Was Anleger vom Fußball lernen können

8. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Es ist immer wieder spannend, zu beobachten, wie bestimmte Anlegerkreise auf Entscheidungen der Zentralbanken oder auch nur auf deren Wortakrobatik reagieren. Zwei besonders bezeichnende Beispiele dafür gab es in der abgelaufenen Woche: die erste Zinssenkung durch Chinas Zentralbank seit 2008 und die zum Teil mysteriösen Andeutungen von US-Notenbankchef Ben Bernanke… Beide Ereignisse standen zwar nicht in unmittelbarem Zusammenhang, aber in beiden Fällen ging es um die Konjunktur.

Ein Großteil der Anleger, in erster Linie Börsenspieler, interpretierte die chinesische Zinssenkung vor allem als Eingeständnis einer schwachen Konjunktur. Das war ein Mal um die Ecke gedacht, gilt doch jede Zinssenkung zunächst als positives Signal, als Stimulus für die Wirtschaft und damit vorab auch für die Börse. Doch unter Börsenspielern kommt es in letzter Zeit spontan immer mehr zu gegenteiligen Interpretationen, die kurzfristig das sprichwörtliche Herdenverhalten auslösen. Nach wenigen Tagen ist der Spuk dann wieder vorbei, und der gesunde Menschenverstand setzt sich gegen die Herde durch.

Im Fall China kommt hinzu, dass das Land nach wie vor ein starkes Wirtschaftswachstum hat und es auch beibehalten wird. Dazu gehört eine vermeintliche Marginalie, die jedoch für alle Goldfans von größtem Interesse sein dürfte: Chinesen kaufen für private Zwecke immer mehr Gold. Das wäre normalerweise kaum erwähnenswert, hätte der Goldpreis nicht ausgerechnet im Gefolge der chinesischen Zinssenkung abwärts reagiert. Warum das? Weil die Börsenspieler sich mit der folgenden Fehlinterpretation für einen Tag durchgesetzt haben: China senkt den Zins, also tendiert die chinesische Wirtschaft schwach, folglich werden die Chinesen weniger Gold kaufen. Das ist selbstverständlich Unsinn, was der Goldpreis denn auch bis Freitagabend bestätigt hat, weil er wieder gestiegen ist.

So abenteuerlich die Gedankensprünge der Börsenspieler sind, so schnell finden sie für kurze Zeit genug Anhänger, die das Spiel mitmachen. In diesem Fall kommt hinzu, dass der eingangs erwähnte US-Notenbankchef Bernanke mit seiner Rede vor dem amerikanischen Kongress die Anhängerschar noch unfreiwillig vergrößerte, als er davon sprach, seine Institution Fed sei bereit, das Finanzsystem und die Wirtschaft zu schützen. Diese Botschaft kam an den Börsen so an: starke Finanzen und starke Wirtschaft = starker Dollar. Und weiter: Wenn der Dollar stark sei, müsse der Goldpreis fallen, sagten sich die Börsenspieler und handelten entsprechend, indem sie für einen Tag pro Dollar und kontra Gold spekulierten.

Solche Beispiele finden sich inzwischen fast täglich. Sie betreffen so ziemlich alles, was gehandelt wird, von Direktanlagen in Währungen und Edelmetallen bis zu Aktien- und Rentenfonds, von einfachen Anlagezertifikaten bis zu gefährlichen Hebelprodukten, von Calls auf Kupfer und Kakao bis zu Puts auf Zucker und Zink. Wer mitmacht, ist entweder Profi, wird erst dazu oder lernt es nie. Das Fatale daran: Die wahren Profis, die Tagesschwankungen geschickt für schnelle Gewinne nutzen, brauchen Gegenspieler, die ihnen solche Gewinne ermöglichen, indem sie für die Gegenbuchung sorgen, also für Verluste. Die Verlierer erklären sich natürlich nicht freiwillig dazu bereit. Also schießen Firmen wie Pilze aus dem Boden, die den potenziellen Verlierern suggerieren, mit kurzfristigem Trading könne man massig Geld verdienen. Den Rest erledigen Werbespots in Sendern wie n-tv…(Seite 2)

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