Was für ein Bohei um die Zinsen!

20. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Da rutscht die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am vergangenen Dienstag bis auf minus 0,034 Prozent, und die Medien überschlagen sich mit Schlagzeilen, als sei ein Jahrhundert-Ereignis zu würdigen.

Allen voran Zeitungen, die eher dem konservativen Lager zuzuordnen sind. Wie die FAZ („Eine neue Epoche am deutschen Kapitalmarkt“) und die Börsen-Zeitung („Meilenstein der Zinstalfahrt“). Dabei „rentieren“ Bundesanleihen mit Restlaufzeiten bis zu neun Jahren schon seit vielen Monaten im Minus; und wenn man in die Schweiz blickt, sind sogar die „Renditen“ 20-jähriger Staatsanleihen unter Wasser.

Wie kommt es also zur überschwänglichen Würdigung von minus 0,034 Prozent? Auf den Punkt gebracht: durch das Unterschreiten einer Reizschwelle, und sei diese noch so infinitesimal klein. Zehnjährige Bundesanleihen sind nun mal international wahrgenommene Hingucker, ähnlich wie es zehnjährige amerikanische Treasuries sind, deren Renditen im Einklang mit denen der Bundesanleihen zuletzt immer tiefer abgerutscht sind, allerdings nicht ins Minus, sondern erst unter 2 Prozent – wahrscheinlich mit weiterer Luft nach unten, weil die amerikanische Konjunktur bedenklich zur Schwäche neigt.

Zinsen, hier in Gestalt von Anleiherenditen, sind der Preis für Geld. Und je mehr Geld von den Notenbanken in Umlauf gebracht wird, desto tiefer sinkt dieser Preis. Ein Ende ist zwar nicht abzusehen, aber es rückt immer näher. Wie könnte es aussehen, wann könnte es kommen? Eines steht fest: Es wird das Misstrauen in das sogenannte Papiergeld widerspiegeln, nicht allein in Anleihen, sondern auch in Konten aller Art, in Rentenfonds, Kapitallebensversicherungen und sonstige primär papiergeldbasierte Anlagen. Wann es dazu kommt, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls rumort es an den Kapitalmärkten bereits jetzt ganz gehörig. Allein schon ein Ereignis wie der Brexit (falls er kommt), eine unbedachte Äußerung von EZB-Präsident Mario Draghi oder Fed-Chefin Janet Yellen, neue geopolitische Spannungen oder ein heftiger Anstieg des Goldpreises über das bisherige Ausmaß hinaus können eine neue internationale Finanzkrise auslösen.

Der Goldpreis ist ein besonders zuverlässiger Indikator. Insofern lohnt es sich, ihn genau zu verfolgen. Denn er spiegelt nicht nur das Misstrauen in Papiergeld wider, sondern auch die Inflationserwartungen – und die steigen in den USA seit Jahresbeginn, während die Renditen der Treasuries in derselben Zeit fallen. Das bedeutet im Ergebnis und nach vorn betrachtet, dass Gold, obwohl zinslos, vielen marktbestimmenden Anlegern offenbar lukrativer erscheint als eine Anlage in verzinslichen amerikanischen Staatsanleihen. So etwas muss zu denken geben.

Hier ist nicht der Platz, um nochmals darüber zu räsonieren, wie und wann der Rückgang oder der Anstieg von Anleiherenditen sich auf den Goldpreis auswirkt und der Goldpreis umgekehrt die Kurse der Anleihen beeinflusst. Nur so viel: Steigt, wie im ersten Halbjahr geschehen, der Preis des Edelmetalls, während die Anleiherendite sinkt, gelten offenbar Gold und Anleihen als sogenannte sichere Häfen. Kommen Inflationserwartungen hinzu, wie ebenfalls geschehen, verlieren Anleihen ihren Sicherheitsstatus und verbleibt als sicherer Hafen das Gold. Lässt dann die Konjunktur zu wünschen übrig, entsteht die berüchtigte Stagflation, also Stagnation der Konjunktur bei gleichzeitiger Inflation.

Dann wird es erst recht spannend. Denn in diesem Fall bekommen die Notenbankchefs das, was sie seit Jahren anstreben: die sehnlichst herbeigewünschte Inflation von 2 Prozent – mit danach steigender Tendenz, weil eine erst in Gang gekommene Inflation sich nicht einfach anhalten lässt. Eine Folge: Die realen Anleiherenditen, also die nach Abzug der Inflationsrate, rutschen tief in den negativen Bereich. Eine weitere – anschließende – Folge: An den Anleihemärkten kommt Misstrauen auf; die Kurse der Anleihen beginnen zu fallen, ihre nominalen Renditen zu steigen. Ob diese Renditen die dann wahrscheinlich munter steigende Inflationsrate übertreffen, wird sich zeigen. Bis dahin dürfte der Goldpreis von real negativen Renditen profitieren.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Vor uns liegt eine Phase, in der Gold begünstigt bleiben wird. Sein Preisauftrieb seit Jahresbeginn ist erst der Anfang. Jetzt legt er eine kurze Pause ein, danach geht es weiter aufwärts. Sehen Sie also zwischenzeitliche Rücksetzer als das an, was sie sind: kurze Unterbrechungen auf einem langen Weg nach oben.
Manfred Gburek – Homepage

 

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