Warum wir alle Hamster sind…

1. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

Gastbeitrag von „The German Persepktive“

Als Kind hatte der Verfasser dieser Zeilen einen Goldhamster namens „Mister Balls“. Sein Name entstammte nicht etwa des enormen Skrotums dieses mäuseartigen Wühlers, sondern vielmehr daraus, dass das Haustier stets die ihm überbrachte Nahrung sammelte und dabei die Backentaschen so voll steckte, dass links und rechts an seinem Kopf kugelrunde Ausbuchtungen in Form zweier Bälle entstanden…

Jedenfalls liebte ich Mister Balls sehr. Er war mein Mitbewohner, Freund und Spielkamerad. Ich hatte für Mister Balls in seinem Käfig quasi eine eigene Welt mit verschiedenen Etagen, Höhle und Futterschale geschaffen. Auch erinnere ich mich, dass mich Mister Balls nachts gern dadurch aufweckte, dass er stundenlang das Laufrad in seinem Käfig auf Drehzahl brachte und dieses irgendwann unter seinen Anstrengungen anfing zu quietschen.

Bei genauer Betrachtung lebte Mister Balls aber auch unter einem von mir geschaffenen „Regime“. Ich war derjenige der ihn beschäftigte, ihn mittags aufweckte um mit ihm – zu für Hamster eigentlich nachtschlafender Zeit – zu spielen, ich sorgte für Futter, Wasser, Licht und Wärme und natürlich für das Hamsterrad in dem er gefühlt bis nach Rom gelaufen war und doch nie ankam. Von mir geschaffene Einrichtungen gaben seinem Leben scheinbar erst einen gewissen Sinn. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Mister Balls unter meinem Regime nicht viel gelitten haben kann, denn er verstarb erst in einem – für Hamster – biblischen Alter von drei Jahren und entschlief dabei ruhig in seiner Höhle aus Sägemehl umgeben von seinen Habseligkeiten (bestehend hauptsächlich aus Körnern und Möhren). Ich hoffe mein Hamster war glücklich.

Als ich nun unlängst die Jahresabrechnung meines Stromanbieters öffnete, meine Jahressteuererklärung machte und einen Strafzettel bezahlte, erinnerte ich mich nach Jahren plötzlich wieder an Mister Balls. Denn schon seit einigen Jahren beschleicht mich das Gefühl, dass wir alle – wie einst mein Hamster – in einem Regime leben, dass speziell geschaffen wurde um uns zu beschäftigen.

So durchläuft auch unser Leben verschiedene Ebenen, auch wir werden von „höheren Stellen“ mit Aufgaben und Arbeit versorgt, wir alle haben unsere Höhlen in die wir unsere Habseligkeiten schleppen und sind doch irgendwie Tag für Tag oder Nacht für Nacht damit beschäftigt unser Hamsterrad auf Touren zu bringen. Und dabei kommen wir – genau wie Mister Balls – scheinbar niemals da an wo wir eigentlich hin wollten.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass obwohl ich in meinem Haus alle Glühlampen gegen Hightech-LED-Beleuchtung ausgetauscht und neue Küchengeräte in Effizienzklasse A+++ angeschafft habe, die Heizungspumpen erneuert und das Dach gedämmt wurde, kaum wirklich Energiekosten spare. Es stimmt zwar, dass ich heute weniger Energie verbrauche als noch vor einigen Jahren, doch die steigenden Kosten für Strom, Gas und Wasser machen diese Einsparungen schnell zunichte. Weiterhin musste ich vor kurzem feststellen, dass die Gehaltserhöhung die ich dieses Jahr erarbeiten konnte, sich leider kaum auf mein Nettoeinkommen auswirkt (kalte Progression lässt grüßen!).

Statt also hamstern zu können, bin ich vielmehr damit beschäftigt noch etwas schneller in meinem Rad zu laufen.

Selbiges gilt für die zunehmenden Einschränkungen im täglichen Leben die sich Stück für Stück und Zug um Zug in unsere aller Leben festsetzen. Die entsprechenden Beschränkungen sind anfangs unmerklich und werden uns gern unter irgendeinem griffigen Stichwort wie „Sicherheit“, „Terrorbekämpfung“, „Euro-Rettung“, „Steuergerechtigkeit“ oder „Umweltschutz“ usw. verkauft. Für sich genommen sind diese Begriffe durchaus schätzenswert, das Problem ist nur, dass die Dinge die daraus entstehen uns alle mehr und mehr begrenzen, beschäftigen und unser Leben mehr belasten. In den letzten Jahren schon mal mit einem Nagelzwicker in der Tasche in die Sicherheitskontrolle am Flughafen geraten? 5 km/h zu schnell „gerast“? Oder den Kaminfeger nicht rechtzeitig ins Haus gelassen? Sie wissen was ich meine…

Denken wir an unser aller Leben, stellen wir schnell fest, dass das Hamsterrad in dem wir alle laufen längst deutlich hörbar quietscht. Das Rad quietscht, weil wir uns mehr und mehr anstrengen, es aber gleichzeitig mehr und mehr Widerstand leistet. Wo das hinführt? Niemand weiß es.

Selbst Mister Balls hatte es da besser.

Balls hatte außer dicken Backen kein Sparkonto. Balls hatte außer seinem Sägemehlimperium keine Eigentumswohnung oder gar eine ladungsfähige Anschrift (denn selbst seine Höhle ging regelmäßig beim Ausmisten verloren). Manchmal scheint es mir Mr. Balls hatte deshalb auch deutlich weniger Probleme. Ihn habe ich nie eine Steuererklärung ausfüllen sehen, niemals wurde ihm die Dämmung seiner Höhle von Amtswegen vorgeschrieben und kein einziges Mal scherte er sich um seine Krankenkassenbeiträge. Hamster Balls tat was Hamster so tun. Er konnte sogar, wenn er wollte, einfach aus seinem Rad aussteigen, was er auch immer wieder tat, nämlich dann wenn er genug hatte.

Zugegeben Hamster haben keine Uni-Abschlüsse und beherrschen auch nicht die Welt. Dennoch hat auch die kleine Existenz eines noch kleineren Nagers durchaus seinen tieferen Sinn. Hamster tun das was Hamster tun. Und wenn irgendwann Menschen wieder das tun, was Menschen so tun, wann merken wir dann, dass es genug ist mit dem Hamsterrad?

 

5 Kommentare auf "Warum wir alle Hamster sind…"

  1. Falkenauge sagt:

    Ein sehr schöner Aufsatz. Vielen Dank.
    Die ganze Gesellschaft dient nicht dem Menschen, sondern der Mensch muss dem System, bzw, den in ihm Herrschenden und Privilegierten dienen. Das ist die prinzipielle Ursache des Hamsterrades.
    Ich glaube, wir müssen ganz umdenken und eine Gesellschaftsordnung nicht von der Gesellschaft aus denken, in die dann die Menschen eigefügt werden, sondern vom Menschen aus, dem sie dienen soll.

    Grundsätzliche Überlegungen dazu, die zum Jahreswechsel als Anregung dienen kann, siehe:
    https://fassadenkratzer.wordpress.com/2015/08/25/der-mensch-als-mass-der-gesellschaft/

  2. bluestar sagt:

    Ja, der Hamsterkäfig für die vernunftbegabten Wesen ist schon clever aufgebaut.
    Perfekt konditioniert von den „höheren Stellen“ und deren Ideologie rennen alle freiwillig und engagiert den Wettlauf um den perfekten Hamster, welcher wiederum die Vernunftbegabung degeneriert.
    Ununterbrochene Beschäftigung ist dabei sehr wichtig, ansonsten entsteht zu viel Zeit zum Nachdenken, kritischen Fragen und Erkenntnissen, die wiederum extrem gefährlich für die Besitzer des Zookäfigs werden könnten.
    Und wenn es doch mal ruhig und friedlich im Käfig zugeht, muss ganz schnell Chaos, Angst, Verwirrung, Ablenkung, Ohnmacht und Hass erzeugt werden. Das sichert den Ruf nach mehr Regulierung und Kontrolle durch die „höhere Stellen“ und dokumentiert den vollständigen Verlust der Vernunftbegabung.
    „Wir schaffen das schon“ höre ich da eine Frau sprechen, die von der Mehrheit der Deutschen geliebt und verehrt wird. Richtig, alle Hamster einen Zahn zulegen bittschön. Mr. Balls hätte da wohl nicht mitgemacht, manchmal bewirken programmierte Gehirne auch das Gegenteil von Vernunft.

  3. Pipi sagt:

    Ich sehe nur einen entscheidenden Unterschied zwischen Hamster und Mensch. Der Hamster kann aus dem Rad einfach aussteigen und sich anderweitig beschäftigen, wenn er will. Als Mensch ist das fast unmöglich, obwohl die westlichen Staaten eigentlich aus freien Bürgern bestehen. Dafür „dürfen“ die „großen Hamster“ aber länger im Rad laufen. Demnächst vielleicht sogar bis sie oder das Rad zuerst kaputt gehen. Frohes Neues Jahr und Ohren steif halten.

    • Doch, doch, der Mensch kann sein Hamsterrad verlassen! Und im Gegensatz zum Hamster sogar den Käfig. Das nennt man „Aussteiger“. Dieses Wort kann man sogar positiv sehen.

      Aber die meisten Menschen tun es nicht und das ist doch irgendwie die eigene frei Entscheidung.

      Das Lesen der Geschichte hat mir auch Freude gemacht,
      vielen Dank!

  4. Carlo sagt:

    Von innen betrachtet, wirkt das Hamsterrad wie eine Kar­ri­e­re­lei­ter.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.