Warnen verboten?

28. Oktober 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Wenn es nach meinem über die Jahre entstandenen, persönlichen Pöbel-Barometer geht, stehen wir relativ nahe vor einer recht kräftigen Korrektur am Aktienmarkt. Ende 2007 wurde ich bedroht und angepöbelt, als ich vor im Zuge eines Sturmlaufs an die bisherigen Allzeithochs vor einem bösen Erwachen warnte, weil die Kurse nur noch künstlich angeschoben wurden…

Spinner, Ganove, Dummkopf … und einer, der anständige Bürger davon abhalten will, ihr Geld in dem einzigen Bereich, der Gewinne bringt, anzulegen. Ich wurde auf bedrückende Weise „geliebt“. Nun, wie sich wenige Wochen später herausstellte, waren die Kurse tatsächlich künstlich angeschoben worden und tatsächlich kam eine Trendwende. Und zwar für die Masse völlig überraschend.

Heute würde es wohl nicht so heftig kommen, denn Warnungen meinerseits, ja alleine das Auflisten der problematischen Aspekte, werden nur mit „unseriös“ und „unbefriedigend“ kommentiert. Geht ja noch … was andeutet, dass die Masse der blinden Bullen noch nicht ganz so massig und die Angst vor der Realität nicht gar so heftig ist. Ich erhalte als Feedback auch klare, tiefschürfende Begründungen, warum folgende Aspekte nichts zu sagen haben:

Die beiden wichtigsten Leithammel der Rallye, der DAX unter S&P 500, stehen an oder knapp vor langfristig entscheidenden Kurszielen in Form der oberen Begrenzungen der Aufwärtstrendkanäle aus den Jahren 2009 und 2011.

Die markttechnischen Indikatoren aller stark laufenden Indizes sind auf Tagesbasis überkauft, in den meisten Fällen auch auf Wochenbasis.

Das Wirtschaftswachstum steht in keiner Relation zu den Kursgewinnen. Ob nun die Einkaufsmanagerindizes in Europa, die Kernrate der Auftragseingänge langlebiger Wirtschaftsgüter oder das Verbrauchervertrauen in den USA, zuletzt war die Mehrzahl der Daten enttäuschend. Und die gestiegenen Zinsen am Kapitalmarkt dürften nicht dafür sorgen, dass die Bremsklötze in Kürze entfernt werden.

Hier nun den unverminderten Zustrom billigen Geldes entgegenzustellen, ist kein Argument, dass es nicht zu einer scharfen Korrektur kommen könnte. Der DAX hat in den vergangenen Jahren mehrfach Korrekturen zwischen 800 und 1000 Punkten hingelegt. Zudem haben die jüngsten Daten zum Kapitalfluss in den US-Märkten nach einem einzigen Monat mit Zuflüssen schon wieder Abflüsse im August gemeldet (das sind die jüngsten vorhandenen Daten).

Viele Quartalsbilanzen waren bislang wenig überzeugend oder enttäuschend. Nur wird das nicht wahrgenommen, weil der Blick der bullishen Akteure auf explodierende Kurse von Aktien wie Google, Microsoft und amazon.com gerichtet sind, bei denen aber der die Zahlen quittierende Kursanstieg in keiner Reaktion zu den Ergebnissen steht. Das manifestiert zusätzlich den um sich greifenden Leichtsinn bzw. das Gefühl der Unverwundbarkeit der bullishen Akteure.

Bei vielen Sentiment-Umfragen liegt der Anteil bullisher Marktteilnehmer auf Jahreshoch. Das Lager der Neutralen ist winzig, die Zahl der Bären schrumpft. Was positiv scheint, ist gefährlich, denn auf diese Weise gehen dem Markt natürlich langsam die Käufer aus, zumal die ansonsten einen Trend aufrecht erhaltenen Gewinnmitnahmen in den letzten zwei Wochen ausgeblieben sind.

Ins gleiche Horn stößt die Verteilung der Analysten-Kommentare in den Medien. Eine Verteilung von 80 % bullish, 20 % für eine mögliche Korrektur und 0 % für eine Trendwende nach unten ist klassisch für das Ende eines Trends, ebenso das permanente Korrigieren längst erreichter Kursziele nach oben, ohne dass die für die bisherigen Kursziele angenommene Gemengelage sich verbessert hätte.

Obwohl ich nicht einmal eine Trendwende vorhersage sondern nur massiven Korrekturbedarf sehe, der nun einmal, wie man aus der Geschichte der Börse ebenso wie aus der Logik heraus verstehen müsste, in dieser Situation nicht mit einer gemütlichen Vorlaufzeit, sondern aus dem Nichts heraus abgearbeitet würde, gehen erstaunlich viele Leser auf die Barrikaden. Und natürlich ist die Argumentation ebenso klassisch… (Seite 2)

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5 Kommentare auf "Warnen verboten?"

  1. stephan sagt:

    „Wenn eine außergewöhnlich große Zahl bullish ist, ist sie bereits investiert – sonst wäre sie nicht bullish.“

    Insoweit bin ich wohl ein echter Exot: Obwohl viele fundamentale Gründe gegen den gewaltigen Kursanstieg der letzten Jahre sprechen, bin ich (eher) bullish eingestellt. Trotzdem habe ich keine einzige Aktie im Depot. Das ging mir auch 2000/2001 so und hat mich vor gigantischen Verlusten, wie sie viele Kleinanleger erlitten haben, bewahrt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es zum aktuellen Börsenzyklus eine Parallele zum damaligen Geschehen gibt. Der Verstand sagt mir, dass der Grund hierfür – damals wie heute – Manipulation ist. Damals war es schlicht ein mittels Betrugs der untenehmenseigenen Finanzakteure – teilweise im Zusammenspiel mit der Politik – erzeugter Börsenhype. Heute sind es die durch die Zentralbanken – wiederum im Zusammenspiel mit der Politik – künstlich gedrückten Zinsen sowie das zusätzliche Aufkaufen von Staatschulden.

    Meine bullishe Haltung ergibt sich einzig aus dem Umstand, dass die Herren aus der Zentralbanknomenklatura (wie sie von Herrn Vogt immer so schön und zutreffend bezeichnet werden) schlicht alles tun werden (tun = manipulieren), um ein Erlöschen des schönen Scheins zu verhindern. Nur: Wer kann und will es sich leisten, diesen windigen Typen zu vertrauen bzw. ihnen zuzutrauen, dass sie die Situation immer beherrschen? Ich jedenfalls nicht. Denn ohne deren Manipulationen würde der Markt, sofern es ihn dann überhaupt noch gäbe, ganz woanders stehen, als er es im Moment tut. Und für dieses heiße Spielchen ist mir der Einsatz meines eigenen Geldes schlicht zu Schade, auch weil ich es nicht als Spielgeld betrachte – genau wie 2000/2001.

  2. bluestar sagt:

    Lieber Ronald Gehrt,
    ich habe großen Respekt vor Ihren Analysen und Kommentaren. Halten Sie durch und versuchen Sie die Angriffe gegenüber Ihren Gedanken und Meinungen nicht an sich heranzulassen. In einer Welt umgeben von Manipulation, Dummheit, Intoleranz und Oberflächlichkeit lebt es sich mit einer eigenen Meinung ( sei diese auch noch so klug vertreten) halt nicht einfach.
    Natürlich kann keiner in die Glaskugel schauen, so habe ich Sie auch nie verstanden. Das explosive Gemisch aus unberechenbarer Psychologie der Masse, endlosem Drucken von ungedecktem Zwangsgeld und dauerhafte Manipulation der Märkte werden in dieser fragilen Welt wohl einen Tsunami auslösen. Keiner weiß wann und wie.
    Aktien, Edelmetalle, Immobilien alles hat zur Vermögenssicherung Vor-und Nachteile.
    Ich selbst bin in all diesen Assets investiert, bin mir aber sicher, dass wenn es kracht
    auch hier mit starker Repressalien des Staates zu rechnen ist. Im Kampf gegen den sogenannten Terrorismus hat sich der Staat genügend Gewaltmöglichkeiten gegen die eigenen Bürger selbst geschaffen und dabei gleichzeitig bürgerliche Rechte und Freiheiten abgebaut. Wen interessierte es ? Nur eine Minderheit. Die Masse hat sich mit Abhängigkeit, Unselbständigkeit, Staatsgehorsam, Bildzeitung, Spielkonsole und Schnäppchenjagt mit bedrucktem Konfettischnipseln füttern lassen und wird keinen Verlust bemerken.

  3. Lotus sagt:

    Na ja, lieber Herr Gehrt, eigentlich weiß ich nicht, wen Sie so meinen, die blind links in Aktien investieren, obwohl die Lage äußerst gewagt/risikoreich ist, wie Sie schreiben. Es wäre jedenfalls für jemanden wie mich sehr hilfreich, konkrete Angaben über Investoren oder noch Investierte zu erfahren. Denn diesen ganzen Zirkus kann ja nur mitmachen, wer entweder sehr reich ist oder berufsmäßig mit Geschäften an der Börse zu tun hat.

    Der Geldanlage empfinden doch nur noch Profis der Sparte irgend etwas ab, als ein kleiner Sparer sich den Gefahren wie aus früheren Zeiten, z.B. aus 2001 oder 2007, auszusetzen. Wir sahen doch, daß damals nur den Banken geholfen wurde, nicht den Familien, deren Väter für seine Kinder Erspartes vermehren wollten. Sie wurden für alle Zeiten ruiniert.

    Dementsprechend gebe ich @stephan recht, im Moment kann man gar nicht übersehen, sein Erspartes lieber an einem sicheren und überschaubaren Platz zu verwahren. Egal, ob die Inflation nun wertmäßig alles auffrisst oder nicht. Diese Denke ist unsinnig, wenn die Wahl besteht, fremden Leuten sein Geld anzuvertrauen und alles zu verlieren, oder in eigenen Händen zu behalten und auch zu verlieren. Gewinne werden in jedem Falle nicht eingefahren, weil es kaum Zinsen gibt und Inflation im ganzen System besteht. Insofern ist die Anzahl der Scheine, die man noch hat, doch noch etwas, mit dem man seine Miete und Nahrung bezahlen kann. Daher ist Inflation nicht so ärgerlich, wie eine verlorene Geldanlage. Viele frühere Kleinsparer werden sich hüten, noch irgendein Investment zu tätigen, schon gar nicht, in Zeiten wie diese. Zudem auch bekannt ist, daß Schäuble sämtliche Türen zu öffnen bereit ist, um Sparer zu enteignen. Das heißt, auch wenn es nicht unter einer bestimmten Summe sein soll, jeder vorgewarnt ist.

    Ich denke, diejenigen, die über Ihre Warnungen so spöttisch redeten, sind nicht die kleinen Sparer, sondern die berufsmäßig agierenden Trader oder Aktiven auf dem Börsenparkett.

  4. samy sagt:

    Uiuiuiuiui … da lässt jemand Dampf ab. Richtig so. Warum auch nicht?

  5. Michael sagt:

    Wann in den letzten 30 Jahren war Aktienmarkt, na sagen wir 20, war der Aktienmarkt nicht ‚manipuliert‘.

    Da sie beispiele aus dem IT und anverwandtem Business bringe. Frage – wie kann sich ein Startup Equipment von Großherstellern in Mio. Höhe besorgen und pro Jahr Mio. berappen, obwohl kaum Geld wird verdient. Zahlt sich da möglw. der Investor sich selbst die Rechnung, da er Lieferant und Kunde finanziert. Wäre mein Verdacht, wenn ich mir so manchen Produkterfolg anschaue. Ist auch nicht wirklich eine neue Idee. Im schlimmsten Fall sinkt halt der Umsatz und der Gewinn, wenn es nicht wirklich auffällt später. Mit Ertragskraft auf ewig hohem Niveau muss man vorsichtig sein. Dieses Modell ist jetzt meiner Phantasie entsprungen …

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