Experten: Hoch bezahlt und überschätzt…

7. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Auf der Welt sollen schätzungsweise zwei Millionen Menschen herumlaufen, die sich Experte in Sachen Wirtschaft nennen. Oder so gerne genannt werden. Nicht dass die Zahl verifizierbar wäre, doch es gibt sie. Nicht dass die Welt dadurch besser noch berechenbarer gewoden wäre, zumindest werden die Sozialkassen nicht mit ihnen belastet. Das hat doch was!

Nun gut, einen einfachen Job haben sie wahrlich nicht. Sie verdienen auch oft gar nicht so viel. Mehr Geld gibt es, wenn Interessengruppen dahinter stehen. Doch im Großen und Ganzen treffen sie ihre Analysen aufgrund von Lehrbüchern. Neandertaler hätten Steinschleudern benutzt und hätten das „Ding“ sogar getroffen. Heute sind sie nicht mehr nötig. Die Steinschleudern? Ähmmmmm…

Der arme Analyst Mister X. Ich will hier keine Namen nennen. Er hat die Mühen eines Studiums hinter sich gebracht, Dinge gepaukt, Prüfungen bestanden und voller Hoffnung seinen Job begonnen. Er sucht wie seine Kollegen in der Vergangenheit nach Mustern und errechnet daraus die Zukunft. Heute aber steht die ganze Sache zur Disposition. Kritik macht sich breit. Seinen Kollegen geht es nicht anders. In den letzten Monaten sind viele Prognosen schnell das Papier nicht mehr wert gewesen, auf dem sie gedruckt wurden. Warum wirft man nicht einfach das Handtuch und geht nach Hause? Heute sagt man nicht, dass man falsch lag, sondern dass man Prognosen korrigiert.

Trendbrüche

Betrachtet man Trendfolgemodelle bei Hedgefonds, fällt auf, dass diese solange erfolgreich sind, wenn ein Trend sich fortsetzt. Wenn es aber keinen Trend gibt oder ein Trend sich ins Gegenteil verkehrt, hagelt es meist Verluste. Modelle errechnen Renditen auf der Grundlage schnöder statistischer Werte. Unter der Annahme, dass in einer Region alle 56 Jahre ein schweres Erdbeben und alle 23 Jahre eine riesige Überschwemmung stattfindet, ergeben Statistiken, dass man mindestens 18 Jahre in Ruhe gelassen wird. Mit diesen Daten arbeitet man. Was passiert aber, wenn es in einem Jahr zwei schwere Überschwemmungen und zwei Erdbeben gibt? Und eine Grippewelle dazu?

Die letzten Monate sehen ganz nach einem Trendbruch aufgrund einer weltweiten Überschuldung aus. Und hier liegt das Dilemma. Inmitten einer Zeitenwende funktionieren die alten Modelle nicht mehr. Nur weil es viele Jahre wirtschaftlich aufwärts ging, muss es nicht heißen, dass das auch so bleiben wird. Nur weil der Euro seit seiner Einführung erfolgreich war muss nicht bedeuten, dass wir im kommenden Jahr damit auch noch bezahlen. Modelle blenden zudem Betrug und Täuschung aus. Was monetär seit Jahren geschieht, ist zum großen Teil eines von beiden.

Nehmen wir an, ein Truthahn bekommt 1000 Tage lang sein Futter. Mit jedem Tag wird er fetter und sich immer sicherer, dass die fütternde Hand ihm nur Gutes will. Und dann dreht diese Hand am 1001. Tag dem Hahn den Hals um. Nassim Taleb beschreibt das Dilemma mit den Vorhersagen und Erwartungen in seinem Buch „Der schwarze Schwan“. Den unberechenbaren Bereich des Lebens nennt er „Extremistan“.

Extremistan

Ökonomen versuchen die Welt auf der Basis der bislang im hohen Maße zutreffenden Erkenntnisse zu beschreiben. Sie schlagen die Lehrbücher. An 1000 Tagen funktioniert das. Doch dann kommt der 1001. Tag, der vielleicht in die Geschichte eingeht. Prognosen schließen meist das Auftauchen eines schwarzen Schwans aus, dass also nichts Gravierendes passieren wird. Und dann passiert es doch – das Unerwartete. Dass wir so an Prognosen glauben und unser Tun darauf einstellen scheint auch der Tatsache geschuldet zu sein, dass wir einen Halt suchen, einen Weg und in Prophezeiungen das Ziel. Statistisch gesehen ist Extremistan nicht berechenbar und schon gar nicht einplanbar.

Wie lässt sich aber die Masse der in den letzten Jahren veröffentlichten Prognosen erklären? Es scheint ein Geschäft zu sein wie es früher das Kartenlegen war. Daher bekommen die Experten ihren Status zugesprochen. Manche Gurus lagen mit einer Sache treffsicher, was ihren Wert erhöht. Schauen Sie sich die gefeierten Ikonen der Wall Street an: Elaine Garzarelli, Barton Biggs, James Craemer oder hierzulande Markus Frick und Egbert Prior. Man erkannte sie in dem Moment als Star, als sie wie Sternschnuppen leuchteten. Was sich keiner vorstellen konnte, sie kochten oft nicht mal mit Wasser. Sie waren statistische Zufälle, wie alle Gurus. Den meisten schmeichelt es sehr, als Experte angesprochen zu werden. Wer wagt es schon, einem Guru zu widersprechen?

Schreihälse

Experte ist nicht gleich Experte. Wer am lautesten schreit, wird als der bessere Fachmann anerkannt. Wer es in die Presse und auf die Bildschirme schafft, dessen Status wird unangreifbarer. Und so kommen auch Dummköpfe zu Wort, die besser ruhig sein sollten. Sie müssen auch nicht viel fürchten. Ihr Status reicht aus. Was glauben Sie, welche Dinge „Fast-Experten“ auf sich nehmen, um dieses „Fast“ loszuwerden. Sie arbeiten härter, gehen mehr Kompromisse ein und suchen tragfähige Verbindungen. Manche binden sich auch die bunteren Krawatten um oder kriechen Entscheidern dort herum, wo diese gewöhnlich sitzen. Sie sagen, dass unter der Annahme von X, Y und Z das oder das passieren könnte. Und dann kommen A, B und C – und um die Ecke die Feuerwehr daher.

Die Gilde der Experten ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen. Mit Prognosen lässt sich Geld verdienen, die Seele streicheln und auch Macht manifestieren. Dabei ist das wirklich Eintreffende oft gar nicht im Vordergrund.

Es gibt in der Tat einige wenige Experten, die gut liegen. Sie zu finden ist nicht einfach. Meist sind sie mit ihrer Meinung in der Minderheitund damit nicht imRampenlicht. Mag sein, dass auch sie schwarze Schwäne nicht erkennen können, doch diese in ihre Kalkulationen mit einzubeziehen – das wissen sie.

Mit Zahlen und Formeln versucht man die Welt erkennbar und erklärbar zu machen. Und ereignen sich immer wieder die von den Fondsmanagern befürchteten sogenannten Standardabweichungen. Irgendwann geht eine Sache dann schief, weil sich die Bedingungen geändert haben. Die Börse ist weniger vorhersagbar, als man im Allgemeinen annimmt. Oft ist der Wunsch oder die eigene Positionierung Vater des Gedanken. Steigende Kurse beinhalten zudem ein kleines, aber recht wichtiges und oft übersehenes Detail – eine psychologische Komponente. Steigende Kurse sind statistisch gesehen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, den Job zu behalten und damit den Status des Experten. Es gibt nichts Schlimmeres, als ohne beides dazustehen. Gerade jetzt brechen Welten zusammen. Nicht umsonst boomt der Job des Psychologen.

WWW-WW

Wie kann man sich vor Fehlprognosen schützen? Das ist eine der schwierigsten Sachen der Welt. Ich neige dazu, meine eigenen Hausaufgaben zu machen. Dann liege ich wenigstens schief und trage auch die Konsequenzen selbst. Die Meinung von Experten kann eigene Meinungen unterstützen oder ad absurdum führen. Doch sich auf die Meinung eines anderen zu verlassen, geht meistens schief.

Ich erinnere mich an eine Formel einer alten Lehrerin. Sie nannte es „WWW“ „Wer? sagt Was? und Warum?.“ Das erleichtert die Sache ungemein. Ergänzt um ein viertes „W“ – „Wem nutzt es?“ fällt die Einordnung von Prognosen etwas einfacher. Vielleicht hilft noch ein weiteres „W“ – Wer bezahlt wen?

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