Warum das Heraufsetzen der Inflation so gefährlich ist

19. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) Einige Ökonomen empfehlen angesichts der (Über)Verschuldungskrise, die Zentralbank solle für eine höhere Inflationsrate sorgen: also die Inflation von zum Beispiel 2 Prozent pro Jahr auf 4 oder gar 6 Prozent pro Jahr erhöhen.

Hinter dieser Empfehlung verbirgt sich die Auffassung, dass ein Ansteigen der Inflation die reale Schuldenlast der Kreditnehmer absinken lässt, und dass es „vertretbar“ sei, dass die Kreditgeber und Sparer an den Kosten zum Abbau der (Über)Verschuldung beteiligt werden.

Doch so leicht ist die Sache nicht (von der fragwürdigen Forderung nach (Zwangs)Enteignung durch Geldwertschwund ganz zu schweigen). Das wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Inflation nur dann wirkt, wenn sie überraschend kommt. Nur bei einer „Überraschungsinflation“ kommt es zur politisch gewollten Umverteilung zwischen Kreditnehmer und –geber.

Wenn die Inflation unerwartet kommt

Überraschungsinflation bedeutet, dass die Inflation höher ausfällt, als es die Zentralbank den Marktakteuren versprochen hat (beziehungsweise höher ausfällt, als die Marktakteure erwartet haben, weil sie dem Versprechen der Zentralbank Glauben geschenkt haben). Die Probleme, die damit verbunden sind, zeigt das folgende Beispiel.

Ein Investor kauft eine festverzinsliche Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit und einem Zinscoupon von vier Prozent pro Jahr. Er geht dabei davon aus, dass die Geldentwertung zwei Prozent pro Jahr sein wird, so dass er einen Realzins von zwei Prozent pro Jahr verdient.

Nun aber bricht die Zentralbank ihr Versprechen und sorgt „überraschenderweise“ für sechs Prozent Inflation pro Jahr. Folglich verliert der Investor jedes Jahr zwei Prozent in realer Rechnung (also vier Prozent Zinscoupon minus der Geldentwertungsrate von sechs Prozent pro Jahr). Der gutgläubige Investor verliert, der Schuldner gewinnt.

In der „ersten Runde“ verlieren also Gläubiger und gewinnen Schuldner. Doch vor allem die Gläubiger werden daraus lernen: Sie werden der Zentralbank nicht mehr glauben. Wenn also zum Beispiel eine Inflation in Höhe von 2 Prozent pro Jahr versprochen wird, so werden sie dennoch eine höhere Inflation erwarten (also zum Beispiel 6 Prozent pro Jahr).

Will die Zentralbank dann die Umverteilungspolitik durch eine Überraschungsinflation weiter betreiben, muss sie für eine Inflation sorgen, die höher ist also die, die von den Marktakteuren erwartet wird (also zum Beispiel in Höhe von acht Prozent pro Jahr). Die Logik in diesem fortgesetzten „Spiel“ führt in eine Hoch- oder gar Hyperinflationspolitik.

Wenn die Inflation erwartet wird

Wird die Inflation von allen erwartet, so richten sich die Marktakteure darauf ein. Sie passen ihre Verträge (wie zum Beispiel Löhne, Mieten und Zinsen) entsprechend nach oben an. In dem (extremen) Fall, in dem die Verträge sofort und unmittelbar angepasst werden können, verliert Inflation gänzlich ihre Umverteilungswirkung; was bleibt sind die Kosten der Inflation in Form von zum Beispiel Ineffizienzen, Kapitalfehllenkungen und sozialen und politischen Verwerfungen. Inflation übt eben ihre betrügerische Wirkung nur dann (beziehungsweise am besten) aus, wenn sie unerwartet kommt, wenn also die Zentralbank eine Politik der bewussten Täuschung verfolgt.


Steigende Inflation in der Krise der Dauerschuldnerei

Das heutige ungedeckte Papiergeldsystem, in dem Geld durch Bankkreditvergabe geschaffen wird, und in dem die Zentralbank die Zinsen auf immer tiefere Niveaus schleust, ist zu einem System der Dauerschuldnerei geworden.

Dauerschuldnerei bedeutet, dass Kreditnehmer davon ausgehen, dass sie ihre fälligen Kredite nicht zurückzahlen müssen, sondern sie durch neue Kredite (zu noch tieferen Zinsen) refinanzieren können. Mittlerweile sind viele Kreditnehmer (allen voran die Staaten) nicht mehr in der Lage oder nicht mehr Willens, ihre Verbindlichkeiten zurückzuzahlen.

Für diese Dauerschuldner führt ein plötzliches Aufkeimen von Inflationserwartungen zu großen Problemen. Denn steigende Inflationserwartungen würden die Marktzinsen in die Höhe treiben. Bekanntlich setzt sich ja der nominale Marktzins (im einfachsten Fall) aus einem Realzins und einer Inflationskompensation zusammen. Steigen die Inflationserwartungen, so würden auch der Marktzins und damit die Kreditkosten ansteigen.

Es kann sogar sein, dass dann der Marktzins stärker ansteigt als die erwartete Inflation – und zwar weil Investoren fürchten, dass die allgemeine Risikolage (Gefahr von Pleiten) ansteigt. In einem solchen Fall steigt also nicht nur der nominale Marktzins, sondern auch der Realzins. Steigende Realzinsen bringen Schuldner in noch größere Bedrängnis.
Quelle: Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama

„It is no coincidence that the century of total war coincided with the century of central banking.“ Dr. Ron Paul (zitiert nach Llewellyn H. Rockwell Jr., 26. September 2012)

Will die Zentralbank in einem System der Dauerschuldnerei eine Politik der Geldentwertung verfolgen, wird sie die Marktzinsen kontrollieren müssen, d. h. sie wird die Zinsen auf künstlich niedrigen Niveaus halten müssen. Der volkswirtschaftliche Schaden, der daraus folgt, ist immens.

Ein künstlich gesenkter Zins provoziert Fehlinvestitionen, er sät gewissermaßen die Saat für eine Finanz- und Wirtschaftskrise. Der künstlich gedrückte Zins wird zudem politische Begehrlichkeiten wecken: Die Zentralbank wird aufgefordert, für einen negativen Realzins zu sorgen (der Zins soll also nach Abzug der Inflation negativ sein). Auf diese Weise können sich nämlich Schuldner (vor allem Staaten und Banken) auf Kosten der Sparer entschulden.

Nicht weniger bedeutsam: Ein negativer Realzins zerstört die Ersparnisse und damit die Einkommen vieler. Er senkt die Ersparnis und damit das verfügbare Ressourcenangebot für die Investitionstätigkeit. Neuinvestitionen werden verstärkt durch inflationäre Geldschaffung finanziert werden müssen.

Die politische Reaktion auf solche eine Inflationspolitik ist absehbar: Die Geschädigten werden über kurz oder lang Politiken einfordern, die sie für die entstandenen Verluste kompensieren soll. Damit wird die Inflationspolitik zum Wegbereiter in den ungehemmten Umverteilungs- und Interventionismusstaat, der die friedvolle und produktive Kooperation gefährdet, wenn nicht gar zerstört.
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