Warum Gold? (Manfred Gburek)

12. April 2009 | Kategorie: RottMeyer

Sie sind gut beraten, sich vor Augen zu führen, was Ihnen helfen kann, die jetzige Weltwirtschaftskrise glimpflich zu überstehen. Diese Krise ist die schlimmste ihrer Art seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten. Das dicke Ende kommt noch, so viel steht fest. Niemand weiß, wie es ausgehen und aussehen wird. Also Anlass genug, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das den meisten Leuten immer noch seltsam fremd vorkommt, aber gerade jetzt in den Vordergrund rückt: Gold als möglicher Rettungsanker. Oder konkret: Wie und warum kann Ihnen gerade dieses Edelmetall helfen, möglichst unbeschadet aus der Krise herauszukommen?

Gold kaufen? „Um Gottes willen“, kam spontan die Antwort von Börsenprofessor Gerke, dem Mann auf – fast – allen TV-Kanälen. Das war in der Wiso-Sendung des ZDF am 6. April. Ansonsten schätze ich diese Sendereihe wegen ihrer im Großen und Ganzen ordentlichen Aufklärung. Aber deren Produzenten hatten es schon einige Wochen vorher fertiggebracht, Goldzertifikate besser abschneiden zu lassen als Goldbarren und -münzen. Und nun der omnipräsente Gerke mit seiner Meinung zum Gold. Wie kommt es immer wieder zu solchen Ausrutschern? Ganz einfach: 1. Indem Journalisten, wie im ersten Fall, ausgerechnet Leute nach deren Meinung zum Edelmetall fragen, die sich ständig zu Gott und der Welt äußern sollen, nur weil sie relativ bekannt sind. Ebenso könnte man einen bekannten Banker fragen, welche Fußballmannschaft deutscher Meister wird. 2. Weil den Machern von Fernsehsendungen, wie im zweiten Fall, das Verständnis für die verschiedenen Varianten der Goldanlage fehlt. Für sie ist Papiergold offenbar vergleichbar mit physischem Gold – ein großes Missverständnis.

Gerke empfahl in der fraglichen Sendung Immobilien als Absicherung gegen die drohende Inflation, ohne auf Details einzugehen – schon wieder ein Missverständnis, man sehe sich nur an: die in offenen Fonds blockierten Euro-Milliarden, die dramatisch zunehmenden Büroleerstände, die vielen Neubauruinen in den neuen Bundesländern und vor allem die Charts der um 90 und mehr Prozent abgestürzten Immobilienaktien. Gold fand Gerke unter anderem nicht gut, weil dessen Preis zu sehr schwanke. Nicht weit entfernt von diesem „Argument“ ist dann der Hinweis, Gold bringe keine Zinsen. So lächerlich das alles sein mag, es wird höchste Zeit, sich gerade in diesen Tagen, da die Preise aller Edelmetalle konsolidieren, mit ihrem eigentlichen Wesen etwas näher zu beschäftigen. Denn allmählich habe ich den Eindruck, dass die meisten Leute wild durcheinander diskutieren, wenn sie speziell auf Gold angesprochen werden.

Damit kommen wir zur entscheidenden Frage: Was ist eigentlich Gold? Die Antwort lässt sich weder mit nur einem Wort noch mit einem ganzen Satz geben. Zählen wir allein auf, was physisches Gold verkörpert: seltenes Edelmetall, international akzeptiertes Geld, Währungsreserve, Geldanlage, Spekulationsobjekt, Rohstoff, Schmuck, sicherer Hafen, Indikator für Inflationserwartungen, Schutz vor Inflation, Versicherung gegen Krisen, Mythos. Auch wenn wir alle anderen, überwiegend in Papiergeld verbrieften Goldvarianten (Goldaktien, -fonds, -zertifikate usw.) weglassen, haben wir es also mit etwas so Komplexem zu tun, dass Aussagen wie die von Börsenprofessor Gerke in ihrer Schlichtheit irgendwie lächerlich wirken. Denn jetzt „um Gottes willen“ kein Gold zu kaufen, zielt ja primär auf die Eigenschaft des Edelmetalls als Geldanlage ab. Wenn aber, wie auch Gerke unterstellt, in den kommenden Jahren eine Inflation droht, rückt die Schutzfunktion des Goldes in den Vordergrund. Und falls dann obendrein die Weltwirtschaftskrise weiter anhalten sollte, gesellen sich mindestens noch die Krisenversicherung und der sichere Hafen dazu. Zwischenfazit: Es gibt Preistreiber, deren Wirkung den Goldpreis in zwei oder drei Jahren mit voller Wucht nach oben katapultieren kann.

Eine Sonderrolle spielt Gold als Mythos. Darunter ist laut Duden zu verstehen: zum einen die Sage und Dichtung von Göttern, Helden und Geistern, aber auch eine legendäre, glorifizierte Person oder Sache. Bleiben wir bei der treffenderen zweiten Definition: legendäre, glorifizierte Sache. Das kann man zwar auch von anderen Sachen behaupten, etwa von Kultgegenständen aller Art, aber Gold unterscheidet sich von ihnen in zwei wesentlichen Punkten: 1. Seine legendäre Glorifizierung hält seit Jahrtausenden an. 2. Sie erstreckt sich über alle fünf Kontinente. Das wiederum erklärt, warum es überall auf der Welt – mal abwechselnd, mal gleichzeitig – als Schmuck, sicherer Hafen, Inflationsschutz usw. gilt und sogar als Währungsreserve über alle fünf Kontinente verteilt ist.

Vor allem die mythische Eigenschaft des Goldes hat zu einer seltsamen Teilung in zwei Lager geführt, in das seiner Verächter (wie beschrieben) und seiner Anbeter (zum größten Teil selbst ernannte Goldgurus). Während die einen von Zinslosigkeit, Preisschwankungen und womöglich auch noch von hohen Schließfachkosten schwadronieren, beschwören die anderen mindestens den Weltuntergang herbei. Die einen sehen den Preis in Niederungen wie zu Beginn dieses Jahrtausends sinken, die anderen überschlagen sich mit Prognosen mal unter, mal über 10.000 Dollar je Feinunze. Medien verarbeiten das Thema unterschiedlich: Während z.B. Süddeutsche Zeitung, Wirtschaftswoche, Handelsblatt, FAZ, Welt, Börsen-Zeitung und FTD inzwischen eine ausgewogene, überwiegend professionelle Berichterstattung pflegen, wirkt das Gros der anderen Printmedien incl. Fernsehen eher hilflos. Gut, dass es das Internet gibt – wobei ich es in erster Linie wegen seiner Sachinformationen schätze, nicht wegen der Gurubeiträge.

Fazit: Wer erfolgreich mit Gold umgehen will, sollte sich ständig ins Bewusstsein rufen, was es ist (vom seltenen Edelmetall bis zum Mythos) und welche von seinen Eigenschaften den Preis gerade am meisten bestimmt. Das ist zurzeit – noch – z.B. der sichere Hafen eher als der Inflationsschutz, die Krisenversicherung eher als der Mythos. Doch sobald der Inflationsschutz und letztlich sogar der Mythos an Bedeutung gewinnen, dürfte es beim Preis kein Halten mehr geben. Wenn Sie genug Gold gehortet haben (und evtl. auch noch ein großes Depot mit Edelmetallaktien besitzen), werden Sie sich indes nicht nur freuen können, sobald der Goldpreis nach oben schießt. Denn er wird dann primär die Geldentwertung widerspiegeln, für die Politiker und Notenbanker mit ihren Konjunkturprogrammen und Geldmengenorgien gerade die Grundlagen schaffen. Immerhin sind Sie dann aber allemal besser dran als mindestens neun von zehn Ihrer Mitbürger, die ihr Geld in Spar- oder Festgeldkonten, langlaufende Anleihen oder Rentenfonds investiert haben und von laufenden Einnahmen leben müssen, die durch die Inflation dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne.

Manfred Gburek, 10. April 2009

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