Warum sehen die Investoren die Risiken nicht?

15. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Der Ölpreis fiel jüngst unter $ 43 Dollar. Die Autoindustrie – einschließlich 1,2 Billionen Dollar an Auto-Schulden – kommt zum Stillstand. Mittlerweile haben die Restaurants in den USA Schwierigkeiten, ihre Tische voll zu bekommen. Die Konsumenten wollen einfach nicht kaufen…

… vielleicht auch deshalb nicht, weil ihre Einkommen seit Jahrzehnten nicht mehr gestiegen sind.

Der private Hausbesitz ist auf das niedrigste Niveau seit fünfzig Jahren gefallen; ähnlich tief liegt die Beschäftigungsquote. Und die Verbraucherpreisinflation – gemessen vom Bureau of Labor Statistics – fällt. Die Renditen der US-Staatsanleihen fallen auch wieder.

All diese Dinge – und noch viele andere mehr – deuten in die gleiche Richtung: nämlich darauf hin, dass wir bald eine Rezession sehen werden.

Aktienmarkt sieht (noch) keine Rezession

Just in der Zeit werden – in einem parallelen Universum, das in Lower Manhattan zentriert ist – die Aktienkurse immer noch nahe ihrer Allzeithochs gehandelt. Der Aktienmarkt soll – zumindest im Lehrbuch – nach vorne schauen. Es soll mehr als jede einzelne Person sehen. Es soll Anzeichen von Schwierigkeiten erkennen, lange bevor diese mit bloßem Auge sichtbar sind.

Aber er scheint gar nichts zu sehen.

Was ist die Ursache dieser Blindheit? Wer ist schuld? Warum kann die Börse nicht sehen, was in der Realwirtschaft los ist? Die Fed entfernte dem Aktienmarkt schlicht die Augen.

Wir gehen davon aus, dass die Fed den Sehnerv, der die Aktienkurse mit realen Umsätzen und Gewinnen verbindet, abschnitt.

Eine Aktie repräsentiert einen Anteil an einem operativen Geschäft. Investoren haben viele verschiedene Unternehmen zur Auswahl. Bis vor kurzem verbrachten sie einige Zeit, sie kennen zu lernen und dann eine Entscheidung darüber zu treffen, welche sich am ehesten als bestes entwickeln könnten.

Wenn ein Investor einen extrem langen und kalten Winter voraussah, ist es sicher keine schlechte Idee, eine Firma zu kaufen, die Heizöl liefert. Wenn er ein neues Produkt in den Regalen der Supermärkte sah, könnte er vielleicht einen näheren Blick auf das Unternehmen werfen, welches das Produkt hergestellt hat.

Ein anspruchsvoller Investor könnte sogar diverse Abos von Börsendiensten für Value-Aktien kaufen und das Ganze extrem genau prüfen.

Dominanz der Hedgefonds und ETFs

Heute wird der Markt aber von quantitativen Hedgefonds (diejenigen, die mit komplexen Computeralgorithmen operieren) und passiven ETFs dominiert. Aus einem Bericht des unabhängigen Unternehmens 13D Research geht folgendes hervor:

„Über den Anstieg beim passiven Investieren wird ja viel berichtet; doch es gibt komischerweise noch nicht wirklich viele Statistiken darüber. Vanguard, der weltweit größte Anbieter von passiven ETFs, soll laut Bloomberg Nettozuflüsse von $ 2 Milliarden pro Tag im ersten Quartal dieses Jahres gehabt haben.

Laut Wall Street Journal sind nunmehr quantitative Hedgefonds für 27% aller US-Aktiengeschäfte verantwortlich. 2013 waren es nur 14 Prozent. Basierend auf einer aktuellen Bernstein Research-Prognose werden 50% aller verwalteten Vermögenswerte in den USA bis zum Jahr 2018 passiv verwaltet werden.“

Passive ETFs betreiben kein klassisches Aktienresearch. Stattdessen verlassen sie sich auf rudimentäre Algorithmen oder grobe Regeln, wenn es darum geht, welche Aktien sie kaufen bzw. verkaufen sollen.

Kein Algorithmus besuchte jemals ein Unternehmn und schaute sich die Leute, die die Firma führen, genauer an. Sie interessieren sich auch nicht für die Branche, in der das Unternehmen tätig ist; der Algorithmus interessiert sich auch nicht für die Produkte des Unternehmens. Die Algorithmen versuchen auch nicht, zwischen der realen Welt des Geschäfts und des Handels und dem Aktienkurs eine Verbindung herzustellen.

Preisfindung passt nicht mehr

Der Investor Steven Bregman, der neulich auf einer Konferenz eine Rede in dem Kontext hielt, brachte das Beispiel Exxon Mobil auf die agenda.

Angenommen ein Investor wäre schon vor fünf Jahren bestens über künftige Marktentwicklungen vorab informiert. Er weiß exakt, dass sich in den kommenden Wochen und Monaten der Ölpreis halbiert. Und er weiß dann auch, dass sich in einem solchen Kontext die Umsatzerlöse von Exxon halbieren. Die Gewinne gingen dann um 75 Prozent zurück.

Was sollte er davon halten? Was sollte er tun?

Sicherlich würden die Anleger eine solche Information richtig verarbeiten. Der Markt würde diese neue Information einpreisen und den richtigen Preis für die Aktie entdecken, nicht wahr?

Aber nein. Ein Anteil, eine Aktie von Exxon kostete vor fünf Jahren 82 Dollar. Und trotz der Öl-Malaise kostet die Aktie aktuell immer noch 82 Dollar.

Liebe Leser, was ist nur mit der Preisfindung passiert?

Quelle: Kapitalschutz-Akte
Weitere Informationen: Investor Verlag

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Ein Kommentar auf "Warum sehen die Investoren die Risiken nicht?"

  1. samy sagt:

    Sie sehen die Risiken nicht, weil dann die Blase platzt. WEr will das schon?

    Aber auch „The Donald“ kann ein Haushaltsdefizit nicht wegtwittern.
    http://orf.at/stories/2399392/

    Es steigt gehörig.

    „Damit werde 2017 das Defizit mit 702 Milliarden Dollar 16 Prozent und 2018 mit 589 Milliarden Dollar 33 Prozent höher ausfallen als bisher angenommen.“

    Tja, so ist das halt.

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