Wacklige Konjunktur-Wahrheiten

12. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

US-Konjunkturdaten bewegen unverändert die Kurse wie nichts anderes. Zweifellos haben die Daten aus Europa und Asien, früher fast als irrelevant abgetan, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Aber nach wie vor geht die Mehrheit der Marktteilnehmer davon aus, dass die Weichen der Weltwirtschaft in den USA gestellt werden…

Das darf und muss man heute kritischer sehen, denn Europa und Asien haben mittlerweile genug Gewicht, um mit den USA ein Triumvirat der Weltwirtschaft zu bilden. Aber das ficht die kurzfristigen Trader nicht an. US-Daten, ob vom Arbeitsmarkt oder den Einkaufmanagern, ob Auftragseingänge oder Bruttoinlandsprodukt, machen Kurse. Aber in wie weit kann man ihnen eigentlich trauen?

Die Medien machen es sich meist einfach. Sie übernehmen schlicht die vordergründigen Aussagen der Zahlen und machen damit Schlagzeilen. Einkaufsmanagerindex zeigt wieder Wachstum in den USA … Arbeitslosigkeit in den USA sinkt markant … die USA wachsen weiterhin deutlich stärker als Europa. Derartige Schlagworte kennt man. Wobei die teilweise absurd groß ausfallenden Korrekturen solcher Daten, die vier Wochen oder gar noch später veröffentlicht werden, Schnee von gestern sind. Das sind keine Nachrichten mehr – vor allem, wenn diese Korrekturen nach unten weisen. Aber das ist nicht alles, worauf man als Anleger achten sollte. Gerade bei den wichtigsten Konjunkturdaten sollte man zumindest grob wissen, wie sie errechnet werden und was sie somit wirklich wert sind. Drei Beispiele möchte ich hier vorstellen:

ISM-Index: viel Schein, wenig Sein

Der sogenannte ISM-Index, der in verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungsbereich aufgeteilte US-Einkaufsmanagerindex, kann kein Wachstum oder eine Schrumpfung der US-Wirtschaft anzeigen. Er kann es bestenfalls suggerieren. Denn hier werden keine zählbaren Fakten abgebildet, sondern subjektive Einschätzungen und Erwartungen der Einkaufsmanager. Ca. 400-500 Einkaufsmanager aus den verschiedensten Branchen werden monatlich zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage ihres Unternehmens befragt, wobei einzelne Sektoren wie Auftragseingänge, Preise oder Produktion jeweils einzeln anzugeben sind. Da sie als Einkaufsmanager das erste Glied der Produktionskette sind, gilt dieser Index als Frühindikator für die kommende wirtschaftliche Entwicklung, wobei der ISM-Index des Dienstleitungsbereiches letztlich eine deutlich höhere Relevanz für die US-Wirtschaft hat, da dieser Bereich einen immer größeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt ausmacht. Klingt alles ganz einfach … hat aber gewaltige Haken!

Zunächst einmal sind diese Aussagen schlicht subjektiv. Eine angegebene Verschlechterung oder Verbesserung der Lage wird nicht durch harte Zahlen verifiziert und kann sehr leicht von Hoffnungen oder Befürchtungen beeinflusst werden. Hinzu kommt – und das ist höchst problematisch – dass die Befragten nur die Wahl zwischen den Aussagen „besser“, „schlechter“ und „unverändert“ haben. Es gibt also keinerlei Abstufungen – und das unterminiert die Aussagekraft dieser Indizes markant. Die Berechnung erfolgt als sog. Diffusionsindex und funktioniert wie folgt: Man nimmt den prozentualen Anteil der positiven Antworten jedes in den Index einfließenden Subindex (z.B. Auftragseingänge), packt dort dann die Hälfte der „Unverändert“-Antworten dazu und errechnet so einen Wert. Dieser wird nach einer speziellen Gewichtung zu den anderen Subindizes hinzugefügt und aus der Summe der Schnitt ermittelt. Dabei gelten Werte über 50 allgemein als Indikation für Wachstum, Werte unter 50 als Signal einer Schrumpfung der Konjunktur. Aber!

Nehmen wir mal das Beispiel, dass 35 % der Befragten ein positives Votum abgegeben haben. 40 % der Antworten lauteten „Unverändert“, die restlichen 25 % meldeten „Negativ“. Gemäß dieser Berechnung kommt so ein Wert von genau 55 heraus – das ist ziemlich positiv. Aber ist es wirklich positiv, wenn nur 30 % der Einkaufsmanager mit Wachstum rechnen, der Rest aber mit Stagnation oder Schrumpfung? Wohl nicht. Und erschwerend kommt ja hinzu, dass es keine Abstufung gibt. Es kann also sehr gut sein, dass die 30 % positiv gestimmten Befragten nur ein kleines Wachstum erkennen können, die 25 % mit negativer Antwort aber einen heftigen Einbruch der Geschäftslage. Das wäre demnach höchst negativ, würde aber, da es keine Abstufungen gibt, trotzdem mit einem Index-Wert von 55 veröffentlicht und damit bullish interpretiert. Ebenso gut kann ein negatives Ergebnis unter 50 in Wirklichkeit eine positive Entwicklung abbilden, weil die Minderheit derer, die Wachstum meldet, dafür aber ein rasantes Wachstum verzeichnet, das aber bei der Befragung untergeht. Fazit: Einfach zu vermelden, dass ein ISM-Index über 50 eine wachsende und unter 50 eine schrumpfende US-Wirtschaft bedeutet, ist eine Vereinfachung, die in die Irre führen kann.

Das US-Bruttoinlandsprodukt: alles Ansichtssache

Immer wieder starren Marktteilnehmer auf die USA und fragen sich, wie das Land trotz Immobilienflaute, Überschuldung und hoher Arbeitslosigkeit ein Wachstum zustande bringt, das immer höher ist als das z.B. Deutschlands. Die Antwort ist simpel: Es ist gar nicht größer. Nur die verbreiteten Zahlen sind es. Aber wer genau hinsieht, erkennt:

Während man hierzulande die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal als „Headline“ veröffentlicht, kommt man in den USA mit einer höchst fragwürdigen Berechnung daher. Denn dort veröffentlicht man eine Quartalsveränderung, die auf ein Jahr hochgerechnet wird. Unsere +0,3 % im 2. Quartal 2012 liegen somit von den +1,3 % in den USA gar nicht weit entfernt. Denn faktisch lag auch dort das Wachstum nur bei +0,325 % (x vier Quartale kommt man so auf die veröffentlichten +1,3 %). Damit sind diese +1,3 % nicht einmal als Momentaufnahme tauglich, denn wer sagt, dass das Wachstumstempo gleich bleiben wird? Aber das ist noch nicht das ganze Problem.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist grob gesagt der Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die während eines betrachteten Zeitraums hergestellt werden. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Der Gesamtwert … wer legt den Wert der Güter und Dienstleistungen fest? Die, die das BIP berechnen. Das wird mit sogenannten hedonischen Preisen gemacht, und die bergen wunderbare Möglichkeiten, eine nicht wachsende Wirtschaft zu einer wachsenden „aufzupeppen“. So wird z.B., ein gutes Beispiel, das ich der Wikipedia entnommen habe, trotz markant fallender Preise für Computerkomponenten die Leistung heutiger Geräte ermittelt und mit dem gleichgesetzt, was man für diese Leistung von 20 Jahren hätte bezahlen müssen. So fließt also ein heute für 1.000 Euro zu habender Computer mit einem Wert in die Wertermittlung ein, der einem ganzen Rechenzentrum von früher entspricht.

(Chartquelle www.shadowstats.com, hier sind die prozentualen Jahresveränderungen abgebildet, d.h. das BIP in Relation zum Vorjahresquartal und keine auf ein Jahr hochgerechnete Quartalsdifferenz)

Es läuft also ähnlich wie bei der Berechnung der Inflation, die nie auftaucht .. es wird nur alles teurer. Dort „strukturiert“ man den Warenkorb zur Inflationsermittlung so, dass es „passt“ … ob irgendwer je auch nur ansatzweise ein solches Konsumverhalten aufweist oder nicht, juckt dabei keinen. Hier, beim BIP, ist man unbeaufsichtigt in der Lage, die Wertermittlung so zu gestalten, dass eine Wirtschaft selbst in einer fatalen Situation noch angeblich wächst. Hinzu kommt, dass die Inflation bei dieser Ermittlung nicht berücksichtigt ist. Shadowstats errechnet seit vielen Jahren, wie sich das Wachstum in den USA wirklich darstellt, wenn man eine reale Wertermittlung ansetzen und die Inflation berücksichtigen würde, o.a. Chart zeigt das ernüchternde Ergebnis: kein reales Wachstum mehr seit 2005…


Die US-Arbeitsmarktdaten: stets eine Wundertüte

Haben Sie sich mal gefragt, woher die US-Regierung so schnell weiß, wie viele neue Jobs in einem gerade beendeten Monat geschaffen wurden, wie die Arbeitslosenquote aussieht etc, während man hierzulande dafür deutlich länger braucht und selbst die Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe, amtlich registriert, einen längeren Nachlauf bis zur Veröffentlichung der vorläufigen Zahlen haben? Antwort: Sie weiß es gar nicht. Sie schätzt bloß. Und das haarsträubend grob!

Die USA brauchen Monat für Monat ca. 140.000 neue Jobs, um die Arbeitslosenquote aufgrund des Bevölkerungswachstums auch nur halten zu können. Aber obwohl diese 140.000 in etwa dem Schnitt der neuen Jobs entspricht, die 2012 pro Monat neu entstanden sein sollen, ist die Arbeitslosenrate von Dezember 2011 bis September 2012 von 8,5 % auf jetzt 7,8 % gefallen. Ein Wunder? Nein, fragwürdige Berechung. Und die funktioniert so:

Eigentlich sind neu geschaffene Stellen und Arbeitslosenrate ohnehin zwei verschiedene Paar Schuhe. Denn sie werden völlig unabhängig voneinander ermittelt.

Die Zahl der neu geschaffenen Stellen wird erhoben, indem das Arbeitsministerium Monat für Monat 140.000 Behörden und Firmen aller Größen befragt (die ca. eine halbe Million Arbeitsplätze abbilden), ob und wie viel Menschen sie eingestellt oder entlassen haben. Das wird dann einfach auf die gesamte Anzahl der registrierten Arbeitsplätze der USA hochgerechnet – und fertig ist die Zahl. Dass diese Methode ergreifend ungenau ist, erkennen wir auch daran, dass der von ADP privat ermittelte Arbeitsbericht, der immer zwei Tage zuvor veröffentlicht wird, oft wirkt, als hätte man dort ein völlig anderes Land untersucht. Beispiel August: ADP meldete für die Privatwirtschaft 201.000 neue Stellen, die Regierung 103.000. Im September waren es bei ADP 162.000, bei der US-Regierung 104.000. seltsam … aber so steht es geschrieben.

Dazu kommen die grausig großen Korrekturen. Anfang September korrigierte man die Ergebnisse der beiden Vormonate um fast 50.000 nach unten, Anfang Oktober war es eine Korrektur um 86.000 nach oben. Für die neu geschaffenen Stellen im Juli (Privat und Regierung zusammen) bedeutete das eine Achterbahnfahrt der Ergebnisse von zuerst +181.000 auf +141.000 und zuletzt wieder rauf auf 163.000. Wie viele neue Stellen waren es denn nun wirklich? Wir werden es nie erfahren … und die US-Regierung wohl auch nicht.

Kommen wir nun mal zur sogenannten „Work Force“ als Basisgröße zur Ermittlung der Arbeitslosenrate. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen fließt in diese Berechnung übrigens in keiner Weise ein. Wie gesagt: zwei Paar Schuhe. Die „Work Force“ ist die Zahl der für Arbeit „zur Verfügung“ stehenden Personen … und diese Zahl sinkt immer weiter. Die Gegengruppe der „not in Work Force“ befindlichen Bürger ist in den letzten zehn Jahren um 20 % auf fast 90 Millionen gestiegen. In dieser Gruppe sind zwar z.B. Selbständige oder Freiberufler, aber auch diejenigen, die sich nicht mehr offiziell als arbeitssuchend gemeldet haben, weil sie vom Arbeitsamt weder Geld noch Job erhoffen dürfen. Auch Personen, die nur eine Halbtagsstelle haben und gerne voll arbeiten würden, werden einfach herausgerechnet. Nimmt man diese Klientel wieder in die Berechnung mit hinein, würden aus den 7,8 % Arbeitslosen auf einmal 14,7 %. Diese Zahl wird in der sogenannten U-6-Berechnung wiedergegeben, die übrigens auch vom US-Arbeitsministerium veröffentlicht wird, was die Medien aber in der Regel ignorieren. Die folgende Grafik von Shadowstats zeigt diese „U 6“ sowie deren eigene Berechnungsgröße, die noch eine weit höhere Arbeitslosequote ausweist, die ich aber so extrem nicht stehen lassen würde.

Diese „Work Force“ ist die Basis zur Berechnung der Arbeitslosenquote. Die andere Seite der Berechnung läuft folgendermaßen: Die Regierung schickt Leute aus, die monatlich 60.000 Haushalte befragen, ob die dort lebenden Personen einen Arbeitsplatz haben. Dieses Ergebnis wird dann wieder auf die gesamten ca. 310 Millionen US-Bürger hochgerechnet. Dabei kommt es zu geradezu grotesken Sprüngen, wie man sich anhand der relativ kleinen Gruppe der Befragten denken kann. So ist der Rutsch der Arbeitslosenquote im September deswegen entstanden, weil nach Hochrechnung der Umfrageergebnisse auf einmal 873.000 US-Bürger im September eine neue Arbeit gefunden haben sollen … während im Schnitt 314.000 in den beiden Vormonaten ihren Job verloren haben sollen. Diese +873.000 waren der größte Zuwachs seit 29 Jahren: kein Grund, an dieser seltsamen Hochrechnungs-Methode zu zweifeln …

Sie sehen: Diese Konjunkturdaten sind alles, nur nicht sattelfest. Sie sind grobe Schätzungen, ungenau, verleiten zu Missinterpretationen und haben damit eine höchst zweifelhafte Aussagekraft. Und doch fangen Millionen Trader weltweit jedes Mal wie wild zu zocken an, wenn derartige Daten herauskommen … melden Medien angeblich Fakten, die keine sind … und brüsten sich Regierungen mit Erfolgen, die womöglich nicht existieren.

Das muss man im Hinterkopf behalten, wenn man derartige Daten vorgesetzt bekommt. Aber man muss eben auch sehen: Die Börsen machen die Kurse nicht, die Marktteilnehmer sind es. Und die Mehrheit des Kapitals entscheidet, wohin die Reise geht. Ist diese Kapitalmehrheit in Händen von Menschen, die an eine positive Aussage irgendwelcher Daten glauben wollen, geht es nach oben. Wer diese Daten besser durchschaut und erkennt, dass sie eigentlich negativ sind, mag recht haben. Aber an der Börse muss man eben nicht recht haben, sondern vor allem recht bekommen. So betrachtet: Man sollte wissen, was vorgeht … aber nicht zwingend stur auf die Wahrheit setzen. Die kommt an den Börsen zwar immer am Ende zum Tragen. Aber bis dahin dauert es oft verblüffend lange!

 

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4 Kommentare auf "Wacklige Konjunktur-Wahrheiten"

  1. FDominicus sagt:

    Ich vermute, den obrigkeitsgläubigen gehen die Argumente aus also „bastelt“ man sich etwas. Leider weiß man nicht mehr welchen Daten man noch glauben kann, offensichtlich sind es keine amtlichen öffentlichen Statistiken mehr. Und an Andere wird man wohl nicht so leicht herankommen.

    Hat da hier vielleicht jemand noch Vorschläge?

    Einer von mir sind die http://www.querschuesse.de/, welche anderen Vorschläge haben Sie?

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