Waldorfpädagogik für Banker: Oder warum alles beim Alten bleibt

4. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Neue Zahlen, altbekannte Erkenntnis… Kernkapitalquoten, Leverage Ratios und andere komplexe Finanzkennzahlen sind typischerweise nicht die Materie, mit der man sich gerne zu Beginn des Wochenendes beschäftigt. Punkt 22 Uhr am vergangenen Freitagabend war es jedoch soweit – die europäische Bankenaufsicht EBA und die EZB veröffentlichten die Ergebnisse ihres diesjährigen Stresstests.

Die Schlagzeilen dominierte daraufhin das wie erwartet schlechte Abschneiden der italienischen Banken, daneben aber auch die kritische Situation einiger der größten deutschen Geldhäuser. Denn mit der Deutschen Bank, der Commerzbank, der Bayerischen Landesbank, der LBBW und der NRW.Bank rangierten immerhin fünf der hiesigen Branchenriesen unter den schlechtesten zwölf von 51 untersuchten Geldhäusern.

Was interessanterweise die Erkenntnis mit sich brachte, dass es um die deutsche Bankenlandschaft nicht so viel besser steht als um deren italienische Pendants.

Klares Schlusslicht der Untersuchung war dennoch einmal mehr die italienische Banca Monte dei Paschi di Siena, die bereits zuvor zum Gesicht der dortigen Bankenkrise geworden war. Diese hatte sich jedoch erst Stunden vor der Bekanntgabe der Ergebnisse ein neues Hilfspaket besorgt, die „italienische Angelegenheit“ ist damit zumindest erstmal vertagt.

Mittelfristig sollte uns die Krise der Banken in Rom, Mailand oder Siena aber noch einmal einholen, bevor es eine groß angelegte Rettungsaktion gibt.

Das schlechte Abschneiden der britischen Bankhäuser erscheint bei nüchterner Betrachtung übrigens fast wie ein nachträglicher „Arschtritt“ für das Brexit-Votum. Zumal die dortigen Banken an der wirtschaftlichen Entwicklung der EU gemessen wurden, der sie zukünftig ja gerade nicht mehr angehören werden. Auch bei den deutschen Banken scheinen angesichts der neuen Zahlen nun Kapitalerhöhungen auf der Tagesordnung zu stehen, denn der Test zeigt einmal mehr Altbekanntes: Die notorische Unterkapitalisierung der Finanzhäuser.

Durchfallen abgeschafft

Aber zunächst mal zu den Fakten: Was beim Stresstest der EBA vor allem untersucht wurde, ist die Frage, wie robust die Banken im Fall einer Rezession dastehen würden. Dafür setzten die Prüfer ein alternatives volkswirtschaftliches Szenario mit einer Entwicklung des BIPs in der EU von -1,2% (2016), -1,3% (2017) und 0,7% (2018) ein.

Die Kernkapitalquoten der Banken wurden anschießend für den Fall einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung und für eben jenes Alternativszenario berechnet. Womit der Stresstest bereits durch die getroffenen Annahmen seine Irrelevanz beweist. Denn nur zur Erinnerung: 2009, im Jahr nach der Lehman-Pleite, lag die Entwicklung des BIP in der EU bei glatten -5,7% – ein Rückgang von rund dem Fünffachen, verglichen mit dem jetzigen Szenario.

Daneben wurden durch den Stresstest primär konjunkturelle Risiken getestet. Die viel eklatanteren Risiken dürften z.B. bei einer Deutschen Bank jedoch erst gar nicht aus der realwirtschaftlichen Entwicklung resultieren, sondern aus den Schwankungen der Märkte und möglichen Fehlpositionierungen im Derivatebestand.

Wenn jedoch bereits ein konjunkturelles „Gegenwindchen“ die Kernkapitalquote von heute 13,2% auf 7,8% drücken könnte, was könnte dann erst bei einem veritablen Sturm an den Märkten passieren?

Der Stresstest wirkt vor diesem Hintergrund wie eine politische Beruhigungspille, die jedoch nicht stark genug ist, um die Schmerzen nachhaltig zu lindern. Die zu überwindende Hürde wurde schlichtweg vorab so niedrig gehängt, dass auch ein Einäugiger mit Krückstock darüber springen konnte. Das öffentlichkeitswirksame Durchfallen – wie noch beim letzten Stresstest im Jahr 2014 – wurde vorsichtshalber ganz abgeschafft. Ein System wie in der Waldorfschule, wo das Durchfallen bekanntlich ebenfalls schwer fällt.

Zu den Märkten

Der Bankenstresstest hinterließ auch beim DAX tiefe Spuren – in erster Linie natürlich bei den Bankaktien selbst. Noch am Donnerstag machten wir im Rahmen unserer „Grafik der Woche – Blinde unter Einäugigen“ auf den desaströsen relativen Kursverlauf der Deutsche-Bank-Aktie im Vergleich zum Branchenindex „STOXX Europe 600 Banks KI“ aufmerksam.

Am Montag knallte es erneut und „die Deutsche“ erreichte einen Tiefkurs wie seit Jahrzehnten nicht mehr – trotz mittlerweile rund sieben Jahren feudalsozialistischer Bankenrettungen durch die verschiedenen Merkel-Regierungen. Dabei machte der Stresstest seinem Namen – wie oben beschrieben – keine Ehre.

Die Wirkung auf den DAX verfehlte dieses „Testchen“ dennoch nicht. Am Montag rutschte der Deutsche Leitindex deutlich ab und kann sich erst heute ein wenig stabilisieren. Treten wir einen Schritt zurück, dann befinden sich die deutschen Standardwerte charttechnisch in einer Dreiecksformation (vgl. Abb., oberer Teil). Der Abwärtstrend seit April 2015 (rote Abwärtslinie, oberer Teil) ist ebenso unverletzt wie der Aufwärtstrend seit März 2009 (blaue Linie, oberer Teil).

2016_08_03+DAX

Lediglich das Scheitern am bisherigen 2016er Hoch (rote Waagrechte, oberer Teil) löste innerhalb(!) dieses neutralen Gesamtbildes das Abwärtsmomentum der letzten Tage aus. Rückenwind kommt dagegen weiter aus den USA. Der dortige Markt bewegt sich im Bereich seiner Allzeithochs. Das ist sogar mit unserem übergeordneten Crack-up-Boom-Szenario kompatibel, denn in solchen Katastrophenhaussen findet regelmäßig eine Konzentration von Mitteln und Aktivitäten auf das Zentrum statt – und der New Yorker Markt ist noch immer das Finanzzentrum der Welt.

Nach unserer Auffassung macht es also relativ wenig Sinn, sich schwerpunktmäßig in den Titeln eines Index zu tummeln, der sich – wie aktuell der DAX – im Niemandsland befindet. In unserem Musterdepot (s.u.) und in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“ (WKN des zugehörigen Zertifikats: LS9CFN) konzentrieren wir uns daher schwerpunktmäßig auf Value-orientierte internationale Sondersituationen und aktuell den Edelmetallsektor.

Wie schwach sich der DAX gegenüber Gold in EUR im laufenden Jahr entwickelt hat, sehen Sie im unteren Teil unserer Grafik. Im Vergleich zu Gold- und Silberminen schnitt der DAX sogar noch wesentlich schlechter ab. Allerdings werden auch dort die Bäume nicht in den Himmel wachsen – zumindest nicht ohne zwischenzeitliche Korrekturen. Lange Rede, kurzer Sinn: Die wesentlichste Anlageentscheidung besteht in der Wahl des vielversprechendsten Marktsegments, alles andere ist Feinjustierung.

Fazit

Die Banken sind sicher – das ist die politische Botschaft des europäischen Stresstests, der letzte Woche veröffentlich wurde. Allerdings war früher auch einmal die Rente sicher, ein Märchen, dass heute niemand mehr glaubt (im aktuellen Heft haben wir auf Seite 34 passenderweise zu diesem Thema einen Gastbeitrag von Michael Grandt).

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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