Warum Supermärkte selten super sind

29. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Es ist unmöglich geworden, der täglichen Werbeflut aus dem Weg zu gehen. Sie bahnt sich unbarmherzig ihren Weg in heimischen Gefilde und Hirnwindungen – ganz ohne Schlüssel. Und dort wütet sie dann…

Jeder Deutsche schaute im letzten Jahr im Schnitt 232 Minuten fern. Das waren immerhin 84.680 Minuten oder auch 1.411 Stunden bzw. 58,8 Tage. Ich weiß nicht, warum wir das so exzessiv tun. Wenn es schlauer machen würde, müsste man das doch im Alltag sehen. Aber was sollen wir sonst mit der Zeit anfangen, außer sie totzuschlagen, nur weil sie da ist – und nervt? Was glauben Sie, was man sich da alles so einfängt, unter anderem Unmengen an Werbung.

Früher wurden noch neue Produkte mit ganz neuen Eigenschaften beworben. Inzwischen können Waschpulver nicht mehr weißer waschen und Klosteine nicht noch besser spülen. Aber herrlich ist es schon zuzusehen, wie man es dennoch versucht. Werbung hat inzwischen auch manchen Bildungsauftrag übernommen, den die VEB Bildungsindustrie nicht mehr in der Lage ist zu leisten. Ganze Philosophien werden in die Wohnzimmer gefunkt.

Das Witzige ist aber, dass Werbebotschaften mit der Realität nichts zu tun haben müssen. Dahinter steckt ein einfaches Konzept, nämlich Geld an der richtigen Stelle auszugeben, indem man Fiktionen verkauft und gleichzeitig in der Realität Kosten spart. Wo merkt man das besser als im Supermarkt?

Am hübschesten zu beobachten sind die dynamischen Facharbeiter aus den Supermärkten und auch deren Chefs vom heimischen Sofa aus. Sie strahlen wie leckgeschlagene Atomreaktoren. Es gibt sogar Supermärkte, die lieben Lebensmittel. Ja, wer 24 Stunden dort arbeitet, heiratet auch schnell mal einen Kohlrabi oder eine Tüte Reis.

So erfährt man, dass Marktleiter, die um Mitternacht den Laden schließen, das erst dann tun, wenn jeder Kunde glücklich geworden ist. Manchmal dauert so ein Job 16 Stunden am Tag. Unbezahlte Überstunden sind mit dem Jahresgehalt abgegolten.

Was nervt, ist dieser permanente Nachhaltigkeitswahn. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist so inflationär unterwegs wie Erkältungen. Plötzlich sind offiziell alle Unternehmen „nachhaltig“, selbst wenn der Chef mit dem Helikopter herumreist. Grüne Farbe macht die Sache einfach besser. Dazu gehört es auch, die täglichen Tonnen abgelaufener Lebensmittel abends heimlich hinterm Markt zu entsorgen und die Behälter abzusperren. Nicht, dass jemand zu Schaden kommt. Der Umwelt zuliebe…

Nachhaltigkeit ist meist kein Prinzip, sondern Marketinginstrument. Wie nachhaltig der Umgang mit den Mitarbeitern ist, zeigt sich aus persönlichen Gesprächen und der nachhaltigen Steigerung in der Quote bei Burn Outs. Was unterm Strich zählt ist die Marge und keine glücklichen Kühe oder kichernde Gänseblümchen.

„Bio“ ist auch so eine Art von Boom. So viel Fläche gibt es gar nicht, um biologisch anzubauen. Unter dem Label „Bio“ lässt sich aber Füllstoff für den Magen weit teurer verkaufen – mit glücklich lachenden Kindern auf einer ökologisch grün angestrichenen Wiese aus dem Photoshop. Das zieht immer beim deutschen Fernseh-Michel.

Wer mit offenen Augen durch die Gänge der Supermärkte läuft, der weiß, dass deren Geschäftsmodelle auf Preisdumping und schlecht bezahlten Angestellten beruhen. Dazu passt doch auch, wenn modern gestylte Azubis penetrant von ihren Hochglanzpostern im Kassenbereich zwangsgrinsen und für preiswerte Verstärkung fürs Praktikantenstadl werben. Zumindest haben sich dann ein paar ausgegebene Millionen für Werbung und die dadurch eingesparten Milliarden an echten Investitionen mehrfach gelohnt. Und jeder scheint glücklich.

 

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7 Kommentare auf "Warum Supermärkte selten super sind"

  1. EuroTanic sagt:

    Ich schaue nicht fern, seit Jahren, und kauf im Markt nebenan vielleicht monatlich für 20 Euro notwendige Waren ein. Hauptsächlich Klopapier.
    Auf meinem Briefkasten habe ich meinen Einwurfvertrag mit den 95 Briefkasten AGB Artikel angeschlagen.
    Artikel 1. Zustandekommen des Vertrages
    Wer in diesen Schlitz etwas einwirft erkennt konkludent folgendes an:
    a) Ich untersage jeglichen Einwurf in diese Briefkastenschlitz.
    b) Bei Zuwiederhandlungen verpflichtet sich der Absender und der Einwerfer separat jeder/s eingeworfene/s Brief, Paket/Päckchen/Zeitungen/Zettel jeglicher Form, Farbe und Grösse pauschal 100 Euro Entsorgungsgebühren zu zahlen.

    • Argonautiker sagt:

      Konkludent ist ein magisches Wort im Vertragsrecht. Es kann wirklich Einhalt gebieten, und falls Angesprochene sich nicht nicht dran halten, läßt sich herrlich Geld damit verdienen.

      Aber wie bekommen Sie dann Post?

      Im übrigen sollte jeder für sich sein eigenes TTIP schreiben, konkludent versteht sich, und möglichst lang. Dann hängt man sich ein Schild um den Hals, auf dem steht, vor Kontaktaufnahme unbedingt die Vertragsbedingungen lesen. Einige gute Anwälte anstellen, und fertig ist das Geschäftsmodel. Arbeiten? Wozu, im Regelsetzen, darauf warten daß sie verletzt werden, und dann Verklagen, liegt die Zukunft. 🙂

      • EuroTanic sagt:

        Ich bekomme so keine Post, ich will auch keine Post. Wann hat Ihnen zuletzt jemand über den Postweg was Eutes zukommen lassen? Mir noch nie. Was kommt sind Bettelbriefe von klammen Unternemen die mir was andrehen wollen (siehe Artikel oben) oder Bettelbriefe von sogenannte Ämtern die mir ihren Bürokratismus verkaufen wollen.

        • Argonautiker sagt:

          Auch wenn ich schon noch geschriebene Post bekomme und versende, manchmal sogar handgeschriebene mit Füller, haben Sie natürlich Recht, der Postkasten hat sich vornehmlich zu einem Mülleimer verwandelt.

    • Filer sagt:

      Ob der Postbote sich das alles durchliest, so wie die im Stress stehen? Und dann muss er auch noch über die Bedeutung des Wortungetüms „konkludent“ sinnieren. Ich habe es ohne googeln nicht herausgekriegt. Mal ehrlich, übertreiben muss man es nun auch wieder nicht. Kann man ja gleich in den Wald ziehen, wo keine Supermärkte und der Postbote drohend „um die Ecke kommen“.

  2. bluestar sagt:

    “ Ja, wer 24 Stunden dort arbeitet, heiratet auch schnell mal einen Kohlrabi oder eine
    Tüte Reis“
    Da war er wieder, der grandiose Stil des Meisters.
    Danke für den Lacher am Vormittag !!!
    Interessant die Statistik pro Kopf.Da ich einige kenne, die sich TV nur in sehr geringer Dosis zumuten, muss es viele Menschen geben die ununterbrochen vor der Glotze sitzen.
    Dauerfernsehen verblödet wie das Lesen mancher Zeitungen, das ist klar. Dabei sind Nachrichten nicht besser als DSDS und andere Formate fürs satte, träge und unterwürfige deutsche Wahlvolk.

  3. Avantgarde sagt:

    Und die Bezahlung der Angestellten wird wohl nicht besser werden, bestenfalls von ein paar leitenden Angestellten.
    Denn bald werden die Kunden den Verkäuferinnen ihre Arbeit streitig machen.
    Migros experimentiert mit Subito – und auch in D führt man Probeläufe mit Selfservice Kassen durch.
    Das wird wohl kommen und die moderne Technik mit RFID, Mobile und weiteren Finessen wird das alles bald so perfektionieren, daß das wohl zum Normalzustand werden dürfte.
    Nachhaltig ist dabei lediglich die immer weitere Steigerung der Effizienz.

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