Was ist Kapitalismuskritik – und was nicht?

31. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Thomas Piketty liefert in seinem Buch „Capital in the Twenty-First Century“ – vermutlich ungewollt und für Leser nicht unmittelbar ersichtlich – eine Sozialismuskritik, aber keine Kapitalismuskritik…

I.

Das Buch „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty hat wohl auch deshalb so große internationale Medienaufmerksamkeit erregt, weil die politischen Folgerungen, die der französische Ökonom aus seinen Forschungsarbeiten zieht, auf äußerst fruchtbaren Boden fallen. Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise spielt dabei sicherlich eine entscheidende Rolle. Sie wird weithin als Folge des „freien Marktes“, des „ungezügelten Kapitalismus“ gedeutet. Angesichts der Krisenfolgen ist das Gefühl der Ungerechtigkeit, der Ohnmacht allenthalben zu spüren. Denn die hohen Kosten der „Rettungspolitiken“, zu denen die Regierungen großzügig auf Rechnung ihrer Bürger gegriffen haben, müssen die arbeitsamen Steuerzahler schultern. Die Banken- und Finanzindustrie ist der Begünstigte.

Und nun auch noch Pikettys Buch. Im ersten Teil geht es um Ungleichheit und ihre Konsequenzen, dokumentiert mit eigens erstellten Daten aus zwanzig Ländern, teilweise sogar sehr weit zurückreichend. Im zweiten Teil wird eine Theorie entworfen, um die Vergangenheit zu erklären und die Zukunft vorherzusagen. Im dritten Teil finden sich Handlungsempfehlungen an die Politik. Piketty argumentiert, die Logik des Kapitalismus würde wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit bringen, würde letztlich eine Herrschaft des Oligarchentums heraufbeschwören. Denn das Vermögen würde sich schneller vermehren als die Einkommen. Um der wachsenden Ungleichheit zu begegnen, sollte daher eine Einkommenssteuer für „sehr“ Reiche erhoben werden und dazu auch noch eine globale Vermögenssteuer.

Die Arbeit von Piketty und seine Handlungsempfehlungen werden derzeit ausgiebig diskutiert. An dieser Stelle sollen nur zwei – wie wir meinen besonders wichtige – Aspekte besprochen werden: (1) die Bedeutung der Wirtschaftsordnung und (2) die Bedeutung des Geldwesens für die Entwicklung und Verteilung von Einkommen und Vermögen.

II.

Piketty hat die Daten, mit denen er seine These untermauert, über viele Jahrhunderte gesammelt. Doch was waren das für Wirtschaftsordnungen, aus denen die Daten stammen? Die freie Marktwirtschaft (man mag sie auch mit dem ideologischen Begriff Kapitalismus belegen) zählte wohl nicht dazu, konnte nicht dazu zählen. Denn den Kapitalismus, die freie Marktwirtschaft, hat es bislang nicht gegeben, in jedem Falle nicht in Reinform. Selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, die nur zu häufig als Paradebeispiel für den Kapitalismus herhalten müssen, gab und gibt es keinen Kapitalismus, sondern (wechselnde) Spielarten des Interventionismus.

Das Kapital im 21. Jahrhundert

In der Zeit der Industrialisierung etwa, des Eisenbahnbaus, des Aufstiegs der „Unternehmenstitanen“ a la Henry Ford, Andrew Carnegie oder John D. Rockefeller – die häufig mit dem Begriff „Raubtierkapitalismus“ belegt wird – unternahm der Staat weitreichende Eingriffe in das Wirtschaftsleben; man denke nur einmal an die „Progressive Era“ von 1890 bis zu den 1920. Insbesondere der Finanz- und Großindustrie gelang es in dieser Zeit dank des Staates immer wieder, sich Privilegien auf Kosten Dritter und auf Kosten der freien Marktkräfte zu verschaffen. Privilegien, die es in einem freien Marktsystem nicht hätte geben können. Mit Kapitalismus hatte das nichts zu tun. Und so kann auch die Einkommens- und Vermögensverteilung, die in dieser Zeit zu beobachten war, nicht dem Kapitalismus angelastet werden, sondern sie ist vielmehr den Kräften anzulasten, die das Entstehen und Funktionieren des freien Marktes verhindert haben… (Seite 2)



 

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6 Kommentare auf "Was ist Kapitalismuskritik – und was nicht?"

  1. Michael sagt:

    Ein Kapitalist ist jemand der dem Wirtschaftsraum seine Kreditwürdigkeit belastet mit dem Ziel den Wirtschaftsraum voranzutreiben. Im Kreditgeldsystem nimmt er einen Kredit auf und sammelt die Zahlungsmittel wieder ein. Im Kapitalismus ist jeder Kapitalist … egal ob es einem passt oder nicht. Möge sich jeder unselbstständig Erwerbstätige die Frage stellen wo der Kredit herkommt der seine Arbeitskosten deckt.

    Macht er es besser respektive billiger (ressourcenschondender) zu Beginn und am Ende beides in Kombination war die Investition eine erfolgreiche. Der Gewinn ist eben der Lohn für die ressourcenschonendere Erstellung eines Produkts oder Leistung. Damit wird an sich die Tauschkraft gestärkt.

    Auch wenn mit Salden wird gearbeitet so ändert sich am Tausch wenig …

    • FDominicus sagt:

      Wie kann man nur ohne Kredit investieren – wenn Sie das meinen warum schreiben Sie es nicht? Weil es offenbar falsch ist?

      Vielleicht sollte man sich mal überlegen was Kapital wirklich ist. Platt ausgedrückt ist es das was man am Endes des Jahres (hoffentlich) übrig hat. Das ist dann ein Kapitalstock und man höre und staune dieses Geld kann man investieren. Man kann es aber auch sein lassen.

      Ein Kapitalist ist jemand, der etwas hat, was nicht Schulden sind. Ansonsten ist er einzig und allein ein Schuldner.

  2. Matrix sagt:

    Es ist geradezu grotesk, wenn uns die Vertreter des Kapitalismus erklären, dass die Auswüchse, die wir zur Zeit beobachten rein gar nichts mit Kapitalismus zu tun haben.

    Die älteren unter uns reiben sich verwundert die Augen. Wo und wann haben wir diese Argumente schon einmal gehört?

    In den 70er und 80er Jahren, als uns die Kommunisten und Sozialisten erzählten, dass die Mangelwirtschaft und die Unterdrückung der Freiheit hinter dem eisernen Vorhang REIN GAR NICHTS mit dem einzig wahren Kommunismus zu tun hätte!

    Gestern und heute irren sich die Ideologen: Wir sehen die Auswüchse genau DIESER Systeme, des Kommunismus und des Kapitalismus. Nichts anderes.

    Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen sich auch diesmal dazu bequemen, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Die Europawahl lässt einen allerdings ohne Hoffnung zurück.

  3. 4fairconomy sagt:

    Thatcher und Reagan: waren das nicht kapitalistische Zeiten bzw. der Versuch jedenfalls, den Kapitalismus so gut wie möglich im Sinne der Austrians zu verwirklichen? Jedenfalls Thatcher war lange an der Macht und sehr konsequent in der Umsetzung kapitalistischer Ideale. Beide hinterliessen ein Schuldenberg, wie es ihn vorher noch kaum gegeben hatte. Und von gleichmässigere Verteilung von Vermögen und Einkommen keine Spur. Aber eben, aus sicht der reinen Lehre der Austrian gab es auch unter Reagan und Thatcher kein wirklich freier Markt, da z.B. immer noch eine Zentralbank vorhanden. Aber vielleicht gibt sich in der Geschichte nochmals die Gelegenheit, eine puristische Austrian-Wirtschaftspolitik zu betreiben. Damit dann definitiv klar wird, dass eine solche Politik sehr rasch in die deflationäre Katastrophe führt – was der Fall gewesen wäre, hätten Reagan und Thatcher nicht solche Schulden angehäuft. Denn Schulden sind anderswo Vermögen…(siehe unten).

    In einem kapitalistischen System wird nur investiert, wenn es sich lohnt, d.h. das investierte Kapital nach dem Zinseszinsprinzip vermehrt werden kann. D.h., ohne die Möglichkeit eines exponentielles Vermögenswachstums wird nicht investiert. Ein exponentielles Wachstum von z.B. 3% bedeutet eine Verdoppelung ca. alle 23 Jahren. Nach 93 Jahren bedeutet dies ein Wachstum um das 16-Fache, nach 116 Jahren um das 32-Fache usw. Welche Lohnentwicklung kann da mithalten? Wie stellt sich Prof. Polleit eine Wirtschaft vor, in der solche Vermögensentwicklungen möglich sein sollen, ohne, dass die Geldmenge entsprechend mit wächst? Dank Wirtschaftswachstum soll ein exponentielles Vermögenswachstum zu keinen sozialen Probleme mehr führen – so zumindest die Vorstellungen Thatcher und Reagan – weil der zu verteilende Kuchen sowohl die Vermögen wie auch die Einkommen genügend wachsen lässt. Wie sollen aber Produktion und Konsum stets exponentiell zunehmen? Und ist das sinnvoll – ökologisch wie auch hinsichtlich Lebensqualität?
    Prof. Polleit blendet die in einem kapitalistischen System zwanghaft wirkende exponentielle Wachstumsfunktion und die sich daraus ergebenden Folgen immer wieder grosszügig aus. Oder sollen immer wieder kleinere Crash ausgleichend wirken? Sollen also ca. alle 23 Jahren die Leute massenhaft auf die Strasse landen und um ihre Existenz bangen, weil das Vermögenswachstum an seine Grenze strösst und nicht mehr investiert wird? Nochmals: am besten lässt man die Austrian noch einmal richtig wirken – die Folgen werden dann so eindeutig sein, dass wir dann hier nicht mehr über solche Vorstellungen der Wirtschaftspolitik diskutieren werden müssen.

    Übrigens: ein freier Markt wie ihn sich dies Austrian vorstellen, ist eine Utopie. Der Markt wird nie ganz losgelöst von gesellschaftlichen Einflüssen und machtvollen Einzelinterressen bleiben. So werden die Austrian immer und ewig das Argument anführen können: es hat nicht funktioniert, weil der Markt nicht genügend frei war. In dem Sinne: es wird aus der Sicht der Austrians immer die eine oder andere Form des Sozialismus geben und der Kapitalismus wird immer das beste funktionierende System bleiben.

  4. 4fairconomy sagt:

    P.S.: Und so werden aus Sicht der Austrians Kapitalismuskritiker auch immer eigentliche Sozialismuskritiker sein.

  5. FDominicus sagt:

    Ach man investiert nur wenn man Zins auf Zins bekommt? Interessant warum man dann einen Kredit abbezahlen sollte.

    Vielleicht versuchen Sie es mal mit: Man investiert, wenn man etwas mehr haben und schaffen will. Und das kann man – es sei denn man ist der Staat – nur wenn man mehr Kunden von sich überzeugen kann.

    Und jetzt stelle man sich mal vor man habe 1000 GE übrig und kauft dafür eine Maschine und produziert mehr und billiger. Wo bleibt denn das der Zins?

    Ich finde es wirklich erstaunlich, daß es immer noch Leute gibt die unser System so offenkundig gar nicht verstanden haben. Dann aber auf der anderen Seite, sollte man sich über die Ergebnisse der Wahlen nicht wundern. Not wählt Elend…. Und die Zahl der Ahnungslosen steigt und steigt und steigt -schaurig.

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