Warum es manchmal sehr schnell gehen kann – vor allem bergab.

23. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Märkte besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, die Beobachter über ihre wahren Absichten zu täuschen. Das zumindest könnte man glauben, wenn man sich vergangene Kurszusammenbrüche ansieht, und paranoid genug ist, dem Markt eine eigene höchst hinterlistige Persönlichkeit zuzuschreiben…

Dabei ist „der Markt“ keine bösartige Kreatur, sondern das Resultat von Abermillionen von Einzelentscheidungen. Die Folgen dieser Entscheidungen können phasenweise dem, wozu eine bösartige Kreatur fähig ist, allerdings täuschend ähnlich sehen – nämlich dann, wenn der Markt „crasht“.

Die Metapher von den übelmeinenden externen Kräften verstellt jedoch den Blick auf die eigenen Handlungsoptionen und die eigene Verantwortlichkeit. Zwar fühlt es sich besser an, wenn man sich zum Opfer dunkler Mächte stilisiert, oft war es aber nur die eigene Gier, die den Verstand an den Rand des Spielfelds drängte.

Warum das aktuelle Marktniveau gefährlich sein könnte, ist Smart-Investor-Lesern spätestens seit der Ausgabe 1/2017 bekannt. Dort haben wir die Klippen herausgearbeitet, die die Märkte im Börsenjahr 2017 zu bewältigen haben. Zum einen bewegen wir uns auf Bewertungsniveaus, die nach allen historischen Maßstäben als „hoch“ zu bezeichnen sind. Selbst das Argument, dass Aktien relativ, also im Vergleich zu Renten, preiswert seien, bröckelt in dem Maße, wie der Nominalzins (in den USA) steigt.

Zum anderen hat sich die weltweite Gefährdungslage weiter erhöht. Neben Schocks durch das Europäische Superwahljahr könnten sich die bestehenden geopolitischen Spannungen verschärfen, zumal aus den USA in etlichen Bereichen nun ein neuer Takt vorgegeben wird.

Auch, dass sich Politiker wie beispielsweise der türkische Präsident auf dem internationalen Parkett ungestraft wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen aufführen können, mag weitere Haudraufs ermutigen, es ihm gleichzutun und ebenfalls die Lösung für innere Probleme im Außen zu suchen. Da sind unerfreuliche Eskalationen denkbar.

Über die Klippe hinaus

Wie wir im neuen Smart Investor 4/2017, der zum Wochenende erscheint, zeigen, wird die Luft also dünner. Diese Argumentation ist, wie erwähnt, für unsere Leser nicht grundsätzlich neu. Allerdings wirkt bis zum Monat Mai theoretisch noch die positive Saisonfigur als Unterstützung. Falls diese dann endet, entfällt ein wesentlicher Stützpfeiler der aktuellen Aufwärtsbewegung. Da Märkte Entwicklungen antizipieren, kann den Börsen auch schon jederzeit vor Erreichen des Wonnemonats die Luft ausgehen.

Das Marktgeschehen erinnert im Übrigen ein wenig an die Zeichentrickfilmfigur Roadrunner, der stets schnell und einigermaßen kopflos durch die Gegend rannte, dabei aber gelegentlich über eine Klippe hinausschoss. Dort blieb er dann unter fortgesetzten heftigen Laufbewegungen buchstäblich in der Luft stehen. Erst als ihm bewusst wurde, dass er gar keinen Boden mehr unter den Füßen hatte, stürzte er in die Tiefe.

Ein solcher Moment der Bewusstwerdung könnte auch für unsere aktuellen „Roadrunner“-Märkte bevorstehen. Möglicherweise hat der DAX bereits um die schicksalsträchtigen Iden des März, genauer am 16. März, jenes Hoch gemacht, dessen Bedeutung sich erst im weiteren Jahresverlauf vollends erschließen wird. Vielleicht dauert es aber bis zum eigentlichen Jahreshoch noch ein paar Wochen, weil ein erneuter, dann vermutlich aber letzter Anlauf genommen wird.

Kleine Ausgangstür

Beim S&P 500 bildete sich am Dienstag übrigens eine sehr markante und zwar markant negative Kurskerze heraus (vgl. Abb.). Sie ist eine der längsten Kerzen der letzten Monate und weist unter hohen Umsätzen klar nach unten – inklusive zeitgleichem Bruch des kurzfristigen Aufwärtstrends. Da wollten gestern offenbar viele durch die gleiche Tür.

Sollten andere Marktteilnehmer diesen Faden aufnehmen, dann kann sich hier rasch eine echte Abwärtsdynamik entwickeln. Endet nämlich die Phase „Hausse nährt die Hausse“, könnten auch die amerikanischen „Roadrunner“-Märkte zwar noch ein wenig in dünner Luft hohldrehen, schließlich werden aber auch sie realisieren, dass ihnen nun auch noch der Boden in Form des Aufwärtsmomentums unter den Füßen weggezogen wurde. In solchen Momenten haben Märkte traditionell nur sehr kleine Ausgangstüren.

Warum die Situation heute eine andere ist als in den letzten Jahren, hat wiederum mit Donald Trump zu tun. Während wir bislang davon ausgingen, dass die Notenbanken jeden größeren Markteinbruch mit frischem Geld parieren werden, muss das bei der Fed nun nicht mehr zwangsläufig der Fall sein. Vom ersten Tag an führte das US-Establishment einen Kleinkrieg gegen den neuen Präsidenten. Da ist es durchaus auch vorstellbar, dass man diesen im Falle eines Falles erst einmal im Regen stehen lässt, auch wenn dies mit dem Kollateralschaden eines Crashs verbunden sein sollte. Tätig würde die Fed bei einem solchen Machtspiel erst, wenn Trump sie auf Knien darum bittet. Weit hergeholt? Vielleicht.

Zigarrenstummel BMW?

Auf den ersten Blick ist es eine seltsam anmutende Diskrepanz: Da legt der Münchener Autobauer BMW zum siebten Mal in Folge ein Rekordergebnis vor, die Aktie notiert gleichzeitig aber bei einem KGV von 8. Gleichzeitig prognostizierte CEO Harald Krüger auf der gestrigen Bilanzpressekonferenz auch für 2017 einen leichten Anstieg des Vorsteuerergebnisses und eine EBIT-Marge von 8-10% (zuletzt 8,3%). Ein Wachstumstrend bei gleichzeitig stabilen Margen – und dennoch eine Aktie, die gepreist wird als ob der BMW-Konzern in den nächsten 20 Jahren abgewickelt wird. Wie passt dies zusammen?

Natürlich sind die Zahlen beeindruckend. Mit temporären Problemen, wie etwa den Rabattschlachten in den USA und China oder der aufziehenden Gefahr des Protektionismus, lässt sich der aktuelle Kurs kaum begründen. Vielmehr dürfte dies an einigen Megatrends, wie der E-Mobilität, dem selbstfahrenden Auto oder Mobilitätsdiensten wie Uber liegen.

Selten zuvor war die Zukunft der Branche unklarer als heute. In regelmäßigen Abständen ergeben sich neue Aussichten auf die Mobilität von morgen – und selten spielen die herkömmlichen Automobil-Konzerne dabei eine Rolle. Denn da ist zum einen der Technologiebruch hin zur Elektromobilität. War es über Jahrzehnte die Kernkompetenz der Hersteller, die möglichst besten Motoren zu bauen, diese mit diversen Komponenten aus Zuliefererhand zu kombinieren und ein entsprechendes Marketing auf das Gesamtprodukt draufzusetzen, könnte sich dies in den kommenden Jahren ändern. Technologisch dürfte der Bau von Elektrofahrzeugen weitaus weniger komplex sein als die Herstellung von Autos mit Verbrennungsmotoren.

Der rasche Aufstieg von Tesla belegt diese quasi in der Realität. Bleibt von der Kernkompetenz der etablierten Player lediglich die Marke übrig. Und diese muss auch erst einmal in die elektronische Zukunft „gerettet“ werden. Selbst konnten BMW & Co. die Elektrofahrzeuge dagegen bislang auch nicht pushen – zu groß wäre wohl der Abschreibungsbedarf auf die bestehenden Fabriken und Fertigungsanlagen gewesen.

Benjamin Graham, der Lehrmeister von Warren Buffett, hatte Aktien wie die von BMW als „Cigar Butt“ bezeichnet. Eine solche Aktie sei wie ein auf der Straße liegender Zigarrenstummel. Man könne ihn aufheben, anzünden und noch einige Züge rauchen. Zwar würden diese alles andere als gut schmecken, seien aber immerhin umsonst. Bezogen auf BMW lässt sich dies in etwa so vorrechnen:

Derzeit erwirtschaftet der Konzern im Automobilbereich (ohne Finanzdienstleistung) einen freien Cashflow von rund 6 Mrd. EUR. Die Börse bewertet das Unternehmen mit rund 55 Mrd. EUR. Allerdings sitzt die Automobilsparte auf einer Nettoliquidität von ca. 1 Mrd. EUR. Die Finanzsparte bringt es auf ein Eigenkapital von 11 Mrd. EUR. Der „isolierte“ Unternehmenswert des Automobil-Segments liegt damit bei rund 43 Mrd. EUR. Nach rund sieben Jahren hat sich ein Investment in BMW bei gleichbleibendem Ertragsniveau daher amortisiert. Wie viele gratis „Züge“ es auf der Zigarre BMW danach noch gibt, muss jeder Anleger selbst beurteilen…

Fazit

Nicht jede Gratis-Zigarre muss wohl bekommen. Was für BMW gilt, könnte auch für die Märkte in Gänze zutreffen.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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