Warum Schmerzmittel ein sicheres Geschäft sind…

26. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Ich war in Sorge, was ich mit dem gesparten Geld von der Tankstelle anfangen soll. Erst habe ich nur zehn, dann aber 20 und jetzt sogar 30 Euro im Monat gespart. Über einige Wochen hinweg kam da ein kleines Vermögen zusammen. Jetzt endlich weiß ich auch… für wen…

Wenn man dann den Briefkasten unbedarft öffnet und sich darin ein Brief befindet, ist es doch meist die freundliche Einladung für eine Überweisung – oder besser noch – die freundliche Nachricht, dass der Betrag ganz bequem abgebucht wird. Manchmal ist es die Steuer, die Räuber der früheren GEZ, meistens aber die Versicherung.

Hurra! Die Beiträge zur Krankenversicherung steigen wieder. Das ist wie beim Monopoly, nur ohne „Gut-Karten“. Was sie einem heute schenken, eine Packung Papiertaschentücher gab es neulich in der Apotheke, werden sie morgen doppelt und dreifach wieder wegnehmen.

Beitragserhöhungen kommen so zuverlässig wie Weihnachten. Auch wenn unklar bleibt, ob künftig das Fest noch so stattfindet wie früher. Immer verlässlich dagegen ist die als Satire zu bezeichnende Begründung des Krankenversicherers, warum es (leider) teurer wurde, verpackt in immer neue lustig-bunte Varianten. Wir werden eben älter, die Medizin wird besser. Deshalb steigen die Kosten, da es immer neue Medikamente gibt. (und ich kostenlos auf einer dieser 0800er Nummern anrufen kann)

Die Erklärungen für höhere Beiträge wurden von zig Experten aus der Abteilung zur geschickten Kombination von Buchstaben ausgesponnen und mit passenden Fotos garniert. Darauf sehe ich nur glückliche Menschen. Und das bei einer Krankenversicherung. Oder in einem Krankenhaus. Wie wäre es mit einem Patientenlächeln neben dem Kieferchirurg, der die untere Kauleiste, mit einer Zange haltend, forsch-fröhlich präsentiert? Versicherungen betreiben zweifelsohne heimlich Zynismus-Abteilungen.

In diesem Jahr ist übrigens der Krebs an den steigenden Kosten schuld. Nächstes Jahr steigen dann die Beiträge zur Pflegeversicherung, wahrscheinlich wegen Demenz. Das ist teuer! Ich sage Ihnen aus familiärer Erfahrung, bei Demenz-Patienten und deren familiären Pflegern kommt davon wenig an. Als meine Oma nach einem Schlaganfall ans Bett gefesselt war, haben Experten festgestellt, eine höhere Pflegestufe sei nicht nötig.

Wir haben auch mitverfolgen können, wie hart Pfleger arbeiten, wie wenig sie verdienen und wie zeitlich eng gerastert das Pflege-Geschäftsmodell gestrickt wurde. Dennoch arbeiten dort Menschen aus Berufung. Sie halten das System aufrecht. Man braucht Glück wie im Lotto, an wen man gerät.

Ein paar Zahlen

In diesem Jahr zahlen die rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten rund 200 Milliarden Euro in den „Topf“ ein. Die Kunst besteht bei großen Geldtöpfen immer darin, so dicht wie möglich an ihn zu kommen – sowohl von Seiten der „Industrie“ als von denen, die aus welchen Gründen auch immer, nie etwas einzahlen. Dabei ist die Dicke des Strohhalmes entscheidend, der manchmal einem pumpengetriebenen Wasserschlauch ähnelt. Sind aber private Krankenversicherungen besser?

Die Einnahmen der Privaten stiegen zwischen 2000 und 2014 von 20,7 auf 36,3 Milliarden Euro. Davon wurden für 24,8 Milliarden Euro Leistungen erbracht. Die Überschüsse gehen an die Aktionäre. Meine diesjährige Beitragserhöhung beläuft sich auf lächerliche 11,2 Prozent. Aber Tanken ist dafür billig.

Ein Einzelfall

Neulich habe ich einen Unfall erleben müssen. Man fragt sich schon, wie marode das Sozialsystem inzwischen ist. Was funktioniert, ist die Notfallmedizin. Wer einen Notfall überlebt, benötigt dann aber schon Glück, Geld oder gute Beziehungen, um Termine für die Weiterbehandlung zu bekommen. So dauert es nach einem doppelten Bruch der Wirbelsäule in Groß-Gerau fünf Wochen für einen MRT-Termin. Ohne dies wird nicht operiert. „Sie haben ja Schmerztabletten…!“, hieß es.

Wer sich in einem Krankenhaus umsieht, sieht viele Bemühungen, dem Patienten den Schmerz oder das Leben dort so angenehm wie möglich zu gestalten. Auf den Plakaten wird viel geworben. Das ist billiger, als die Versprechen in die Tat umzusetzen. Zeit ist Geld. Es ist eine Industrie, bei der die Rendite stimmen muss, vor allem bei börsennotierten Unternehmen. Beim Operieren bleibt übrigens das Meiste in den Kliniken hängen. Also wird viel operiert und schnell entlassen.

Hat man es als Privatpatient besser? Grippe und Beinbruch werden in etwa gleich behandelt, jedoch unterschiedlich abgerechnet. Deshalb werden Privatversicherte bevorzugt. Warum fragt eine Praxishelferin zuerst immer, wie man krankenversichert sei? Manche Ärzte bieten inzwischen sogar Warteräume für Privatpatienten an, frei nach dem Motto: Wer will schon bei den Zombies sitzen?

Haben Sie eine Idee, warum Pharma- und Biotech-Aktien an den Börsen so gut laufen? Was weiß die Börse, was wir noch gar nicht wissen?

Ich habe das Prinzip der schnellen medizinischen Versorgung und der anschließenden Entsorgung auf den langen Wartelisten in London erlebt. Inzwischen hat dieses britische Gesundheitssystem auch hierzulande Einzug gehalten.

Nicht nur auf See und vor dem Richter ist man in Gottes Hand. Mich erinnert das an die DDR. Da florierte der Schwarzmarkt, welcher das System noch über Wasser gehalten. Sonst wäre es schneller zusammengebrochen.

Man muss heute jemanden kennen, der jemanden kennt. Oder alles aus der eigenen Tasche bezahlen können. Deshalb mein dringender Rat: Seien Sie künftig etwas netter zu den Leuten, mit denen Sie zu tun haben. Denn man weiß ja nie, ob man ihre Hilfe und Kontakte benötigt. Notfalls gibt es ja noch Schmerztabletten.

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