wurde daher für die Philosophen zu einer ständigen Veranschaulichung zur Streitfrage der Weiterentwicklung; denn die einen behaupteten, das Boot sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe.“[
    (Sogar 30 Ruderer, passt ja wie die Faust auf das Auge 🙂 )

    Genau so wie die Planken das Schiff formen, damit es die Funktion der Seefahrt erfüllt, so Formen die 30 Unternehmen den DAX, damit er den Marktbeobachtern als Leitindex und Barometer dient.
    Im Schiff werden morsche Planken ersetzt. Im DAX schwächere Unternehmen.
    DAX bleibt DAX – Schiff bleibt Schiff. Gestern, heute und in 100 Jahren.
    Somit ist der Vergleich von Charts aus den 20’ern mit heutigen Chart legitim, dann aber wohl bei dem DOW.

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