Wann kommt der Flash Crash 2.0?

4. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wenn man unterstellt, dass es keine gravierenden Probleme in der Weltwirtschaft gibt und die Konjunktur allerorten ein solides, sauber fundiertes Wachstum aufweist, können die Kurse weiter steigen, keine Frage. Wachsender Wohlstand führt zu geringer Arbeitslosigkeit und prosperierenden Unternehmen, deren steigende Gewinne und Dividenden Kursgewinne allemal rechtfertigen. Der Haken ist…

Davon gehen momentan nur ein paar wenige Anleger aus, denen das fast durchweg bullishe Getrommel in den Medien die eine oder andere Schraube gelockert hat. Der Rest weiß: In den meisten großen Volkswirtschaften dieser Welt ist die … wie umschreibt man eigentlich „die Kacke am dampfen“, um sich in einer Kolumne gewählt auszudrücken? Nun, dort verliert der Stuhlgang zügig an Eigenwärme.

Trotzdem steigen die Kurse gefühlt immer weiter. Gefühlt, wenn man bearish ist. Bullishe Akteure rutschen schon ein wenig unruhig auf ihren Stühlen herum, wenn sie sich nicht gerade den MDAX als Beobachtungsziel erwählt haben. Denn eigentlich steigt in Europa seit Jahresbeginn gar nichts, während die Kursgewinne in den USA zumindest in den letzten Wochen in ein nervtötendes Seitwärts-Geschiebe übergegangen sind. Nur in Japan, dort, wo konjunkturell außer heißer Luft (davon aber reichlich) gar nichts geht, läuft es. Aber Japan und der Yen sind nicht unmittelbar der entscheidende Punkt. Mir geht es heute vor allem um die US-Börsen. Denn letztlich ziehen die ohnehin alles und jeden mit, wenn dort wirklich wieder Schwung in die Bude kommt.

Und dort geht etwas vor sich, für das ich nur eine wirklich logische Erklärung finden kann. Diese sturen Käufe, die immer dann auftauchen, wenn insbesondere der Dow Jones mal ausnahmsweise ins Rutschen kommt, diese seit zwei Monate anhaltende, enge Seitwärtsspanne im sonst doch so volatilen Nasdaq 100 … was kann die Ursache dafür sein? Wieso schnappen sich die angeblich doch ebenso potenten wie zahlreichen Bullen nicht einfach das Allzeithoch im Dow Jones (Verlaufshoch 14.198 Punkte) und provozieren dadurch zackige Anschlusskäufe? Warum endet jede Rallye im Bereich der oberen Begrenzungen von zwei dominierenden Trendkanälen, einer aus dem Juni, der andere aus dem November 2012? Was ist den das für ein schräges Chartbild! Das muss Gründe haben.

Und die gibt meines Erachtens es in der Tat. In diesem Chartbild des Dow Jones fällt auf, dass zwar geflissentlich versucht wird, den Index ja nicht allzu weit und allzu lange unter die 20 Tage-Linie abrutschen zu lassen, aber alle Versuche, Verluste wieder aufzukaufen, enden an der oberen Begrenzung dieses mittelfristigen, im Chart grün markierten Trendkanals. Da oben kommen keine Anschlusskäufe, da oben kommt Verkaufsdruck. Und das ist extrem brisant.

Ich hatte in meiner letzten Kolumne zu erklären versucht, wo das Problem liegt. Hier versuche ich, das Ganze mal anders zu formulieren. Fast alle realisieren, dass die Lage in Europa und den USA fatal ist. Man befindet sich in einer unlösbaren Zwickmühle, weil man einerseits dringend neues Wachstum bräuchte, andererseits aber die immer schneller ausufernde Verschuldung stoppen müsste. Beides zusammen geht aber nicht, fragen Sie in Griechenland, Spanien oder Portugal nach. Aber das üble ist: Tut man gar nichts … was insbesondere die US-Politik momentan offenbar am besten kann …schmilzt jegliches Wachstum einfach weg, während die Schulden trotzdem immer weiter steigen. Eine Situation, die nur deswegen noch nicht brutaler auf die Unternehmensgewinne durchschlug, weil sich Staaten und Bürger immer weiter verschulden … was aber eine zusätzliche Zeitbombe bedeutet. Das ist, da die Perspektiven klar sind und definitiv abwärts weisen, für Börsen, die doch angeblich vorausschauen, Basis einer Trendwende nach unten. Der Grund, warum diese nicht kommt, ist:

Wir erleben wohl das erste Mal in der Geschichte der Börsen den Fall, dass die Distributionphase nicht funktioniert. Sprich es gelingt den großen Adressen, den sogenannten „sicheren Händen“, nicht, ihre Bestände unauffällig in die Hände unerfahrener Anleger, den „zittrigen Händen“ zu befördern, weil die ihnen das Zeug einfach nicht abkaufen wollen. Die Zahl der Privatanleger sinkt zügig, weil man sich in den letzten Jahren von den Medien, der Politik und dem Börsengeschehen selbst (letzteres kann aber nichts dafür) zu oft belogen fühlte. Dadurch fällt auch der seit Jahren beschworene Exodus aus den angeblich unrentablen Anleihen aus. Im Gegenteil, dorthin fließt weiterhin mehr frisches Geld als in die Aktien. Die Rohstoffe und der Euro haben bereits nach unten gedreht, nur die Aktienmärkte in Japan und den USA halten die Hausse-Fahne noch verbissen hoch. Nur passiert das nicht aus Überzeugung, sondern weil man nicht anders kann! 

Wer gigantische Positionen hält, wie es Banken im Eigenhandel, Fonds oder Hedge Funds tun, braucht starkes Kaufinteresse, um diese verkleinern zu können. Denn nur so gelingt es, die Portfolios zu reduzieren, ohne die Kurse zu sehr unter Druck zu setzen. Und genau das ist natürlich unerwünscht, weil dann ja der Wert der restlichen eigenen Positionen mit sinken würde. Daher war es bislang immer eine klassische Milchmädchen-Hausse, die am Ende eines Aufwärtstrends stand. Aktienmärkte in den Schlagzeilen, angeblich ewig weiter steigende Kurse, der Beginn einer neuen Zeit. 1987, 2000, 2007 lief das so. Diesmal haut es nicht hin. Und das macht die aktuelle Lage extrem gefährlich. Meiner Ansicht nach könnte es theoretisch jeden Tag zu einem Crash kommen. Warum? (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Wann kommt der Flash Crash 2.0?"

  1. Thomas sagt:

    Also bedeutet das jetzt, dass die Kurse in den nächsten Monaten stark steigen werden und uns noch eine „Hammer-Mega-Rally“ bevorsteht.

  2. Austrian sagt:

    „Beides zusammen geht aber nicht, fragen Sie in Griechenland, Spanien oder Portugal nach“ Kurzfristig vielleicht nicht. Wenn man aber die Staatsausgaben jährlich netto senken würde und die Steuern und Abgaben entsprechend mit senken würde, käme der gesamte Dampfer in kürzester Zeit weg von der Klippe.

  3. Waldfee sagt:

    und wenn das Big-Money doch weiss, was es tut? Vielleicht sitzen die auf so viel Cash, daß sie es dringend unterbringen müssen. Und alles ist besser als bei einem Währungscrash auf Barem zu sitzen….. nur so ein Gedanke.

  4. Thomas sagt:

    @ Waldfee: Denke ich auch. Schaut man sich nur die Barreserven der größten deutschen und amerikanischen Unternehmen an, kann die Post noch richtig abgehen.

    Herr Gehrt mag ja richtig liegen. Ich denke aber, dass der Zeitpunkt noch zu früh ist. Klingt zynisch, Aber soll es das jetzt schon gewesen sein?

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