Was der unbegrenzte Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB wirklich bedeutet

27. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) Mit dem Ankauf von Staatsanleihen, wenn nötig auch in unbegrenzter Menge, will der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) die Refinanzierungskosten strauchelnder Staaten künstlich tief halten, um so deren Haushaltslage zu entlasten und Staatspleiten abzuwenden. Doch es geht dabei nicht nur um die Abwehr von Staatspleiten, sondern vielmehr auch um das Verhindern von Bankenpleiten – schließlich droht mittlerweile vielen Banken der Bankrott, wenn der EZB-Rat die Marktzinsen nicht auf künstlich tiefe Niveaus senkt und dort hält…
Diese „Rettungspolitik“ findet im Großen und Ganzen Zustimmung in der Öffentlichkeit – zumindest regt sich bisher kaum aktiver Widerstand. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass die schädlichen Nebenwirkungen dieser „Zinsmanipulationspolitiken“ des EZB-Rates weitgehend übersehen werden. Doch es gibt sie! Um sie zu erkennen, muss man sich zunächst die volkswirtschaftliche Bedeutung des Zinses vor Augen führen.

Heutzutage wird der Zins meist als politisch zu kontrollierendes „Steuerungsinstrument“ gesehen, das je nach wirtschaftspolitischem Bedarfsfall beliebig zu verändern ist. Ein niedriger Zins wird dabei als förderlich für die Wirtschaft gesehen, ein hoher Zins hingegen als hinderlich. Folglich soll die Zentralbank, so die allgemeine Meinung, den Zins so tief wie möglich halten, um Produktion und Beschäftigung zu „fördern“. Vor allem in einer Rezession empfehlen daher viele Ökonomen (zur Freude von Regierungen und Banken- und Finanzindustrie), die Zentralbank solle die Zinsen absenken, um so die Wirtschaft aus dem Tal zu führen.

Der Zins ist aber nicht etwa eine lästige Kostenhürde, die ein Hindernis auf dem Weg zur Prosperität ist, und der von der Zentralbank auf ein möglichst tiefes Niveau geschleust werden muss. Diese Sichtweise ist vielmehr falsch; sie atmet den ideologischen Ungeist der betagten, aber immer noch weit verbreiteten „Zinsfeindschaft“.

Der Zins ist eine nicht wegzudenkende Kategorie des menschlichen Handelns. Er ist Ausdruck einer ökonomischen Gesetzmäßigkeit: dass nämlich die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse höher (wert)geschätzt wird als die künftiger Bedürfnisse. Der Zins ist, ökonomisch gesprochen, Ausdruck der „Zeitpräferenz“ der Menschen. Der Zins ist denknotwendig, wenn Menschen frei handeln können, er ist ein Phänomen des freien Marktes. „Technisch“ gesprochen ist der Zins das Ergebnis aus dem Zusammentreffen des Sparmittelangebots (also dem Teil der laufenden Einkommen, der nicht konsumiert wird) und der Nachfrage nach Sparmitteln für Investitionszwecke.

Der Zins ist der unverzichtbare Kompass für alle Marktakteure. Er macht eine zukunftsgewandte kapitalintensive Produktionsweise – der Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk (1850- 1914) sprach hier von „Umwegproduktion“ – überhaupt erst möglich. Mit quasi unsichtbarer Hand leitet der Zins den Aufbau des Kapitalstocks, und letzterer ist es, der die Produktivität und damit Realeinkommen und Wohlstand im Zeitablauf anwachsen lässt. Der Zins zeigt nämlich an, wie viele Ressourcen für neue Investitionen tatsächlich verfügbar sind – und welche Investitionsobjekte sich „nicht rechnen“, weil aufgrund der allgegenwärtigen Knappheit von Mitteln nun einmal nicht alle Investitionsprojekte umgesetzt werden können.

Vor diesem Hintergrund wird offensichtlich, dass ein Heruntermanipulieren des Marktzinses durch die(Geld)Politik unweigerlich schwere volkswirtschaftliche Schäden hervorbeschwört, im Großen wie im Kleinen. Dies ist mit Blick auf die Anleihekäufe, die der EZB-Rat anpeilt, unübersehbar.

Erstens: Wenn der EZB-Rat Anleihen strauchelnder Staaten kauft, senkt er den Zins künstlich ab, und zwar unter das Niveau, das vorherrschen würde, wenn der EZB-Rat keine Anleihen kaufen würde. Der künstlich gedrückte Zins entlastet zwar die Staatsschuldner. Jedoch reduziert er gleichzeitig auch den Anreiz für Regierende und Regierte, ihren Staatshaushalt zu gesunden.

Zweitens: Beginnt der EZB-Rat, die Zinsen auf künstlich tiefe Niveaus zu drücken, werden politische Begehrlichkeiten geweckt. Die Geldpolitiker kommen unter politischen Druck, nicht nur die nominalen Zinsen so tief wie möglich zu senken, sondern sie werden auch gedrängt, für negative Realzinsen zu sorgen: also den Nominalzins unter die Geldentwertungsrate zu drücken. Auf diese Weise können sich nämlich die (politisch einflussreichen) Schuldner (wie Regierungen und Banken) auf Kosten der Investoren und Sparer besserstellen.

Drittens: Ein künstlich niedrig gedrückter Zins – geschweige denn ein negativer Realzins – senkt den Anreiz zum Sparen. Ressourcen werden in Konsumausgaben gelenkt, der notwendige Auf- und Ausbau des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks unterbleibt. Die Volkswirtschaft betreibtdann Kapitalkonsumption, und die künftigen Einkommen sinken.

Viertens – und das ist wohl die gravierendste volkswirtschaftliche Folge – löst ein Heruntermanipulieren des Zinses geradewegs die wirtschaftlichen und politisch schädlichen „Boom-and-Bust“-Zyklen aus. So führt der künstlich gesenkte Zins zu verfälschten Preisen – schließlich hängt die Preisbildung von Aktien, Anleihen und Derivaten aber auch vom herrschenden Marktzins ab. Zum Beispiel verleiten verfälschte Finanzmarktpreise zu Fehlentscheidungen und –investitionen, und das nicht nur im Finanzmarktgeschehen, sondern auch im Unternehmenssektor, dort also, wo die volkswirtschaftliche Produktions- und Beschäftigungsstruktur maßgeblich gestaltet wird… (Seite 2)

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