Warte, warte nur ein Weilchen

10. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Eines der großen Probleme der Krise 2008/2009 waren Produkte, die vermeintlich von guter Qualität waren sich aber als Ramsch entpuppten. Im Jahr 2017 ist es anders. Auf vielen Finanzprodukten steht in Fettdruck RAMSCH geschrieben, aber gekauft wird es trotzdem…

Früher hieß das Irrsinn, heute redet man sich mit einem vermeintlichen Anlagenotstand heraus.

Auf die ernsthafte Verwendung des Begriffes Anlagenotstandes müsste es eigentlich Stockhiebe setzten. Es sind eine handvoll Missverständnisse, die diesem Begriff zugrunde liegen. Der größte Fehler ist die Annahme, eine Finanzmarkt habe die Aufgabe, die wie immer gearteten Renditewünsche bestimmter Anleger zu befriedigen. Ziehen wir beispielhaft eine Pensionskasse heran. Diese hat Einnahmen, Rücklagen und Auszahlungen. Die Einnahmen sollten die Ausgaben decken, was sie natürlich in der Regel langfristig nicht tun. So schreitet man zur Geldanlage um die Lücke zwischen Pensionsversprechungen und Realität zu schließen. Man bastelt sich ein schönes Modell zum „Asset Liability Management“ (ALM) zusammen und weiß danach, welche Kapitalmarktrendite man benötigt, damit alles klappt. Diese Modelle gehen natürlich stets von positiven Renditen aus, wobei das Spektrum von sehr vorsichtigen Schätzungen bis zu 7% p.a. oder gar noch mehr reicht.

Nun kann es aber durchaus passieren, dass an den Kapitalmärkten 10 oder auch 20 Jahre lang nichts zu verdienen ist. Das ist vor allem dann möglich, wenn man gleichzeitig ein absurdes Bewertungsniveaus bei Anleihen und Aktien gleichzeitig erreicht hat. So schön dies für die Buchgewinne ist, so schlecht ist dies für die Renditeerwartungen der kommenden Jahre. Man sollte daher nie davon ausgehen, dass ein Finanzmarkt einem die benötigte Rendite liefert, nur weil man sie benötigt. Der Markt ist kein Kaffee-Vollautomat.

Die vermeintliche Notsituation führt dazu, dass man zwar Investitionen tätigt, es bei der Analyse derselben aber lediglich bis zur nominalen Rendite schafft. Übersteigt etwa die Rendite eines von einer intransparenten Trümmerfirma ohne Cash Flows aber hoher Verschuldung begebenen Wertpapiers die Rendite einer Bundesanleihe, so wird halt der Schrott gekauft. Dummerweise vergisst der Notständler die zweite Komponente, das Ausfallrisiko, aber für solche Banalitäten ist im Jahre 2017 keine Zeit. Die folgende Grafik zeigt den Anteil der Leveraged Loans (Handelbare Kredite im Junk-Segment), die in die covenant lite Kategorie gehören.

Diese Bonds bieten extrem geringe Schutzklauseln (covenants) für die Anleihekäufer. Neben niedrigen Renditen fehlt hier folglich auch der übliche rechtliche Anlegerschutz. Dazu gesellen sich auf Grund der hoch gehebelten Geschäftsmodell nur sehr geringe Restwerte im Insolvenzfall. Diese Restwerte (recovery value) liegen nicht mehr wie man früher als Standard annahm bei 40% sondern heute bei 10%. Fällt Ihnen die Anleihe mit einem Volumen von 100.000 Dollar auf die Füße, dann haben sie nicht nur statt 9% Verzinsung lediglich 4% erhalten. Sie erhalten auch nur 10.000 Dollar statt einst 40.000 Dollar zurück. Attraktive Anlagen sehen anders aus. Da eine angenommene Rendite keine realisierte Rendite ist, gibt es Fälle, in denen kein Investment das bessere Investment ist. Sonst wird aus dem vermeintlichen Anlagenotstand über die Jahre ein sehr realer Bestand an notleidenden Anlagen.

Der zweite Fehler ist der Zwang – dafür sind die ALM-Modelle und Gedanken mitverantwortlich – dauerhaft investiert zu sein. Damit etwa die Verbindlichkeiten in 30 Jahren „gematched“ werden, sprich durch entsprechende Assets gedeckt sind, muss man entsprechende langlaufende Anleihen kaufen. Das dies bei europäischen Anleihen wenig sinnvoll ist und es angesichts des Anlagehorizontes überaus sinnvoll sein kann, die Verbindlichkeiten nicht sofort zu matchen sondern abzuwarten, ist nicht vorgesehen und natürlich schon auf Grund der gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht möglich. Nun sammelt man so seine paar Basispunkte ein und freut sich, denn die Anleihen sind ja nicht gefallen und man hat alles richtig gemacht. Kommt nun der Tag eines auch nur 1%igen Zinsanstiegs so purzeln die Kurse der langlaufenden Papiere aber gerne mal um ein Viertel. Schade, wenn man schon all-in ist. Da müssen Mami und Papi schon eine lange Zeit lang Basispunkte einsammeln, bis man diese verpasste Gelegenheit wieder ausgebügelt hat.

Was derzeit im Zuge des hysterisch verkündeten „Anlagenotstandes“ vergessen wird ist, dass es erstens ein Segen ist, wenn man jemanden Staatsanleihen mit negativer Rendite verkaufen kann und diese damit zu einem kaum für möglich gehaltenen Preis loswird. Zweitens ist Cash keine Verbindlichkeit sondern eine Option auf alles. Man muss nur warten bis die Preise einem entgegen kommen. Die Warteprämie ist auf dem aktuellen Bewertungsniveau geradezu absurd niedrig. Nur Mut.

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4 Kommentare auf "Warte, warte nur ein Weilchen"

  1. tito sagt:

    Hallo Bankhaus Rott,
    jetzt kommt sicherlich eine häufig gestellte Frage: Wie sieht es mit Investments im Edelmetallbereich aus?

    Welche Optionen wären am sinnvollsten:
    – Kauf von Edelmetallen?
    – Kauf von Aktien von Minengesellschaften
    – Kauf von ETF’s auf Edelmetalle bzw. Minenbetreiber?

    Oder wirklich warten mit investments bis die Blase geplatzt ist und dann wieder erst mit dem Cash in Aktien einsteigen?

    Danke und beste Grüsse
    tito

  2. tito sagt:

    @MFK:
    ist schon klar, aber das gilt ja für alles: Immobilien, Edelmetalle, Rohstoffe, Devisen, Anleihen…..

    Eine Einschätzung zum Edelmetall würde ich mir sehr wünschen, weil es gerade hierzu sehr gegensätzliche Aussagen von verschiedenen Analysten gibt.
    Manche Zentralbanken bauen Goldreserven ab, andere auf, Grossbanken lagern Silber ein, etc. diametrale Handlungen wo man nur hinschaut.

    In dem Zusammenhang wäre für mich die persönliche Einschätzung von Bankhaus Rott ein wichtiger Orientierungspunkt.

    Viele Grüsse
    tito

    • MFK sagt:

      Geben Sie im Freundes- und Bekanntenkreis und auch sonst nicht, niemals Anlageempfehlungen ab. Erweist sich diese als richtig klopft sich der entspechende auf die Schulter und verkündet, welch großartiger Anleger er sei, geht es schief, schimpft er, das läge nur an der Empfehlung dieses Versagers. Auch richten sich Anlageentscheidungen immer nach dem Gesamtvermögen, hier ist die Asset Allocation entscheidend. Alter, Risikotoleranz, Anlagehorizont u.a. spielen ebenfalls eine Rolle. Ich fürchte deshalb, das Bankhaus Rott wird Ihnen hier nicht weiterhelfen.

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