Wann platzt die Lügenblase?

15. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Blasen platzen. Alle. Und ob es nun eine Dot.com-Blase war, die Immobilienblase, die Schuldenblase oder wie aktuell die „Lügenblase“, sie haben bestimmte Elemente gemein: Gemeinhin glaubt die Mehrheit ganz fest daran, dass sie nicht existiert und wenn, dass sie nicht platzen wird…

Und der Zeitpunkt des Zusammenbruchs liegt immer weiter entfernt, als rational denkende Menschen sich vorstellen können, kommt dann aber völlig überraschend, denn vorhersehbar ist er nie. Warum nicht?

Weil Blasen zwar bei objektiver Betrachtung für jedermann sichtbar wären. Aber genau das ist ja an der Börse der Haken. Meist beurteilen die Akteure die Lage sehr subjektiv und handeln emotional (Privatanleger) oder aus strategischen Erwägungen heraus (institutionelle Investoren). Und hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren Daytrader und computergesteuerte Handelsprogramme immer mehr an Bedeutung erlangten – und die denken nicht. Anders formuliert: Man orientiert sich entweder an einer eigenen, subjektiven Realität, die einem in den Kam passt – oder lässt sie komplett außen vor und richtet sich nach den Zwängen der eigenen Performance oder den Kursen als solchen. Das dauert immer bis zum ominösen Zeitpunkt X.

Dem Zeitpunkt also, zu dem sich die tatsächliche Lage so sehr verschlechtert, dass man sie nicht mehr aus seiner Wahrnehmung und damit den Handelsentscheidungen heraushalten kann. Wobei der Witz ist, dass auch das zunächst ein schleichender Prozess ist, denn es sind ja nie alle auf einmal, die plötzlich erschrocken aussteigen. Die ersten Akteure ziehen sich unauffällig zurück, zugleich führt das langsame Eindringen der Realität in die Wahrnehmung dazu, dass bullishe Akteure ihre Positionen wohl noch halten, aber nicht mehr ausbauen. Die Luft nach oben bewegt sich zwischen dünn und nicht mehr vorhanden, während man erkennt, dass dieselbe nach unten höchst umfangreich wäre. Aber erst, wenn die Kurse wirklich ins rutschen geraten, wird aus der im Hinterkopf bereits unbewusst erkannten Gefahr eine derart aktive Bedrohung, dass die Akteure gezielt aussteigen oder– meist erst gegen Ende der Abwärtsbewegung und dann wie immer zu spät – Short gehen.

Dass dieser Prozess sich in den letzten Jahren bei jeder neuen Blase immer länger hinzog, liegt zum einen an oben genannten „Nicht-Denkern“. Trader orientieren sich nur am Kursverlauf, die Trading-Maschinen genauso. Und da sie das Geschehen immer mehr dominieren, wird immer wieder an Unterstützungen gekauft, auch wenn es dazu keinen Grund gibt. Maschinen brauchen keine Gründe. So können sich die Kurse verblüffend lange „oben“ halten und die Bären in die Verzweiflung und/oder ins bullishe Lager treiben. Der Haken dabei ist jedoch: Trader und Maschinen kennen auch kein Maß. Wenn es rutscht, dann schnell und weit. Sehr weit. Die Crashgefahr nimmt in einem solchen Umfeld, in der durch eine massive Zunahme an Derivaten auch noch alles und jedes gehebelt ist, immens zu. Eine brisante Geschichte.

Ein anderer Grund, warum momentan die Wirtschaftsdaten immer mieser werden, die Unternehmensgewinne dies bereits recht oft reflektieren, der DAX oder der EuroStoxx aber trotzdem immer noch verblüffend hoch stehen, während sich in den USA längst ein Abwärtstrend etabliert hat, liegt in Sachzwängen. Die Jahresperformance in den USA war nie so markant wie in Europa – ausgerechnet in Europa. Als sich im Oktober in den USA eine Toppbildung abzeichnete, erschien es den meisten der großen Adressen dort opportun, ihre erzielte Performance dadurch zu schützen, dass man teilweise ausstieg, so den Barbestand erhöhte und den Rest so gut wie möglich durch Short-Positionen absicherte. Was natürlich erst recht zu fallenden Kursen führte.

In Europa jedoch nicht. Dort versucht man mit Mann und Maus Unterstützungen zu verteidigen, deren Äquivalente in den USA längst gefallen sind. Und das geschieht witzigerweise aus der selben Performance-Betrachtung heraus. Normalerweise steigen und fallen die Euro-Börsen, allen voran DAX und CAC40, mit einem Hebel von 1,5 bis 2 gegenüber den US-Börsen. Was bedeutet, dass der DAX eigentlich längst um 6.600 oder tiefer stehen würde, wenn es momentan so laufen würde wie sonst. Aber das tut es nicht – aus zwei Gründen.

Der eine ist der Umstand, dass die Jahresperformance in Europa weit höher ist als in den USA. Jetzt, sieben Wochen vor dem Jahresultimo, erscheint es der Mehrzahl der Fonds, Hedge Funds, Versicherungen etc. klüger, ihre erreichte Performance mit allen Mitteln zu verteidigen und sich mit so hoch wie möglich stehenden Kursen so gut wie möglich ins Jahresende zu retten. Aber wenngleich ihnen das durchaus gelingen könnte, kann das auch genauso gut fürchterlich in die Hose gehen und DAX, Euro Stoxx & Co. die Schere zwischen den US-Börsen und Europa schließen, indem sie blitzschnell „hinterher fallen“. Denn:

Der zweite Grund, weswegen man nicht massiv aussteigt, ist die oben schon erwähnte „Lügenblase“. Was das ist? Das ist die gewaltige Diskrepanz zwischen dem, was uns seitens Banken und Politik erzählt wird und der Realität draußen vor der eigenen Haustür. Solange man selbst nicht unmittelbar betroffen ist, d.h. noch Vermögen und Arbeit hat, fällt es relativ leicht, einfach wegzusehen. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und auch auf das kurze Gedächtnis der Menschen kann man nur bis zu einem bestimmten Grad setzen. Das große Risiko für all diejenigen, die nun z.B. im Dax in der Zone zwischen 7.100 und 7.200 immer und immer wieder kaufen, um die Kurse zu stützen, ohne dass daraus nennenswerter, unmittelbarer Gewinn entstehen würde, weil die Bullen eben momentan nur noch verteidigen, aber nicht mehr angreifen können, liegt darin, dass diese Blase plötzlich platzt.

Denn ich frage mich: Wie viele Leute glauben wirklich, dass das Weihnachtsgeschäft in 2012 sehr gut wird? Dass die Bürger laut Umfragen diesmal fünf Prozent mehr ausgeben werden? Was ist denn das für eine Basis, auf der diese Prognosen abgegeben werden? Ein paar Leute auf der Straße befragen und schauen, wie viel vom Handel bestellt wird? Der bestellt mehr, weil die Bürger angeblich mehr kaufen wollen … aus reiner Hoffnung. Aber den selben Sermon hatten wir auch 2011 – und was war? Das Weihnachtsgeschäft erwies sich als Schuss in den Ofen…

Wie viele Leute glauben wirklich, dass die EU auch nur irgend etwas im Griff hat? Angeblich ist alles auf einem guten Weg. Pleiten drohen nicht. Wer hat denn in den letzten Monaten nicht gemerkt, dass nur das Geld drucken nach belieben diese Pleiten abwenden konnte, die aber faktisch dennoch existieren? Wer hat übersehen, dass es Anfang des Jahres hieß, es werde nur zu einer leichten, kurzen Rezession kommen – während die Konjunkturdaten momentan immer noch schlechter und schlechter werden? Wer glaubt in diesem Umfeld und angesichts von Generalstreiks, dass die EU mit ihren Sparauflagen nicht das dümmste tat, was sie hätte tun können? Wer glaubt, dass die befohlenen Defizitgrenzen Sinn machen, wenn man sie immer wieder ausweiten muss – um danach wieder zu behaupten, sie würden eingehalten?

Wie viele Anleger merken nicht, dass die Analysten die Gewinnprognosen bei den Quartalsbilanzen immer rechtzeitig vor Bekanntgabe senken, um zu suggerieren, dass wieder einmal ganz hervorragende Ergebnisse erzielt wurden, die belegen, dass die Konjunktur prima in Schuss ist? Es ist zu viel gelogen worden in den letzten Monaten. Und nichts wurde besser. Auf Anleihekaufprogramme hin wurde in der Hoffnung, sie würden nun – obwohl ihre Vorgänger es nicht konnten – die Wende bringen, gekauft wir verrückt. Aber es kommt keinerlei Effekt.

Die Schere zwischen Schein und Sein ist jetzt derart groß, dass sie jeden Moment zuschnappen kann. Und wenn die europäischen Bullen einen scheelen Blick nach Übersee werfen und die dortigen Abwärtstrends sehen, dürfte ihnen zusätzlich flau im Magen werden.

Natürlich gibt es dennoch zahllose Menschen hierzulande, die solche Lügen unbesehen glauben, weil sie gut klingen und ihnen in den Kram passen. Wer wollte nicht, dass alles bleibt wie es ist und wenn, dann nur besser wird? Und wenn man nur genug auf Pump lebte, klappte das in den vergangenen Jahrzehnten ja auch. Es gibt ganze Generationen, die es nicht anders kennen. Diese neuen „Biedermeier“ haben keinen Dunst, in welcher Gefahr die Weltwirtschaft ist, ja, dass sie eigentlich längst in einer ausweglosen Situation festhängt. Und wie gerne ist man da bereit zu vergessen, dass in den USA erst vor vier Jahren eine solche Blase aus Ignoranz und einem Leben auf Kredit zusammenbrach … solange einem die eigene Bank nicht die Kreditlinie kündigt? Nur …

… das dumme ist, dass diese Biedermeier nicht für die Börsen entscheidend sind. Sie kaufen, wenn sie Anleger sind, immer als letzte und steigen auch als letzte aus. Eben weil sie dem Glauben schenken, was ihnen erzählt wird. Das sind die Menschen, die mit Wonne in ein fallendes Messer greifen und in abstützende Kurse hinein vermeintliche Schnäppchen machen. Erinnert sich jemand an Telekom, EM.TV, CMGI, Infineon, Mobilcom & Co?

Entscheidend sind die großen Adressen. Also die, die momentan mit aller Macht verhindern wollen, dass die entscheidenden Unterstützungen bei DAX, Euro Stoxx etc. brechen. Und dort weiß man sehr wohl darum, dass der schöne Schein glatt gelogen ist. Und weiß somit auch um das Risiko des Spielchens, das sie treiben. Und genau da liegt der Sprengstoff!

Sollten die Abwärtstrends in den USA nicht gebrochen werden, sprich mehr auftauchen als bloße Gegenreaktionen innerhalb bestehender Abwärtstrends, dann ist es sehr wohl denkbar, dass der eine oder andere große Fonds angesichts der letztlich ja wenig einbringlichen Kursstützungen die Nerven verliert und Positionen in größerem Umfang abbaut. Man bedenke: Wer der erste dabei ist, während die andern noch kaufenund sich dabei auch noch unauffällig via Short-Positionen absichern kann, ist fein raus. Nur die letzten beißen die Hunde. Die Verlockung ist somit groß. Und da diese „Großen“ nun einmal nicht in einvernehmlichem, engen Kontakt stehen, weiß niemand von ihnen sicher, ob sich womöglich ein anderer bereits unauffällig aus dem Staub macht.

Doch genau in dem Moment, in dem die Käufe im Bereich 7.100/7.200 zu gering werden und diese Zone bricht, wissen es alle. Dann merken sie, dass die Phalanx der „Performance-Retter“ Löcher bekommen hat. Und was tut man dann? Noch mehr kaufen? Wenn diese Zone auf Schlusskursbasis bricht, drehen auch die „Nicht-Denker“, sprich die rein technisch orientierten Daytrader und die Maschinen auf Short. Dann gibt es nur eines: Rette sich wer kann – first sell = first save. Dann gilt es, die durch die Stützungen angeschwollenen Positionen so schnell wie möglich loszuwerden und den Rest via Short-Engagements zu hedgen. Plötzlich käme ein massiver Verkaufsdruck, der keine Gegenpositionen findet, außer den wenigen, die den angeblichen Experten in den Medien glauben, die jeden Rücksetzer als Schnäppchen einstufen. Fonds, Hedge Funds, Versicherungen, Daytrader und computergesteuerte Handelsprogramme und die Masse der Privaten gegen ein paar immer noch blauäugige Dauer-Optimisten. Genau dann kracht es gewaltig.

Da muss nicht so kommen. Vielleicht retten sich die großen Adressen wirklich ins Jahresende. Aber es kann eben auch anders kommen – und das ohne Vorwarnung. Daher rate ich dazu: Bis Silvester sollte man mit Long-Positionen in Europa besser immer mit einem offenen Auge schlafen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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2 Kommentare auf "Wann platzt die Lügenblase?"

  1. FDominicus sagt:

    Mir reicht zur Orientierung alleine die Überschrift und die einfache „Wahrheit“ reich an Schulden ~= reich.

  2. Lotus sagt:

    Die Lügenblase platzte in der DDR nach 40 Jahren. Solange brauchte es, bis 17 Millionen Einwohner von den Parteibonzen die Schnauze voll hatten. Abgesehen davon, war der Staat endgültig pleite. Die Folge …. Revolution. Ende, aus, basta.

    Seitdem sind 22 Jahre vergangen und Gesamtdeutschland lässt sich wiederholt unter die Knuffe von Parteibonzen zwingen. Ein Überwachungsstaat mit anderem Namen wird aufgebaut, natürlich unter Rechtsstaatlichkeit und Freiheit. Demokratie heißt das Zauberwort, nicht Sozialismus, daher ist der Bundesbürger in seinem anerzogenen Hörigkeits- und Arbeitswahn beruhigt. Der Staat ist fast pleite. Die Garantien stehen noch aus sowie die Einlösung der 211 Milliarden Pakete oder die 2 Billionen Kreditschulden. Es fehlen eben noch 18 Jahre bis die Lügenblase platzt. Wenn nicht doch noch vorher die Börse/Banken/Brüssel/Bundestagswahl/Energie/Unwetter kracht. Oder, die Majas auferstehen und Deutschland am 21.12.2012 für Bankrott erklären. Ende, aus, basta.

    Lieben Gruß und Gute Nacht.

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