War das der „Goldene Schuss“?

23. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wenn ein Anleger auf ein Ereignis hofft, das einfach nicht eintreten will und daraufhin immer weiter zukauft, anstatt die Verluste zu begrenzen, nennt man ihn bestenfalls einen Narren. Wenn die EZB das tut, tut man so, als hätte sie den Stein der Weisen gefunden. Man kann nur staunen…

Aber genauso stur und verbissen, wie man beispielsweise immer mehr Geld in eine Aktie steckt, die der eigenen Ansicht nach gefälligst steigen sollen (Beispiel gute alte Telekom-Aktie Anfang des Jahrhunderts), versucht die EZB zumindest vordergründig das eigentlich ja einfach nur mal so festgelegte Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen. Davon abgesehen, dass es hier natürlich vor allem um Wachstum und um die Ausweitung des Kreditvolumens mit der Brechstange geht, um das Kartenhaus, aus dem die Finanzierung der Eurozone besteht, am Zusammenbruch zu hindern, agiert die europäische Zentralbank hier mittlerweile mit Mitteln, die in keinem Verhältnis zum angestrebten Ziel stehen. Im Börsianer-Deutsch müsste man sagen: Das Chance/Risiko-Verhältnis passt einfach nicht.

Natürlich kann die EZB ihre Bilanz immer weiter aufblasen. Zum einen kann sie das Geld selber drucken. Zum anderen kann sie natürlich abwarten, bis die aufgekauften Anleihen das Laufzeitende erreichen und dementsprechend zumindest den Nominalbetrag zurückerhalten. Die Frage, was passiert, wenn die EZB versucht, das ganze Zeug irgendwie am Markt unterzubringen, stellt sich damit im Prinzip nicht. Auch nicht, wohin man da ggf. Kursverluste buchen müsste. Man bucht sie einfach aus und gut ist. Notenbank müsste man sein.

Die Frage, die mich umtreibt, lautet vielmehr: Was soll der ganze Blödsinn überhaupt? Haben wir denn nicht eine Zinssenkung nach der anderen gesehen … den Aufbau von Rettungsschirmen … einen Euro, der immer tiefer und tiefer gedrückt wurde und so die Exportperspektiven der Eurozone deutlich hätte verbessern müssen … und haben trotzdem kein Wachstum? Haben wir denn nicht ohnehin schon aufgrund der bereits seit dem Herbst immer wieder auftauchenden Andeutungen eben dieser am Donnerstag beschlossenen Maßnahme bereits Anleihe-Renditen, die jeder rationalen Betrachtung spotten und in kürzeren Laufzeiten in einigen Ländern längst negativ sind … und trotzdem kein Wachstum?

Den Euro immer tiefer zu drücken widerspricht nicht dem Mandat der EZB, denn sie hat für Preisstabilität zu sorgen und nicht für die Stabilität des Geldwertes. Zumindest offiziell. Aber auch, wenn sie immer wieder betont, dass die Wechselkurs-Relationen kein Thema sind, so ist natürlich der fallende Euro dennoch ein ganz gezieltes Mittel, um das Wachstum zu mobilisieren und (als vordergründiges Ziel) dadurch Inflation zu erzeugen und den Preisverfall zu stoppen. Grundsätzlich eine Motivation, die nachvollziehbar ist, denn ein Preisverfall inklusive einer Rezession oder zumindest wie aktuell eines Nullwachstums ist ein fataler Zustand.

Aber durch diese Maßnahmen öffnet sich die Schere, die sich zwischen den politischen Notwendigkeiten und den Aktivitäten der EZB in den letzten Jahren aufgetan hat, noch ein gutes Stück weiter. Während man seitens der Politiker zwar regelmäßig von grundlegenden Reformen spricht, die die Basis der Probleme, sprich der Eurokrise, darstellen, passiert letzten Endes wenig. Beziehungsweise man verlegt sich auf strikte Sparmaßnahmen bei den Ländern, die eigentlich aufgrund ihrer Wachstumsprobleme dringend Konjunkturprogramme bräuchten, weil man der Ansicht ist, dass ein sanierter Haushalt die Basis jeder Gesundung sei. Frei nach dem Motto: Arm darfst du sein, Hauptsache du hast dir die Füße gewaschen.

Aber auch, wenn Mario Draghi immer wieder auf die Fragen der Journalisten hin betont, dass man selbstverständlich das Risiko von Blasenbildungen in einzelnen Asset-Klassen engmaschig überwache, momentan aber dergleichen nicht in Sicht sei, weil (laut Lehrbuch) dazu schließlich auch ein plötzlich deutlich steigendes Kreditvolumen gehöre, scheint mir, dass dieser letzten Endes erst einmal letzte große Schritt der EZB insbesondere dem Aktienmarkt eine Art „Goldenen Schuss“ verpasst. Konkret: Man hat ihn jetzt mit einer Überdosis billigen Geldes unmittelbar an die Grenze eines Kollaps gebracht. Bullishe Akteure würden dies für einen völlig absurden Gedanken halten, das ist mir völlig klar. Aber überlegen wir mal:

Richtig ist, dass, ausgelöst durch die gezielt gedrückten Anleihe-Renditen, zwangsläufig Geld, das investiert werden soll, seitens der institutionellen Investoren ebenso wie seitens der privaten Investoren nur noch den Aktienmarkt als Alternative findet. Die Notenbanken kaufen die Anleihen, das Geld der anderen Anleger strömt dort heraus … und wandert in einen immer höher steigenden Aktienmarkt. Gleichzeitig steigen dessen Bewertungen, weil das billige Geld ja beim Verbraucher letzten Endes nicht ankommt und damit auch das Wachstum nicht ankurbeln kann, weil niemand Kredite aufnimmt, wenn er sie nicht sinnvoll einsetzen kann. Somit können auch die Unternehmensgewinne und deren Umsätze nicht nennenswert steigen und wenn, dann nur durch den wachsenden Exportvorteil durch den fallenden Euro.

Von den Bewertungen her entsteht hier also durchaus eine Blase. Und ob eine solche Blase nun durch Ignoranz vor den realen Risiken wie 2007 entsteht, durch den Glauben an eine neue Ära, in der alte Zöpfe abgeschnitten werden wie 2000 … oder durch die das Maß verlierenden Notenbanken, die in normalen Situationen einer solchen Entwicklung eigentlich Einhalt gebieten würden, ist letzten Endes zweitrangig. Entscheidend ist für die Chancen der Aktienmärkte, dieses Niveau zu halten oder auszubauen nur das, was die Marktteilnehmer tatsächlich tun. Sprich:

Wird man weiter auf diesem Niveau einsteigen beziehungsweise den Fonds, Versicherungen oder Pensionskassen regelmäßig neues Geld zukommen lassen? Oder aber werden die Anleger und Sparer in einer solchen Situation, in der sie ja überall sehen können, dass diese Maßnahmen keinen Erfolg haben, nicht womöglich doch ihr Geld abziehen und lieber einen schleichenden Wertverlust beim Festgeld hinnehmen als das Risiko, dass die Aktienmärkte auch einmal wie in den vergangenen Monaten scharf zurücksetzen, im Gegensatz zu diesen Fällen dann aber nicht blitzschnell wieder nach oben laufen?

Und zwar, weil möglicherweise die großen Hedgefonds, die völlig problemlos und blitzschnell von Long auf Short drehen können und/oder die Banken im Eigenhandel erkennen, dass nun, nachdem die Katze seitens der EZB aus dem Sack ist, die weitaus größeren Gewinnperspektive auf der Short-Seite liegt?

Natürlich hat es in den vergangenen Jahrzehnten fast immer funktioniert, durch die hypnotische Wirkung scheinbarer Sicherheit in Form immer weiter steigender Kurse immer mehr und mehr frisches Geld in die Aktienmärkte zu saugen. Aber natürlich kam es auch jedes Mal zum großen Knall. Und natürlich hat man damals unmittelbar im Vorfeld einer Trendwende jedes Risiko einer solchen brüsk zurückgewiesen mit dem Argument, dass diesmal schließlich alles anders sei. So wie heute auch… (Seite 2)



 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

Ein Kommentar auf "War das der „Goldene Schuss“?"

  1. Michael sagt:

    Das war eine Draufgabe für alle die nach 2009 eingestiegen sind, damit meine ich nicht vor einer Woche. Der Herr Polleit hat das auch ganz gut angesprochen – die Wahl der Aktie entscheidet. Das sowieso. Richtig ist – billiges Geld ist ein Chancenraum und keine Ticket für einen Bus auf einer Einbahnstraße.

    Warum bin ich viel vorsichtiger. Raiba Int. +9%, -9%. Sind wir leicht draufgekommen, dass investment grade nicht speculative grade ist und die OENB die Papiere nicht kauft oder kaufen darf – das legendäre Rating unterm Weichnachtsbaum. Wird trotzdem nichts passieren am langen Ende. Das war jetzt ein wildes Beispiel mit Franken Krediten in Russland und auch der Ukraine. Wenn mal 40% des österr. Bankensektor zu wackeln Beginnen greifen andere Maßnahmen und schaffen neue Wahrheiten.

    Stellen sie sich vor die Weltgemeinschaft kommt auf die Idee und zahlt bessere Löhne. Da würden in Deutschland vermutlich Sendungen laufen die all diese absurden Ideen wiederlegen versuchen und Banner am unteren Bildschirmrand zu sehen sein – Glauben sie nicht der Feindpropaganda. Eilmeldung: Bepe Grillo wird neuer Chef des Chef des BDI. Alles Lüge!!! Dann geht der DAX in die Knie. Black Swan Bepe – Der DAX kollabierte aufgrund einer Falschmeldung auf das Niveau der Commerzbank seit dem letzen Hoch. Die Frankfurter Börse bleibt bis 2060 geschlossen. Herr Müller diskutiert heute Abend am Lagerfeuer gemeinsam mit Maybrit Illner und weiteren Experten aus der Finanzindustrie. Frankfurt wohin soll die Reise gehen. Schafft der DAX den Sprung über die 250 bis 2070. Der Herr Polleit wird zugeschalt und verkündet frohe Kunde – in Cern wurde ein massesloses Teilchen entdeckt das von der Größe her geeignet wäre, den DAX in EUR zwar nicht zu wiegen, aber theoretisch abzubilden sei es auf Basis von Gold oder auch eines Kieselsteins. Eingeblendet wird im Hintergrund das Bild mit der Schubkarre und dann ohne.

    Scherz beiseite. Im ersten Moment wird viel und alles gekauft. Irgendwann werden die Gewinne ausbleiben und keiner weiß warum. Es wird ja alles getan. Das kann Panik auslösen. Alles wird getan und wir ertrinken trotzdem. Dann kommt der Abverkauf. Kein Wert wird verschont bleiben, selbst die guten. Neue Wahrheiten sind immer spannend. Aber es dauert eh mal. Es hat sich nichts geändert. Der DAX ist in Dollar eher ‚günstig‘. Es gibt die andere Seite des Atlantiks auch und zumal alles gekauft wird – es gibt billigere Märkte als Frankfurt. Die sind jetzt noch nicht so attraktiv.

    Börsespiel in die 80er Jahre im Crash – alles ging unter nur Good Year war im plus – hat eine Kollege von mir ausgesucht. Hat sich gedacht, Reifen kann man immer brauchen. Die Chancenräume sind dann wieder für jeden offen, die Anpassungsprozesse an neue Wahrheiten dauern. Es kommt zumeist anders als man denkt.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.