Kohle, Kiffen, Klubkultur: Warum alles steigen kann aber nichts fallen

16. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der Begriff Wende wird mit vielem in Verbindung gebracht. Die geistig moralische Wende hat die Republik hinter sich gelassen. Nach Geist und Moral ist nun die Zinswende in aller Munde. Ob sie kommt oder nicht wissen die, die von ihr reden, zwar auch nicht, aber was soll’s, Unsicherheit macht neugierig. Ob es auch eine Kunst-, Immobilien- oder Aktienwende gibt?

Es ist ein deutsches Phämomen zähe Diskussionen und Wortklauberei auch in den hintersten Winkel zu schleppen. Warum sollte ausgerechnet die Geldanlage davor gefeit sein. So dürfen wir alle das dauerhafte Geschwafel von einer Aktienkultur genießen, ohne es zu erklären zu können. Was genau ist mit einer Aktienkultur gemeint? Handelt es sich um eine höhere Aktienquote in den bundesdeutschen Depots? Das wäre kulturell so flach wie so manch experimentelle Theatersoße, die ihre Besucher bestenfalls mit Sinnlosigkeit und ein bisschen Nacktheit an die Sitze fesselt. Immerhin würde dies dem viel zitierten kulturellen Engagement mancher Bank einen tieferen Sinn geben.

2001

Möglicherweise ist die Aktienkultur aber auch umfassender als Anlagekultur zu verstehen. Sollen die Menschen etwa mehr darüber nachdenken, wie man Geld anlegen kann? Das wäre in der Tat begrüßenswert, allerdings wäre in diesem Falle die Begriffswahl unglücklich. Man könnte ebensogut von Zinskultur, Terminkurvenkultur oder ähnlichem sprechen, zugebenermaßen überaus exotisch daherkommende Begriffe.

Seit es in den späten 90er Jahren der Kurs der Telekomaktie – umfasst von einem rosafarbenen Viereck – in die Tagesschau geschafft hat, warten viele Finanzberichterstatter und noch mehr Finanzproduktverkäufer auf den finalen Durchbruch dieser nicht näher definierten Aktienkultur.

t-aktie

Warum sind diese sicherheitswütigen Teutonen bloß so scheu? Nach lediglich zwei schlappen Kursrückgängen des so genannten Leitindex im Umfang von minus 75% und minus 50%, vor Kosten versteht sich hätte man doch etwas mehr Eurphorie erwarten dürfen. Es könnte freilich daran liegen, dass auch der DAX von dahinsiechenden Freunden umzingelt ist, so dass der Blick über den Tellerrand des deutschen Aktienindex oft schaurig ist.

Die Frage, warum Opa und Oma nicht noch schnell zugreifen, wo es doch erwiesenermaßen in einer handvoll Regionen oft nur schlappe 20 Jahre braucht um ein paar Verluste wieder reinzuholen bleibt dem unbedarften Rentenplaner ein Rätsel? Nur weil der Grieche mit seinen Aktien nach 15 Jahre 90% hinten liegt, heißt das doch nicht, dass er die Verluste nicht wieder wettmacht. Einfach mal verzehnfachen und schon ist man vor Kosten wieder beim Einstand angelangt. Vor Kosten. Rückwirkend ist von manch verzehrtem Schwein mehr übrig geblieben als von den Aktiensparplänen an der Ägäis, aber das ist lediglich defätistisches Geschwätz. Oder, wie der urban-grüne Hipster sagen würde, wenn er den Fakten nichts entgegenzusetzen hat, eine bösartige, postfaktische Argumentation.

Vielleicht vertragen sich Kultur und Fakten nicht. Der Mangel an Zuneigung zur eigenkapitalnahen Wertpapieranlage kann schließlich nicht aus den Bewegungen der letzten 30 Jahre resultieren, in denen man mit Anleihen wesentlich entspannter wesentlich mehr verdienen konnte als mit europäischen Aktien. Nein, es muss am kulturellen Mangel liegen. „Feiges Gesindel!“ hört man den Riesterchor im Hintergrund rufen.

Rein technisch sind Diskussionen über der Verteilung von Anlagegeldern meist ohnehin ziellos. Der Michel ist nur einer von vielen, die angeblich zu stark in Anleihen investiert, oder ihre Kröten auf dem Tagesgeldkonto gepart haben. Bemerkenswerterweise ist es jedoch gar nicht möglich, dass alle Anleger gleichzeitig „mehr Aktien“ oder „weniger Anleihen“ halten. Die gesamte Allokation von Anleihen und Aktien ist bekanntlich lediglich von zwei Parametern abhängig. Wie viele Papiere wurden emittiert und existieren noch und wie sind die Preise dieser Papiere. Wenn es 1 Anleihe mit einem Kurs von 100 und eine Aktie mit einem Kurs von 100 gibt, dann verteilen sich die Anlagen jeweils hälftig auf Aktien und Anleihen. Verkauft Heiner jetzt seine Anleihe für 100 und erwirbt im Gegenzug die Aktie von Waltraud für 200 Euro, dann hat sich Aktienquote innerhalb der Allokation zugunsten der Aktie verschoben. Walter mag an der Bar ein Cüpli trinken oder sein Geld in der Stangenbar verprassen, aktien-kulturell hat sich nichts geändert. Prost.

cüpli

Unabhängig von der durch die Preisfindung und die Emissionen der Vergangenheit bestimmte Allokation der Anlagegelder greift derzeit immer mal wieder die Zinsangst um sich. Natürlich sind die aktuellen Renditen vieler europäischer Anleihen nicht sonderlich attraktiv, teilweise sind sie geradezu lächerlich. Jedoch ist ein Zinsanstieg um sagen wir zwei Prozentpunkte nicht das Ende der Welt. Auch wird eine solche Entwicklung nicht zwingend am Anleihemarkt die tiefsten Spuren hinterlassen, denn ein deutlicher Renditeanstieg hat ein gesundes Potential für ungesunde Kratzer in vielen zinssensitiven Segmenten. Der Immobiliensektor ist ein solcher Sektor. Auch dürfte es spannend sein, wie die stark gehebelten Versorger mit höheren Refinanzierungskosten umgehen.

Die Kursverluste in den kurzen bis mittleren Laufzeiten hielten sich auch bei einem deutlichen Anstieg der Renditen in Grenzen. Eine Anleihe mit einer Laufzeit von 5 Jahren fällt dann halt um 10%. Das schafft mancher Aktienmarkt ohne Crash ganz entspannt in einer Woche. Wer natürlich bei niedrigsten Renditen unsinnige Entscheidungen getroffen hat und mit sein ganzes Portfolio aus schlechten Qualitäten mit sehr langen Laufzeiten zusammengebastelt hat (siehe Italien 50 Jahre, Artikel) der verbrennt sich nicht nur die Finger sondern Hand und Arm. Das passiert jedoch auch vielen Käufern anderer Anlagen, wenn sie sich nach langen Kursanstiegen der Fantasie hingeben, der Kaufpreis sei irrelevant für den künftigen Anlageerfolg. Wer lange Laufzeiten, sehr hohe Bewertungen und eine schlechte Kreditqualität mischt wird wenig Freude mit seiner Anlage haben. Immerhin hat man nach hohen Verlusten viele spannende Geschichten zu erzählen. Mal sehen, was einige Pensionsfonds, die auf bizarren Kursniveaus noch schnell aus Pfandbriefen raus und in High Yield Bonds reinmüssen, später als Begründung nennen. Es konnte, so ist zu vermuten, wirklich keiner ahnen, dass auch dieses Mal Renditen von 3% auf Junk-Bonds zu niedrig sind. Kam ja auch erst ein paar Mal vor in der Vergangenheit.

Kluuub

Wichtiger als der vergleichsweise einfach zu ermittelnden Effekt eines Zinsanstiegs auf die Anleihenkurse sind die Auswirkungen auf andere Märkte. Die teils deutlich aggressiver ausgerichteten Kapitalstrukturen vieler Unternehmen, befeuert durch kreditfinanzierte Übernahmen und Aktienrückkäufe, wirken bei steigenden Zinsen destabilisierend. Wer in Zeiten billigen Geldes seines Bilanz so strukturiert, als gäbe es die Nullzinsen noch in zehn Jahren, wird sein sein blaues Wunder erleben, wenn die Zinswelt sich verändert. Die enorme Hebelwirkung von Krediten, die derzeit neben Firmen auch vielen Hauskäufern noch Freude bereitet, ist ein zweischneidiges Schwert. Je achtloser man es schwingt, desto eher verletzt man sich.

Aus lauter Panik vor einem schnellen und drastischen Zinsanstieg nun alle Anleihen zu verkaufen und alles in Aktien zu investieren ist wohl keine schlaue Lösung und schon gar nicht risikosenkend. Wer Aktien oder High Yield Anleihen ohne geanauer hinzuschauen alleine wegen der ausgewiesenen Dividendenen bzw. Renditen kauft, der begeht einen arg laienhaften Fehler.

Interessant ist derzeit der Blick auf die Renditeverhältnisse in den USA, wo es ja in den den letzten Jahren zu einem Anstieg der Zinsen kam. Die Renditen von US-Staats- und Unternehmensanleihen haben in den letzten Wochen nicht nur an schwachen Tagen Niveaus erreicht, an denen ihre Renditen denen der überbewerteten Aktien durchaus das Wasser reichen können. Wem 3% bis 4% pro Jahr über 5 bis 10 Jahre zuwenig sind, der sollte sich noch einmal genau die mittelfristigen Renditen anschauen, die am Aktienmarkt ausgehend von den aktuellen Bewertungsniveaus zu erzielen waren.

Die wichtigste Botschaft ist wie so oft kurz. Es gibt nicht „die Zinsen“, die bei Null sind, und es gibt nicht „die Aktien“, die immer gut laufen. Wer das beherzigt, kann schon einiges sparen. Vor allem Zeit in der Bankfiliale und Gebühren..

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Ach übrigens wird der „Spiegel“ dieser Tage 70 Jahre alt. Wir hoffen er geht in den Ruhestand. Das ist doch besser als ungelesen in den deutschen Wartezimmern herumzuliegen. Wer bei Spiegel Online kommentieren möchte, das aber nicht mehr darf, kann sich die Zeit mit diesem Video vertreiben: SpiegelMining

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Ein Kommentar auf "Kohle, Kiffen, Klubkultur: Warum alles steigen kann aber nichts fallen"

  1. MFK sagt:

    Vor allem sollte man nicht glauben, dass ein Deutsches Aktien Institut die Interessen aller Aktionäre vertritt. Der Beitrag des DAI (der zitierte Freiherr von Rosen war langjähriges geschäftsführendes Vorstandsmitglied) zur Neuregelung des Delistings war es z.B., den Minderheitsaktionären den Schutz abzusprechen. Ein Abfindungsangebot an diese bei Delisting hielt man für entbehrlich.

    Ansonsten sei immer empfohlen ein Blick in das Credit Suisse Global Investment Return Yearbook (zuletzt 2016) zu werfen (kostenlos im Netz erhältlich), was die langjährigen Renditen auf Aktien, Bonds und Bills angeht (für Deutschland S. 73). Da ich das hier schon so oft zitiert habe, lasse ich das diesmal. Aktien rechtfertigen das Risiko jedenfalls nur in Zeiten von Hyperinflation.

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