Warum wir diesmal in der Patsche sitzen bleiben

26. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Bill Gross von PIMCO, dem größten Anleihehändler der Welt und mittlerweile unter Börsianern eine Legende, sagte Ende letzter Woche, dass die US-Notenbank seiner Ansicht nach ihre Anleihestützungen fortsetzen werde, bis die Arbeitslosenrate unter sechs Prozent fällt. Wenn man die Lage der US-Wirtschaft nüchtern betrachtet, heißt das: für immer. Warum?

Weil künstlich niedrig gehaltene Zinsen keine Arbeitsplätze schaffen, wenn das eigentliche Problem woanders liegt. Das zu erkennen, ist eigentlich einigermaßen leicht. Das eigentliche Problem zu lösen hingegen nicht. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es nahezu unmöglich ist, wenn nicht wirklich tiefgreifende und vor allem weltweit wirkende Ereignisse eine nachhaltige Veränderung der Lage nach sich ziehen. Denn die Basisproblematik, aus der sich alle anderen Schwierigkeiten ableiten, lautet: Die Menschheit an sich ist in zwei Hälften gespalten … ein Teil davon zwar satt und phlegmatisch, aber immer noch imstande, den anderen Teil aktiv von den Fleischtöpfen fernzuhalten, ohne zu bemerken, dass dieses Fleisch ohnehin langsam gammelt. Es ist doch so:

Die Weltwirtschaft insgesamt war über die Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg nur imstande, ohne große Depression zu wachsen, weil es immer wieder neue Wachstumsbranchen gab, in die Energie und Geld wandern konnten. Das war die Automobilbranche, die Elektronik, die Unterhaltungsindustrie, Computer, Internet, Biotechnologie. Diese Innovationen sorgten immer wieder für einen entsprechenden „Hype“ und für Wachstum, weil die anderen Branchen sich nebenher hielten oder sogar davon profitierten. Aber Biotech und Internet haben ihre entscheidende Wachstumsphase hinter sich. Was nun? Ab zum Mars? Hilft nichts. Und alternative Energien und soziale Netzwerke sind als momentan aktuellste „Neuerscheinungen“ im Bereich der Wirtschaftsbranchen zu klein, um im Rahmen der über die Jahre ja immer größer werden Weltwirtschaft die Rolle eines „Leaders“ und Motivators zu übernehmen. Die, die alles haben (wozu auch und gerade die zählen, die glauben, arm dran zu sein und dabei mehr zur eigenen Verfügung haben als manch ein afrikanisches Dorf zusammen), sind satt. Gefährlich satt. Gefährlich nicht zuletzt deshalb, weil sie es ob des „schleichenden Wohlstands“, der über drei Generationen langsam gewachsen ist, gar nicht bemerken.

Ob man nun regelmäßig das neueste iPhone kauft oder nicht, mit dem Fernseher von Röhre auf Plasma umsteigt und jedes Jahr ein neues Auto kauft, ist nicht entscheidend. Denn es bedingt nur, dass überhaupt noch Wachstum auf dem Papier generiert wird. Aber der zuvor so lange, stetige Strom Wachstum generierender Innovation ist ins Stocken geraten. Es ist eben ein Unterschied, ein Volk von Fußgängern zu Autofahrern zu machen, ein Volk von Radiohörern zu Fernsehzuschauern, ein Volk von Selbstheilern zu Apothekenstammkunden und tablettenschluckenden Hypochondern … oder den Menschen die neuesten Modelle solcher mittlerweile etablierten Konsumprodukte anzudrehen. Aber was ist mit denen, die all das noch nicht besitzen? Das könnte doch das nötige Wachstum bringen – oder nicht?

Nein. Da, wo wir momentan stehen, nicht. Die, die nicht satt sind, die, die nichts haben – und ihre Zahl wächst immer weiter – werden auch weiterhin nichts haben, weil sie zum einen keine Lobby haben und die politischen Entscheider sich zum anderen zuerst um die kümmern, die noch etwas zu verlieren haben. Davon abgesehen: Bevor jemand konsumieren kann, muss er ein Einkommen haben. Nur sind wir mittlerweile so weit, dass da nichts mehr vorangeht. Weswegen auch in den USA auf absehbare Zeit keine Arbeitslosenraten (nicht mal die offiziellen Daten) unter sechs Prozent erreicht werden können. Um ja keine echte, tiefe Rezession (2008/09 war ein Kindergeburtstag) zuzulassen, um auch bei fallenden Umsätzen im Unternehmen steigende Gewinne zu generieren, wurde gespart und rationalisiert. Ein Gutteil des Wachstums der letzten 20 Jahre basierte auch auf dem Dauerzwang, die Aktionäre so bei Laune zu halten. Und diese Rationalisierung bedingte, dass das Verhältnis von menschlicher Arbeit zum Output auf der Produktseite immer mehr das Gleichgewicht verlor. Immer weniger Menschen produzierten immer mehr Güter für immer mehr anderen Menschen. Dadurch wurden die Produkte billiger. Schön. Und natürlich wurde in den Industrienationen gezielt Bedürfnisse geschaffen, damit immer mehr von dem gekauft wurde, was man sich einfallen ließ, wenn der Markt für etablierte Produkte gesättigt war. Fein. Aber jetzt haben wir nun einmal einen Punkt erreicht, an dem die stetige Rationalisierung einerseits zu viele Menschen ohne Arbeit verursacht hat, die somit neue Produkte nicht mehr konsumieren können und auf der anderen Seite nicht genug innovative Branchen neu entstehen, die diesen in den alten Wirtschaftsbereichen überflüssigen Menschen neue Arbeit und damit neues Einkommen geben könnten. Sackgasse. Die Lösung?

Die Lösung hieß zunächst BRICS. Das Kürzel für die aufstrebenden, großen Nationen Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Dorthin konnte man das verkaufen, was der satte heimische Markt in Europa und den USA nicht mehr aufnehmen konnte. Dort konnten die Großunternehmen expandieren und den Menschen Technologie und Konsumgüter andienen. Ein Eldorado, das dafür sorgte, dass die Weltwirtschaft nach 2003 doch wieder auf die Füße kam. Aber die Sache hatte Haken – und zwar gewaltige.

Denn letztlich züchtete man sich damit noch größere Probleme heran, bekam also nur einen Aufschub, um danach umso tiefer in der Bedrouille zu landen. Diese Länder haben nicht nur die Güter, sondern auch die Technologien erworben und sind so Jahr um Jahr mehr imstande, das, was sie zuvor aus Europa und den USA bezogen haben, selbst herzustellen. Und dabei eben auch die Technologien, um sich entsprechend weiter zu entwickeln. Fachpersonal ist meist ohnehin vorhanden, denn in ihrem stetigen Drang zu mehr Gewinn bei stagnierenden Umsätzen hatten die etablierten Industrienationen ihre Produktion zuvor dorthin ausgelagert … was übrigens ebenfalls zu einem Bumerang wurde, weil dadurch die, die die billigen Güter kaufen sollten, in den klassischen Industrienationen ihre Arbeit verloren, aus dem Kreislauf innovativen Konsums ausschieden und die Sozialkosten der Staaten steigerten. Wozu ich gleich komme. Zunächst zurück zu BRIC:

Jahr um Jahr nahm die Wirtschaftskraft dieser Länder zu. Ihre Eigenständigkeit aber eben auch, was bedingt, dass Europa und die USA immer weniger vom Wachstumskuchen abbekommen. Was zunächst ein Mittel war, um das eigene Wachstum trotz stagnierendem Konsum im Inland am Leben zu erhalten, wird dadurch immer mehr zur Falle. Nicht nur, dass diese Länder immer mehr zur Konkurrenz der US- und Euro-Großunternehmen im eigenen Land werden, nein, sie verdrängen auch sukzessive in Europa und den USA die dortigen Anbieter. Ähnlich wie mit japanischer Unterhaltungstechnologie und Autos in den 80er/90er Jahren steht man jetzt im eigenen Land einer Konkurrenz gegenüber, die man sich Jahre vorher selbst erschaffen hat. Und nicht nur das.

Diese Länder haben genug von den Fehlern der Amerikaner und Europäer gelernt, um sie selbst nicht zu machen. Der Gedanke, dass in 20 Jahren jeder Chinese ein Auto haben wird, war verlockend, aber er ist illusorisch. Dort weiß man, dass das Wachstum kontrolliert vorangehen muss. Dort hat man von den fatalen Entwicklungen hierzulande gelernt, dass man Blasen in der Entstehung bekämpfen muss, statt sie sich selbst zu überlassen und die Gefahren schönzureden. Jedem sein Auto auf Kredit, alle ab ins eigene Heim … nein, so närrisch ist man dort eben nicht. Und vor allem sorgt man dafür, dass dieses Wachstum vor allem dem eigenen Land zugute kommt, statt sich in Abhängigkeiten zu begeben, die nur anderen die goldenen Nasen bescheren. Die heimliche Hoffnung, die BRIC-Staaten als Nährlösung der eigenen kraftlosen Wirtschaft heranzuziehen, wie man es früher mit den Kolonien betrieb, erfüllt sich nicht – im Gegenteil:

Gerade China ist clever genug gewesen, mittlerweile die US-Wirtschaft, wenn nötig, am langen Arm verhungern lassen zu können. Während die dergleichen nicht gewöhnten Amerikaner mehrheitlich immer noch glauben, China diktieren zu können, was es zu tun hat, haben die Chinesen einen derartig hohen Anteil an US-Staatsanleihen, dass sie den USA bei hinreichend ungehörigem Betragen ruckzuck den Hahn zudrehen können. Entweder, indem man diese Bestände auf den Markt wirft … und/oder indem man sich an dem ungebremsten Wachstum der US-Verschuldung nicht mehr beteiligt, weil man die Bonds einfach nicht mehr kauft. Beides würde zum einem massiven Kursverfall führen, der einen brutalen Vermögensverlust unter den US-Bürgern einerseits und zu einem k.o. der US-Wirtschaft durch senkrecht steigende Zinsen und Refinanzierungskosten andererseits nach sich ziehen würde. Das schlimme dabei ist aber vor allem, dass das den meisten US-Politikern immer noch nicht klar ist. Von den Bürgern ganz zu schweigen. Und wer die Risiken nicht sehen will, ist nur zu leicht imstande, dumme Dinge zu tun! Fazit: Aus dem Versuch, sich aus den eigenen Problemen durch ewigen Export an die konsumhungrigen Milliarden in den BRIC-Staaten gesundzustoßen, wurde zunehmende Konkurrenz im eigenen Land und eine immer weiter wachsende Abhängigkeit in die unerwartet andere Richtung, gepaart mit einer wieder einmal höheren Stufe der Sockelarbeitslosigkeit.

Zusammengefasst haben wir bislang also das Problem nur noch künstlich generierten Wachstums ohne wirklich echte innovative Wirtschaftsbereiche, gepaart mit schwindenden Möglichkeiten in den BRIC-Staaten, die dafür in unsere eigenen Märkte drängen, ohne selbst den Fehler zu machen, sich an den Abgrund zu bugsieren. Und das bedeutet: Die Lage verschlimmert sich, ohne dass es Mittel gäbe, dagegen zu halten. Zumal:

In früheren rezessiven Phasen war es das klassische Mittel, Geld in die Hand zu nehmen und so die Konjunktur wieder anzukurbeln. Da man nicht unmittelbar am Konsum ansetzen kann (was man 2009 dann doch mal versuchte – Abwrackprämie und Steuergeschenke für Hauskäufer etc., was aber, wie wir heute sehen, nichts brachte), machte man das über Infrastruktur. Straßen, sozialer Wohnungsbau usw. brachten mehr Menschen in Lohn und Brot, die wiederum mehr konsumieren konnten, was den anderen Branchen wieder auf die Füße half … und nach und nach begannen sich die Räder wieder zu drehen. Das funktioniert jetzt aber nicht mehr. Warum nicht?

Weil diese „Fremdstart-Versuche“ immer zum Teil auf Pump finanziert waren. Und das nicht nur seitens der Staaten. Wer wieder einen Job hatte, wurde auch wieder kreditwürdig. Und es wurde sorgsam darauf geachtet, diesen Menschen die Aufnahme neuer Kredite schmackhaft zu machen, um die konjunkturelle Erholung so schneller voranzutreiben. Zeitlich begrenzte Sparchancen (z.B. die Abwrackprämie) und gezielt geschürte Angst vor einer Inflation, die alles teuer machen werde, brachte die Konsumenten dazu, sich immer weiter zu verschulden, während der Staat den Anstoß, sprich die Konjunkturprogramme, ebenfalls mit Krediten finanzierte. Diese Schulden abzutragen, war für die Phasen prosperierender Wirtschaft vorgesehen. Dumm nur, dass das von Jahr zu Jahr weniger funktionierte – weil da plötzlich die Quittung für die jahrzehntelange Rationalisierung auf Kosten der Arbeitnehmer um die Ecke wartete.

Staatsschulden abzubauen bedarf steigender Steuereinnahmen bei wenigstens gleich bleibenden, wenn’s geht natürlich fallenden Ausgaben. Die kurzsichtige Idee, sich auf Kosten der „zu teuren“ heimischen Kräfte gesundzustoßen, indem man die Produktion in die Niedriglohnländer auslagerte, rächt sich nun aber in sofern, als die Steuereinnahmen nicht wesentlich steigen, zugleich aber die Ausgaben unablässig wachsen. Ja, der einzige Bereich, wo wir noch konstantes Wachstum haben, sind die Ausgaben. Die steigende Zahl der Arbeitslosen und sozial Bedürftigen einerseits, die zunehmende Zahl an Rentnern und Pensionären andererseits und natürlich die Explosion bei den Gesundheitskosten führen dazu, dass die Defizite stetig wachsen. Und dabei hat die Rezession noch nicht einmal richtig begonnen.

So richtig finster wird es dabei in Europa in den schwächeren Ländern der Eurozone im Süden. Die sind vor allem deswegen nahe am k.o., weil sie zuvor auf ungesund schnelle Weise von den Vorteilen der Eurozone profitierten. Die Großunternehmen in Frankreich, Benelux, Deutschland & Co. lagerten wachsende Teilbereiche ihrer Produktion zu Beginn der Währungsunion in diese Länder aus, die mit niedrigeren Löhnen lockten. Das führte dazu, dass die Lage am Arbeitsmarkt sich dort besserte, die Menschen das Gefühl eines ebenso rapiden wie soliden Aufschwungs bekamen und sich ihren Wohlstand schon mal vorsorglich auf Pump beschafften. Aber die Immobilienpreise stiegen, die Kosten der normalen Lebenshaltung auch. Und je mehr sich Wohlstand und Lohnniveau den anderen Euroländern anglich, desto weniger attraktiv wurden diese Länder als Produktionsstandorte. Das steigerte die Arbeitslosigkeit wieder und führte dazu, dass die momentan notleidenden Privatkredite Rekordstände erreichen. Zu viele haben zu viel Schulden … ein Problem, das in den USA trotz des Gewitters der Subprime-Krise immer noch herrscht und in Europa nun ebenfalls zu finden ist. Das drückt auf den Konsum – nicht zuletzt deswegen, weil die Banken nun natürlich angesichts der zugespitzten Lage umso restriktiver bei der Kreditvergabe vorgehen. Die Folge: Die Steuereinnahmen sinken, die Ausgaben des Staates steigen … mit jedem Prozent neuer Arbeitsloser immer schneller.

Also noch einmal im Schnelldurchlauf: Europa und die USA sitzen in einer Sackgasse fest, die sich in stagnierendem Konsum und steigenden Staatsausgaben manifestiert. Wachstum zu generieren klappt nur mit temporären Kniffen, weil einerseits keine neuen, innovativen Wachstumsbranchen hinreichender Größenordnung existieren und andererseits die Bevölkerung zusehends in der Breite ärmer wird und oft ohnehin schon überschuldet ist.
Wachsen können momentan nur die neuen Industriezonen der BRICS-Staaten, wovon Europa und die USA aber immer weniger profitieren. Und die Möglichkeiten künstlicher Anreize durch niedrige Zinsen greifen nicht – denn niedriger als jetzt können sie kaum werden. Neue, glaubwürdige Stimuli durch Regierungen oder Notenbanken müssten erst erfunden werden.

Das alleine ist schon übel genug. Aber jetzt fügen wir noch das letzte Steinchen ins Mosaik: den Sparwahnsinn. Also:

Wir haben in den Problemländern – die südliche Eurozone ebenso wie die USA – ein schnell steigendes Staatsdefizit, weil die Schere zwischen Steuereinnahmen und Staatsausgaben immer weiter auseinander klafft. Und was tut man dagegen? Anstatt die klassische Methode anzuwenden und Geld in die Hand zu nehmen, um die Probleme zu reparieren, tut man diesmal das Gegenteil. Man entzieht der Wirtschaft Geld. Man versucht, die Staatsausgaben zu senken, indem man zwar Billionen an Geld erschafft, es aber nicht in die Konjunktur pumpt, sondern in Banken und Anleihen. Gleichzeitig bekommt die Bevölkerung insgesamt eine Sparsuppe vorgesetzt, an der sie erstickt. Denn je weniger Bevölkerung und Unternehmen an freiem Kapital haben, desto weniger kann investiert und konsumiert werden. Konsequenz:

Die Wirtschaft gerät durch fallenden Konsum noch mehr unter Druck, die Unternehmen rationalisieren weiter. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Ergo: Die Steuereinnahmen sinken weiter, die Staatsausgaben insbesondere im Sozialbereich steigen weiter. Die Milliarden, die dafür ausgegeben werden, die Zinsen am Anleihemarkt zu drücken, helfen da nur wenig. Sie stellen sicher, dass die Refinanzierung des Staates zu einigermaßen niedrigen Zinsen erfolgen kann. Aber zum einen steigt der Bedarf trotzdem immer weiter, zum anderen kann man gerade im Süden Europas nur Zinsen sicherstellen, die trotzdem noch höher sind als die, die man vorher für auslaufende und nun zu ersetzende Anleihen bezahlen musste.

So wird alles also sukzessive schlimmer. Und der Fehler, ausgerechnet jetzt auf die Idee zu kommen, die Staatsdefizite zu drücken, nachdem man vorher jahrzehntelang damit Schindluder trieb, ist ein weitaus fatalerer Fehler als 1929, als die US-Notenbank die Zinsen anhob, statt sie zu senken. Was wäre statt dessen zu tun?

Da wir in Europa und den USA kein Wachstum mehr generieren können, das ausreicht, um das Kartenhaus an Schulden aufrecht zu erhalten, müsste man gezielt versuchen, Wachstum andernorts zu schaffen. BRICS ist als Eldorado vom Tisch, viele Regionen Asiens und Afrikas aber noch nicht. Diesen Regionen zu stabilen Wirtschaftsräumen zu verhelfen, würde auch in Europa und den USA viele Arbeitsplätze sichern. Es wäre dringend nötig, die Differenz zwischen zu zahlenden und geforderten Zinsen bei den Banken zu verringern. Geld hereinholen quasi umsonst, aber 12% Dispozinsen? Dazu müsste man den Großbanken verbieten oder verleiden, an den Finanzmärkten herumzuzocken und die Kreditvergabe an Industrie und Bürger im nötigen Umfang sicherzustellen. Wer nicht mitzieht, wird verstaatlicht oder verliert die Banklizenz. Zudem muss die Sparpolitik im Süden Europas umgehend einer gezielten Strukturpolitik weichen. Was bedeuten würde, die Eurozone zu teilen oder zu verkleinern und den schwachen Ländern mit einem hinreichend großen Schuldenschnitt eine Stabilisierung zu ermöglichen. Der Schnitt in Griechenland hätte reichen können, würde man nicht durch scheinbar gezielt falsche Politik jedes Vertrauen dort wie weltweit untergraben.

Und das ist letztlich ja der Punkt: Vertrauen. Ob Anleger oder ganz normale Bürger, ob Regierungen oder institutionelle Investoren – man vertraut den Politikern und Notenbankern nicht mehr. Entweder, weil man ihren falschen Weg erkennt oder einfach nur, weil man registriert, dass vollmundigen Sprüchen keine Erfolge folgen. Und diese können sich offensichtlich entweder nicht entschließen, kurzfristig schmerzhafte Maßnahmen durchzusetzen, statt wie jetzt einen Schrecken ohne Ende zu generieren … oder sie sind außerstande, sich gegen diejenigen, die von der momentanen Sackgasse reich profitieren, durchzusetzen. Wahrscheinlich ist es beides. Aber das ist die Basis. Vertrauen zurück zu gewinnen hieße Arbeitsplätze zu schaffen, Investitionen zu generieren. Vertrauen ist die Basis, vieles ginge dann von alleine. Aber genau dieses Vertrauen haben sich diejenigen, die momentan hoffen, dass das böse Ende erst ihre Nachfolger im Amt erwischt, verspielt.

So sitzen wir in der Patsche … und rutschen Monat um Monat tiefer hinein. Und wie schon oft erläutert macht zum Teil gerade das den momentanen Kursanstieg bei Aktien und Rohstoffen aus – sinkende Zinsen und dazu ein völliges ausblenden der Realität. Denn Letzteres gelingt umso leichter, je größer die Bedrohung ist, wie wir aus der Geschichte schon oft genug haben lernen müssen. Was dazu führt, dass die Zahl der Lemminge, die sich tumb und taub in Richtung Abgrund führen lassen, noch schneller wächst als die Staatsverschuldung. Aber umso brutaler wird das – wenngleich nicht vom Zeitpunkt her vorhersagbare – böse Ende werden.

Ich rechne fest damit – aber ich wäre sofort bullish, ja förmlich in Goldgräberstimmung, würde man nur einige der zwingendsten Maßnahmen, um sich aus diesem Irrsinn wieder herauszuziehen, angehen. Nur: Da können wir wahrscheinlich lange warten. So lange, bis es noch schwieriger, noch schmerzhafter, noch langwieriger wird, die Weltwirtschaft wieder in die Spur zu bringen. Etwas anderes würde meinen bisherigen Erfahrungen bezüglich der Politik widersprechen. Aber:

Ich finde, sich dessen bewusst zu werden und sich darauf einzustellen, ist nötig, reicht aber nicht. Die meisten, die diese Kolumne lesen werden, wissen eh um die Problematik. Diejenigen aber, die sich bewegen müssten, erreicht sie nicht. Weder die Politik noch die desinteressierte Mehrheit. Was also ändert sie? Zu wenig. Ich meine, all diejenigen, die meinen, es müsse sich etwas ändern, sollten das auch aktiv betreiben. Nicht nur durch Artikel oder Aktivitäten, sondern auch, indem sie sich selbst eine Stimme verleihen. Natürlich bei Wahlen, denn sich dort einzubringen ist nötig, daheim zu bleiben einfach nur dumm. Aber warum nicht auch aktiv in Parteien agieren? Selbst, wenn man dort nicht in die entscheidenden Positionen vorstoßen kann, weil dort diejenigen sitzen, die Mittel und Wege haben, sich ihre warmen Stühle zu sichern, so hat man dort doch eine Stimme, die mehr wiegt als die eines normalen Wählers. Ich meine, in einer Lage wie dieser ist jeder Versuch, mitzuhelfen, den Karren zu wenden, von Bedeutung. Hauptsache, wir tun etwas!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)

 

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7 Kommentare auf "Warum wir diesmal in der Patsche sitzen bleiben"

  1. EuroTanic sagt:

    Für mich sind die zwei System Amerika und China zwei Seiten einer Medaille. In beiden Systemen will eine kleine Gruppe von Menschen den Massen vorschreiben, was sie zu tun, zu lassen und zu denken haben. In beiden System ist der Bürger unfrei und nur Mittel zum Zweck, der ausgebeutet und entsorgt wird, sobald man ihn nicht mehr braucht. Für mich sind Kapitalismus in der jetzigen Form und der Realkommunismus das selbe. Sie werden auch von den selben Bankstern finanziert und beraten.
    Warum redet man also nicht von den Strippenziehern/Regisseuren, anstatt von Schauspielern?

    • FDominicus sagt:

      Nun in gewisser Weise haben Sie recht. Das ganze kann man unter Interventionismus zusammen fassen. Es gibt aber doch einen „fundamentalen“ Unterschied, in Amerika können Sie sagen Obama ist ….
      , in China sollten Sie sich hüten Funktionären zu sehr auf die Füße zu treten. China ist war Meinungsfreiheit angeht aber so was von hinter den USA, daß sich da ein Vergleich m.E verbietet.

      Die Probleme in beiden Ländern sind aber sehr ähnlich. Zu viel Kredit und Blasen prägen das „Erscheinungsbild“. Das Erpressungspotential der Chinesen kann man aber ruhig „atemberaubend“ nennen. Mehr als 1 Billion an USD Anleihen, daß hat schon etwas.

      Aber Ihnen geht es da wohl wie uns mit anderen Staaten, der Schuldner wird nicht „fallen“ gelassen…. Ergo kann man damit rechnen das Anleihegeld der Chinesen wird in Käufe weltweit umgemünzt werden..

      Wenn ich die Wahl zwischen der Weltmacht USA oder China hätte, viele mir die Wahl nicht schwer….

  2. FDominicus sagt:

    Ich kann Ihnen hier nicht folgen. Und übereinstimmen kann ich auch nicht mit Ihnen. Es ist nicht „mein“ Problem ob und wer sich was wo und wann kauft. Ich weiß auch schon gar nicht was da nächste „große“ Ding wird. Ist mir auch egal, ich weiß aber das die Schulden weltweit explodierten, und das kann niemals auf Dauer funktionieren.

    Schnell reich werden – ist Snakeoil. Ja man kann Glück haben und ein Bill Gates werden, nur weiß man eben nicht „wenn“ es erwischt. Spielt aber auch keine Rolle. Mit stabilem Geld, weniger Betrug und vor allem weniger Interventionismus käme man gut hin. Leider geht es genau in die Gegenrichtung, Inflation, Gesetzesbrüche und mehr Eingriffe (gegen/für) alles und jeden. Die immer weiterführenden Eingriffe gegen den Markt, signalisieren nicht mehr den Wunsch von Kunden sondern den Eingriffswillen der „Eliten“. Genau das ist der Kern des ganzen Problems und nicht „knappe“ Arbeit .,

    • zweifel sagt:

      Vollkommene Zustimmung. Mit dem kleinen Zusatz, dass Schulden ja immer das Spiegelbild von Vermögen sind, Sie also oben auch hätten schreiben können:

      „Ist mir auch egal, ich weiß aber das die Vermögen weltweit explodierten, und das kann niemals auf Dauer funktionieren.“

  3. Unke sagt:

    edit** vom Hausmeister gelöscht

  4. 4fairconomy sagt:

    Klasse Analyse, gerne gelesen!

    Warum braucht es Wachstum, warum braucht es immer eine gewinnbringende Investitionsmöglichkeit, damit der Karren nicht im Sumpf stecken bleibt?

    Auf den Punkt gebacht ist es dies: die Erwerbstätigen müssen mehr produzieren, als sie mit ihrem Einkommen kaufen können. Diese Mehrproduktion muss aber abgesetzt werden können, um die Kapitalerträge zu finanzieren. Wer kauft diese Mehrproduktion? Die Empfänger der Kapitalerträge? Die sind zur Mehrheit schon mehr als satt und können die extrem hohen Kapitalerträge schon lange nicht mehr in Konsum verwandeln. Also müssen diese Kapitalerträge via Anlagen nachfragewirksam werden. Dies werden sie aber nur, wenn sich dies genügend rentieren.

    Oder der Staat springt in die (Nachfrage-)Lücke und konsumiert auf Pump – mit eben dem Geld welches sich auf den Finanzmärkten ansammelt. Beliebt ist auch der Export: damit lassen sich im Innland mehr Güter produzieren, als im Inland nachgefragt werden können, womit sich ebenfalls die Kapitalerträge finanzieren lassen. Nur können weltweit nicht alle immer mehr Exportieren als Importieren.

    Das Grundproblem ist letztlich, dass die Kapitalerträge sich nicht nach Unten der Konjunktur anpassen können, ohne, dass nicht mehr investiert und sogar desinvestiert wird. Ohne ein exponentielles Vermögenswachstum zu generieren, sind Investitionen unattraktiv.

    Und das liegt letztlich an dem garantierten Mindestzins von 0% für Ersparnisse, also für Einnahmenüberschüsse, welche angelegt werden sollen. Dies geschieht nur bei Aussicht auf einer Rendite, welche genügend über diesem Mindestzins liegt.

    Somit zwingt unser Geldsystem zum Wachstum, denn nur so lassen sich die exponentiell wachsenden Vermögen finanzieren. Ohne Wachstum geht die Finanzierung dieses Vermögenswachstum auf Kosten der Erwerbseinkommen, welche real abnehmen was die Absatzproblematik verschärft und letztlich in eine deflationäre Abwärtsspirale führt. Mit Staatsausgabn auf Pump, welches die Illusion wachsender Vermögen auch aufrecht erhält (denn Schulden = Vermögen), kann eine Zeit lang diese Abwärtsspirale aufgehalten werden.

    So lange für das Nicht-Investieren ein garantierter Zins von 0% existiert, solange gibt es nur zwei Entwicklungmöglichkeiten: exponentielles Wachstum oder Crash des Systems. Ein Mittelweg ist nich möglich. Und weil ein ewiges exponentielles Wachstum eh eine Utopie ist, gibt es im Endeffekt nur ein Ausgang. Dies wurde von Ökonomen wie Paul C.Martin oder freiwirtschaftlichen Ökonomen schon vor Jahrzehnten vorausgesehen: wir haben ein auf ein Crash programmiertes Wirtschaftssystem, d.h. es funktioniert wie ein Schneeballsystem.

  5. Larkin sagt:

    Irgendwie widerspricht sich der Autor :

    Seite 2 :

    „Das alleine ist schon übel genug. Aber jetzt fügen wir noch das letzte Steinchen ins Mosaik: den Sparwahnsinn. Also:

    Wir haben in den Problemländern – die südliche Eurozone ebenso wie die USA – ein schnell steigendes Staatsdefizit, weil die Schere zwischen Steuereinnahmen und Staatsausgaben immer weiter auseinander klafft. Und was tut man dagegen? Anstatt die klassische Methode anzuwenden und Geld in die Hand zu nehmen, um die Probleme zu reparieren, tut man diesmal das Gegenteil. Man entzieht der Wirtschaft Geld.“

    Die als Lösung nahe gelegte, ‚klassische‘ Methode aber wird auf Seite 1 schon verworfen :

    „In früheren rezessiven Phasen war es das klassische Mittel, Geld in die Hand zu nehmen und so die Konjunktur wieder anzukurbeln. Da man nicht unmittelbar am Konsum ansetzen kann (was man 2009 dann doch mal versuchte – Abwrackprämie und Steuergeschenke für Hauskäufer etc., was aber, wie wir heute sehen, nichts brachte), machte man das über Infrastruktur. Straßen, sozialer Wohnungsbau usw. brachten mehr Menschen in Lohn und Brot, die wiederum mehr konsumieren konnten, was den anderen Branchen wieder auf die Füße half … und nach und nach begannen sich die Räder wieder zu drehen. Das funktioniert jetzt aber nicht mehr.“

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