Was der „Chart of Doom“ lehrt

23. Februar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Robert Rethfeld

Selten wurde ein Chart so häufig gemailt und diskutiert wie der Verlaufsvergleich mit 1929. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Chart ein so großes Medienecho in Deutschland ausgelöst hat. Alte Vorbehalte scheinen durch, von denen man meint, dass sie längst ad acta gelegt wurden…

Hat doch die Chartanalyse, deren Ursprung auf das Erkennen von Trends zurückgeht („Charles Dow“), längst ihren Platz an den Händler-Monitoren und bei vielen Privatinvestoren erobert.

Der Chart, von dem hier die Rede ist, wird als „Chart of Doom“ bezeichnet. Das Preismuster der 1920er Jahre wird mit dem aktuellen Muster verglichen. Die Verläufe erscheinen nahezu deckungsgleich.

 In einem Handelsblatt-Artikel wurde ein Chart, der ein solches Muster darstellt, als „raffinierter Trick“ bezeichnet (trotz korrekt ausgewiesener Preisskalen rechts und links). Anleger würden mit diesem Chart „manipuliert“. Die Forderung: Der Chart dürfe nur mit einer prozentualen Normierung gezeigt werden. Der folgende Chart entspricht in etwa dieser Forderung.

Ziel eines Verlaufsvergleichs ist es, übereinstimmende Preismuster zu finden. Man ahnt mit diesem Chartbild zwar, dass ein paralleles Preismuster existieren könnte. Aber sicher ist man erst, wenn man die Verläufe übereinander legt. Die Erkenntnisse, die man in diesem speziellen Fall gewinnen möchte, lauten: Wie genau läuft die Phase der Top-Bildung ab? Ist ein niedrigeres Hoch erkennbar? Kam es vor dem Hoch zu einen kräftigen, möglicherweise erschöpfenden Aufwärtspush? Wie viele Tage liegen zwischen dem ersten und zweiten (niedrigerem) Hoch? Zwischen dem primären und sekundären Hoch der Crashes der Jahr 1929 und 1987 lagen jeweils 38 Tage.

Oder man denke an klassische Preismuster wie Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Flaggen, Keile oder Dreiecke. Derartige Preismuster-Analogien sind wesentlich besser zu entdecken, wenn man die Verläufe übereinander legt.

Trading-Programme automatisieren die Charttechnik weitgehend. Das Erkennen von Preismuster-Analogien bleibt weitgehend Handarbeit, ausgeführt von experimentierfreudigen Gesellen, die dafür ihre Tabellenkalkulationen und Datenbanken strapazieren. Ich zähle mich dazu. Uns ist klar, dass Chartanalogien selten Volltreffer sind. Uns ist auch klar, dass von Crash-Vergleichen eine gewisse Faszination ausgeht. Aber: Es kommt nicht nur auf den Chart an, sondern auch auf dessen Interpretation. Diejenigen, die über diese Analogie geschrieben haben, haben das meist mit Vorsicht getan. Von einem „raffinierten Trick“, um Investoren zum Verkauf zu bewegen, kann nicht die Rede sein.

Übrigens: Auch bei einer prozentualen Normierung stellt sich die Frage nach dem exakten Anfangszeitpunkt. Je nachdem, welchen Zeitpunkt man wählt, erreicht die prozentuale Divergenz unterschiedliche Werte. Es kommt stets auf den Standpunkt an.

Es ist bei weitem einfacher, Analogien zu erkennen, wenn man Verlaufsmuster übereinander legt. Das ist nun wirklich gängige Arbeitspraxis. Ein Beispiel: In unserer Wochenend-Kolumne vom 15. Januar 2014 wiesen wir auf die Korrelation zwischen dem Verlauf der Aktienindizes der BRIC-Staaten einerseits und dem Rohstoff-Index andererseits hin.

 Die Skalierung ist prozentual korrekt, aber das ist Nebensache. Viel wichtiger ist doch, dass eine positive Korrelation zwischen beiden Verläufen zu erkennen ist. Unsere damalige Aussage: „Ohne ein Comeback der Aktienindizes der BRIC-Staaten erscheint ein Ende der Rohstoffbaisse nicht möglich.“ Das sind die Erkenntnisse, die man aus solchen Vergleichen gewinnen möchte… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Was der „Chart of Doom“ lehrt"

  1. Michael sagt:

    Mal einen Chart of Doom anstatt den üblichen Chart Of B(l)oom – ist doch nett. Wie üblich aus dem Zusammenhang gerissen, dachte ichs mir doch, dass ich den Chart woher kenne. Aber die Parallele in anderen Märkten zu dieser Zeit ist schon länger vorbei … 2 Jahre so.

    Die Frage wäre auch, wie verlaufen die Volumina. Die sind ganz nützlich.

    Ein mutiger Schritt zum günstigeren Angebot am Folgetag bei niederen Volumen
    a) Eine Schwalbe macht noch keine Sommer
    b) bei mehrmaligen Auftreten – ‚Die Hütte ist leergespielt‘
    c) ‚Geiz ist geil‘ bei hohen Volumina im Einzelwert
    d) Die Investmentbanken kommen einmal ihrer wahren Aufgabe nach und sorgen für günstige Einstandspreise. Hall of Fame wird zu Hall of Flame.

    Das sind die 4 Stufen. Ich liebe d). Die bitteren Tränen. Die Enttäuschung. Straßen in Flammen. Großen Sehnsüchte, unerfüllte Träume über die Jahre gesponnen mit dem Garn der Hoffnung, Ein Augenwink des Schicksals, das Zucken eines Schaltkreises und die Hoffnung zerfließt ins Tal der Tränen. Ein Gustostück der Vorhersehung, jedes mal wieder.

    Hat irgend jemand etwas gelernt? Nein. Fällt unter das Thema – Weder Chart of Doom, noch der tägliche Chart of Bloom können viel dran ändern. Das es noch oben geht ist nicht immer sicher, aber nachher runter das ist amtlich.

    Aber ein guter Test wie weggetreten die Anlegerschaft schon wieder ist.

    Ansonsten ist bei die Charts ja just das nicht Eintretende spannend. Oder Markierung die es gar nicht geben ‚dürfte‘. Geben tut es alles.

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