Währung: Zeit

31. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Sind das nicht herrliche Tage, an denen der Frühling mehr Spaß macht als jedes Zauberprogramm aus Politik, Zentralbank und Finanzmarkt? Ein öffentliches Spektakel und auch Ärgernis mit noch ärgerlichen Folgen, aber…

… keine Sorge, es interessiert mich derzeit viel mehr, wie lange es draußen hell ist, ob es warm genug zum Radfahren ist oder wann ich meinen Garten endlich bepflanzen kann. Da drüben im Nachbargarten blüht der wilde Kirschbaum. Ich wundere mich, dass er noch immer steht. Die erste Mücke hat mich auch schon gestochen. Herrlich! Das Wetter ist zurück im „Bullenmarkt“. Nein, ich schreibe heute nichts über Finanzmärkte, sondern nur über wichtige Belanglosigkeiten, also irgendwie über das echte Leben.

Der Brexit könnte angeblich so eine wichtige Belanglosigkeit sein. Oder der Trump. Wenn der Trump mir die Stiefmütterchen aus den Beeten zieht, meine Wohnung verschmutzen oder den Atomknopf drücken würde, wäre der wirklich gefährlich. Momentan tut er nichts. Und niemand weiß, was er tun wird. Aber die Experten mit angeblicher Deutungshoheit malen ständig sich widersprechende Szenarien und korrigieren diese beharrlich. Berufsbezeichnung: Experte – viele mit stilsicherem Auftreten aber wenig Ahnung. Wichtig sind sie nur deshalb, weil sie in den Medien auftauchen.

Am Ende ist das Meiste gequirlter Unsinn, der von der Realität recht schnell überholt wird. Die Kunst besteht darin, diesem Firlefanz aus dem Weg zu gehen statt ihn für bare Münze zu halten. Halbwahrheiten werden wahrer, je öfters sie wiederholt werden. Lügen erst recht. Manchmal ist das wie stille Post. Am Ende kommt etwas heraus, was mit dem Ursprung nichts mehr zu tun hat, ja, gar lächerlich ist. Zu wissen, dass man eigentlich nichts weiß, erscheint im Rückspiegel der Zeit als eine garstige Weisheit. Wer weiß schon, welches Spiel wirklich gespielt wird? Das ist alles Unsinn im Kosmos eines normalen Menschen, der mehr Getriebener als Treibender ist. Die Psychopathen dieser Welt kümmern sich schon darum, dass die Getriebenen auch getrieben werden.

Am Ende eines Tages ist man doch meist so schlau wie am Anfang. Ein paar Sonnenaufgänge weiter aber vielleicht doch schlauer. Je mehr man versucht zu erfahren, desto verwirrender ist es. Bauernschläue ist beneidenswert. Letztlich zählt, gut durch die Zeit zu kommen. Doch welchen Maßstab setzt man an? Die meisten benutzen dafür die Geldeinheit, also hat man mehr oder weniger? Reicht das? Oder ist es im Grunde die Zeit, die für die Sterblichen das eigentliche und wichstigste „Asset“ ist?

Es ist gerade 21 Uhr. Ich sitze bei 17 Grad draußen auf dem Balkon und schreibe diese Zeilen. Ich könnte mir jetzt irgend so eine Talk-Show reinziehen, einen dummen Film mit viel Gefühl oder etwas mit 1.000 Toten am Ende. Warum schreibe ich Texte? Weil ich es seit nunmehr neun Jahren gewohnt bin.

Normalität ist etwas Schreckliches. In den letzten Jahren sind ca. 1.500 Kolumnen entstanden. Umgerechnet sind das vielleicht 3.000 oder 5.000 Stunden. Wofür? Um die Welt besser zu machen? Unsinn. Die Welt wird durch Blogs nicht besser. Vielleicht wird sie bunter, unterhaltsamer oder auch informativer. Doch was habe ich erreicht? Nichts. Und das macht auch nichts. Wahrscheinlich habe ich dabei selbst das Meiste gelernt. Schließlich ist jeder für sich verantwortlich, auch wie er mit Zeit umgeht. Irgendwann ist auch alles geschrieben. Das eine war die Pflicht, der Rest bestenfalls die Kür. Ich plädiere ja für das Sammeln von Optionen (keine Optionsscheine!) – also wählen zu können – ob man etwas macht oder es lässt, also Wahlfreiheit.

Zeit

Das kostbarste Gut, das wir haben, ist Zeit und auch die Gesundheit. Dass die Knochen durchhalten und die Birne da oben zwischen den Ohren. Zeit hat eigentlich keinen Preis – nur den, den wir ihr geben. Nur einen Wert. Diesen zu bezahlen, ist unmöglich, denn für einen jungen Menschen ist eine Zeiteinheit nicht so kostbar. Aber was würde jemand bezahlen, der im Sterben liegt, nur für eine zusätzliche Stunde? Als junger Mensch ist Zeit im Überfluss vorhanden. Je älter man wird, desto weniger und kostbarer wird sie. Gleichzeitig stelle ich mir immer wieder die Frage, wem ich sie schenke. Sich selbst oder anderen? Ist es nicht die eigene Freiheit, dies jederzeit frisch entscheiden zu können?

Neulich habe ich beim Radfahren einen alten Mann beim Pflücken von Bärlauch getroffen. Völlig in-effektiv! Und dass da niemand von den Grünen vorbei kam und protestierte, hat mich wirklich gewundert. Und dennoch.. Bärlauch steht gerade hoch im Kurs. Lecker und gesund ist er auch noch. Man muss nur vorsichtig sein, dass man keine Maiglöckchen oder Aronstab erwischt. Vor den Blättern der Herbstzeitlose wird immer wieder gewarnt – in Zeiten, in denen die Leute mangels Erfahrungen einen Karpfen von einer Kiefer nicht mehr zu unterscheiden wissen – und dennoch für sich verantwortlich bleiben.

Wer sagt eigentlich, dass wir so viele Informationen brauchen? Was nützt es uns? Oder wem nützen diese unzähligen Unzulänglichkeiten, die einem täglich in die Haare geschmiert werden, nur weil man es zulässt und dazu Zeit kosten? Dennoch muss es wohl das Gefühl sein, mit Informationen auch Wahrheiten zu bekommen. Die meisten Informationen sind gänzlich kostenlos. Was nichts kostet, ist meist auch nichts wert.

Ich glaube ja, die Leute wollen einfach ihre Ruhe haben und die Gewissheit, dass es ruhig bleibt – dass man vom Einkommen auskommen kann und man gesund dabei bleibt. Ohne das ist alles nichts. Roland Baader meinte so treffend, das einzige wahre Menschenrecht ist das, in Ruhe gelassen zu werden. Wird man aber nicht. Und das kostet Zeit. Warum? Weil man sich diese klauen lässt. Ganz freiwillig in der Hoffnung, dafür etwas zu bekommen. Eine Milchmädchenrechnung!

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