Warum wir alle Hamster sind…

24. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

Gastbeitrag von „The German Persepktive“

Als Kind hatte der Verfasser dieser Zeilen einen Goldhamster namens „Mister Balls“. Sein Name entstammte nicht etwa des enormen Skrotums dieses mäuseartigen Wühlers, sondern vielmehr daraus, dass das Haustier stets die ihm überbrachte Nahrung sammelte und dabei die Backentaschen so voll steckte, dass links und rechts an seinem Kopf kugelrunde Ausbuchtungen in Form zweier Bälle entstanden…

Jedenfalls liebte ich Mister Balls sehr. Er war mein Mitbewohner, Freund und Spielkamerad. Ich hatte für Mister Balls in seinem Käfig quasi eine eigene Welt mit verschiedenen Etagen, Höhle und Futterschale geschaffen. Auch erinnere ich mich, dass mich Mister Balls nachts gern dadurch aufweckte, dass er stundenlang das Laufrad in seinem Käfig auf Drehzahl brachte und dieses irgendwann unter seinen Anstrengungen anfing zu quietschen.

Bei genauer Betrachtung lebte Mister Balls aber auch unter einem von mir geschaffenen „Regime“. Ich war derjenige der ihn beschäftigte, ihn mittags aufweckte um mit ihm – zu für Hamster eigentlich nachtschlafender Zeit – zu spielen, ich sorgte für Futter, Wasser, Licht und Wärme und natürlich für das Hamsterrad in dem er gefühlt bis nach Rom gelaufen war und doch nie ankam. Von mir geschaffene Einrichtungen gaben seinem Leben scheinbar erst einen gewissen Sinn. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Mister Balls unter meinem Regime nicht viel gelitten haben kann, denn er verstarb erst in einem – für Hamster – biblischen Alter von drei Jahren und entschlief dabei ruhig in seiner Höhle aus Sägemehl umgeben von seinen Habseligkeiten (bestehend hauptsächlich aus Körnern und Möhren). Ich hoffe mein Hamster war glücklich.

Als ich nun unlängst die Jahresabrechnung meines Stromanbieters öffnete, meine Jahressteuererklärung machte und einen Strafzettel bezahlte, erinnerte ich mich nach Jahren plötzlich wieder an Mister Balls. Denn schon seit einigen Jahren beschleicht mich das Gefühl, dass wir alle – wie einst mein Hamster – in einem Regime leben, dass speziell geschaffen wurde um uns zu beschäftigen.

So durchläuft auch unser Leben verschiedene Ebenen, auch wir werden von „höheren Stellen“ mit Aufgaben und Arbeit versorgt, wir alle haben unsere Höhlen in die wir unsere Habseligkeiten schleppen und sind doch irgendwie Tag für Tag oder Nacht für Nacht damit beschäftigt unser Hamsterrad auf Touren zu bringen. Und dabei kommen wir – genau wie Mister Balls – scheinbar niemals da an wo wir eigentlich hin wollten.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass obwohl ich in meinem Haus alle Glühlampen gegen Hightech-LED-Beleuchtung ausgetauscht und neue Küchengeräte in Effizienzklasse A+++ angeschafft habe, die Heizungspumpen erneuert und das Dach gedämmt wurde, kaum wirklich Energiekosten spare. Es stimmt zwar, dass ich heute weniger Energie verbrauche als noch vor einigen Jahren, doch die steigenden Kosten für Strom, Gas und Wasser machen diese Einsparungen schnell zunichte. Weiterhin musste ich vor kurzem feststellen, dass die Gehaltserhöhung die ich dieses Jahr erarbeiten konnte, sich leider kaum auf mein Nettoeinkommen auswirkt (kalte Progression lässt grüßen!).



Statt also hamstern zu können, bin ich vielmehr damit beschäftigt noch etwas schneller in meinem Rad zu laufen.

Selbiges gilt für die zunehmenden Einschränkungen im täglichen Leben die sich Stück für Stück und Zug um Zug in unsere aller Leben festsetzen. Die entsprechenden Beschränkungen sind anfangs unmerklich und werden uns gern unter irgendeinem griffigen Stichwort wie „Sicherheit“, „Terrorbekämpfung“, „Euro-Rettung“, „Steuergerechtigkeit“ oder „Umweltschutz“ usw. verkauft. Für sich genommen sind diese Begriffe durchaus schätzenswert, das Problem ist nur, dass die Dinge die daraus entstehen uns alle mehr und mehr begrenzen, beschäftigen und unser Leben mehr belasten. In den letzten Jahren schon mal mit einem Nagelzwicker in der Tasche in die Sicherheitskontrolle am Flughafen geraten? 5 km/h zu schnell „gerast“? Oder den Kaminfeger nicht rechtzeitig ins Haus gelassen? Sie wissen was ich meine…

Denken wir an unser aller Leben, stellen wir schnell fest, dass das Hamsterrad in dem wir alle laufen längst deutlich hörbar quietscht. Das Rad quietscht, weil wir uns mehr und mehr anstrengen, es aber gleichzeitig mehr und mehr Widerstand leistet. Wo das hinführt? Niemand weiß es.

Selbst Mister Balls hatte es da besser.

Balls hatte außer dicken Backen kein Sparkonto. Balls hatte außer seinem Sägemehlimperium keine Eigentumswohnung oder gar eine ladungsfähige Anschrift (denn selbst seine Höhle ging regelmäßig beim Ausmisten verloren). Manchmal scheint es mir Mr. Balls hatte deshalb auch deutlich weniger Probleme. Ihn habe ich nie eine Steuererklärung ausfüllen sehen, niemals wurde ihm die Dämmung seiner Höhle von Amtswegen vorgeschrieben und kein einziges Mal scherte er sich um seine Krankenkassenbeiträge. Hamster Balls tat was Hamster so tun. Er konnte sogar, wenn er wollte, einfach aus seinem Rad aussteigen, was er auch immer wieder tat, nämlich dann wenn er genug hatte.
Zugegeben Hamster haben keine Uni-Abschlüsse und beherrschen auch nicht die Welt. Dennoch hat auch die kleine Existenz eines noch kleineren Nagers durchaus seinen tieferen Sinn. Hamster tun das was Hamster tun. Und wenn irgendwann Menschen wieder das tun, was Menschen so tun, wann merken wir dann, dass es genug ist mit dem Hamsterrad?




 

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7 Kommentare auf "Warum wir alle Hamster sind…"

  1. stonefights sagt:

    Vieles wäre zu sagen, zu erst jedoch DANKE für die Arbeit.

    Um im Bild zu bleiben, warum „hamstert“ der Hamster ?
    Vielleicht ist er sich einfach nur unsicher, ob der Junge morgen auch noch von oben die guten Möhren herunter reicht.
    Vielleicht ist die Antwort aber auch viel simpler. Ein tief vergrabenes Programm, dass bereits alle Jahrtausend-Wechsel ohne Fehler überstanden hat, befiehlt seiner kläglichen Existenz zwischen Leben und Tod, in guten Zeiten zu sammeln, um in schlechten Zeiten zu überleben.
    Oder kann man einen mit Eis und Schnee bedeckten Acker bestellen ?

    Weitere Fragestellungen für ein solches Bild könnten sein:
    Würde der Hamster Möhren vergraben, wenn er von seinen bevorstehenden Tod wüsste ?
    Wäre das vielleicht der einzige Grund, warum der Geburtstag gefeiert, der Todestag jedoch bis zum Schluss geheim bleibt ?
    Hätte er Nachkommen, würden die Körner auch für sie an einem solchen Vorabend noch gesammelt werden ?
    Wäre Verantwortungsgefühl oder doch lediglich Arroganz, nur er könne vor- oder besser versorgen, die Ursache hierfür ?

    aber warum rennt der Hamster im Rad ?
    Mit dieser Frage wird das Bild verschwommener.
    Man müsste unterstellen, der Hamster hat Angst, ohne Rennen keine Möhren mehr zu bekommen.
    Es kann aber auch einfacher beantwortet werden.
    Entweder er ist einfach zu doof und meint wissen zu wollen wo der Weg noch so hinführt,
    oder er ist schlau und bekämpft damit seine Langeweile gegen den Überfluss, der jeden
    Tag die mögliche Anstrengung fürs Überleben zunichte macht, sowie die Fettleibigkeit und damit seinen verfrühten Tod, die ohne die Bewegung entstehen würde.

    Was ist also die Essenz von Hamstern und Rennen.
    Würde er mehr sammeln, als er oder seine Nachkommen je vertilgen könnten, so würde es vertrocknen oder verfaulen, die Menge und die Rahmenbedingungen der Vorsehung (z.B. wann kommt der nächste Nachschub) macht wohl den Unterschied zwischen Gut und Schlecht.
    Würde er schneller oder länger laufen, als seine innere Intuition, so würden die natürlichen Ressourcen dem ganzen Treiben ein Ende bereiten,
    würde er zu langsam oder zu kurz laufen, so würden auch hier – wenn auch verzögert – natürliche Entwicklungen dem Treiben ein Ende setzen.
    Die richtige Geschwindigkeit – gerne auch mal mit Zwischensprints – gepaart mit richtig dimensionierten Pausen macht wohl den Unterschied zwischen Gut und Schlecht.

    lg, stonefights

  2. DerSkeptiker sagt:

    Super Artikel. Genau diese Sichtweise vertrete ich schon seit Jahren. Wir sind alle Hamster. 😀

  3. CGB sagt:

    Grüße an Mr. Balls! Sehr schön geschrieben!

  4. samy sagt:

    Schön geschrieben. Besinnlich, gerade recht.

    Goldhamster übrigens, wir ahnen es, betrachten gerne das Rad nachdenklich von außen.

    Weihnachtliche Grüße.

  5. Michael sagt:

    Der Hamster spart real, diesen Vorzug genießt er gegenüber uns.

    Der Goldhamster im Rad ist ja eine Sache, aber der Hamster im goldenen Rad eine andere. Ich habe mir auch irgendwann mal die Frage gestellt, zahlt sich das aus. Nein. Wir werden in paar Jahen das Ende ‚der‘ Arbeit erleben. Also hören wir gleich damit auf und arbeiten. Ohne dem wird es nicht gehen. Aber nicht zuviel, denn Häschen haben viel Spaß am Radl aber nicht im Radl.

    Frohe Weihnachten!

  6. jules sagt:

    allen ein frohes und besinnliches fest!

    tut mir leid, aber wer so bescheuert ist und in diesem land noch anschaffen geht und sich vom zuhälter, äh fürsorger mal sofort rund die hälfte abnehmen lässt und im folgenden nochmal 20-30%, der muss schon ordentlich was an der marmel haben!

    sowas würde selbst einem hamster nicht in den sinn kommen 😉

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