Was Inflation wirklich ist – und wie man sie „entdecken“ kann

21. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Dr. Thorsten Polleit) Heutzutage wird unter Inflation ein fortgesetztes Ansteigen der Konsumentenpreise verstanden. Genauer: Die meisten Ökonomen sprechen von Inflation, wenn die Preise dauerhaft um mehr als 2 Prozent pro Jahr anziehen. Doch eine solche Sichtweise ist fragwürdig, weil sie das, was das Wesen der Inflation ausmacht, nur teilweise oder gar nicht erfasst. Im Folgenden soll daher erklärt werden, was Inflation aus ökonomischer Sicht bedeutet...

Bereits an dieser Stelle sei das Ergebnis genannt: Ökonomisch betrachtet ist Inflation eine (Zwangs)-Umverteilung von Einkommen und Vermögen – nach dem Motto: Herr A gewinnt auf Kosten von Herrn B. Diese Umverteilung kann, muss aber nicht mit steigenden Preisen einhergehen. Vielmehr wird sie stets durch die Veränderung der Geldmenge ersichtlich.

II.

Inflation anhand von Preisveränderungen zu messen, geht auf die Arbeiten des amerikanischen Ökonomen Irving Fisher (1847 – 1947) zurück. Fisher empfahl, die Kaufkraft des US-Dollar nicht mehr gegenüber dem Gold zu bestimmen, sondern gegenüber einem Warenkorb. Sein Vorschlag wurde rasch populär und verbreitete sich international. Bis auf den heutigen Tag spielt es eine zentrale Rolle in der „modernen“ Geldpolitik.

Das Konzept, Inflation über Preise zu beziffern, ist jedoch alles andere als problemlos – und selbst seine Anhänger sind sich über gewichtige Probleme, die es mit sich bringt, im Klaren. So bedarf es eines statistischen Preisindexes, üblicherweise wird ein Index der Konsumentenpreise verwendet. Dabei ist stets ein Problem, welche Güter in den Index aufzunehmen sind, und wie die Güter innerhalb des Indexes gewichtet werden sollen.

Quelle: Thomson Financial, Bloomberg, eigene Berechnungen. Q1 1950 = 100.
Ein besonders eklatanter Schwachpunkt der heutigen Inflationsmessung mittels Konsumentenpreisindex ist, dass die Preise für Bestandsvermögen (also z. B. die Preise für Aktien, Anleihen, Häuser und Grundstücke) nicht oder nur unzureichend berücksichtigt werden.

Das erklärt auch, warum es immer wieder zur „Vermögenspreisinflation“ kommt – wie etwa dem „New Economy Boom“ der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und dem „Häuserpreisboom“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Zentralbanken ließen die Kredit- und Geldmengen immer weiter anwachsen, weil sie meinten, es gäbe keine oder nur geringe Inflation. Das jedoch war ein Fehlschluss: Denn die Inflation, für die das Ausweiten der Kredit- und Geldmengen sorgte, kam nicht in den Konsumgüterpreisen zum Vorschein, sondern in den steigenden Preisen für Vermögensbestände – die aber nicht beachtet wurden.

III.

Die Geldmenge spielt für die Inflation die entscheidende Rolle, das ist zu Beginn dieses Artikels bereits angeklungen. Nun gilt es einen ganz wichtigen Sachverhalt zu erklären: dass nämlich ein Ansteigen der Geldmenge in der Volkswirtschaft zwangsweise dazu führt, dass diejenigen, die die neue Geldmenge als erste bekommen, besser gestellt werden auf Kosten derjenigen, die die neue Geldmenge erst zu einem späteren Zeitpunkt erhalten oder gar nichts von ihr abbekommen; dies ist der sogenannte „Cantillon Effekt“ (benannt nach Richard Cantillon (1680 – 1734)).

Warum ist das so? Die ersten, die das neue Geld in die Hand bekommen, können Güter noch zu unveränderten Preisen kaufen. Das Geld wandert danach von Hand zu Hand, und nach und nach steigen auch die Preise. Diejenigen, die das neue Geld erst später erhalten, können nur noch zu erhöhten Preisen kaufen, sie bekommen weniger Güter für ihr Geld. Und diejenigen, die gar nichts von der neuen Geldmenge abbekommen, sind die großen Verlierer: Sie haben kein neues Geld, und die Güterpreise sind gestiegen.

Ein Ausweiten der Geldmenge führt also immer und notwendigerweise zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen zwischen den Marktakteuren. Eine wachsende Geldmenge schafft stets Gewinner und Verlierer, sie ist niemals „neutral“… (Seite 2)


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